Popmusik : Wohnen und Werkeln

Auf der Suche nach einer Haltung: die neuen Alben von Hot Chip und Delphic.

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320261_0_1bad8ae1.jpg Foto: EMI
Ironie, Zitat und tiefere Bedeutung. Hot Chip aus London. -Foto: EMI

Diebische Vorfreude geht dem Probehören eines neuen Hot-Chip-Albums voraus. Wenn in den letzten Jahren von einer Band ein erhellender Witz zum Stand der Popmusik zu erwarten war, dann von diesen lustig angezogenen Elektropop-Bastlern aus London. Und, so viel vorweg: Das morgen erscheinende vierte Album „One Life Stand“ ist tatsächlich ein lehrreicher Treppenwitz der Popgeschichte. Allerdings auf Kosten der Band.

Hot Chip läuteten Anfang der nuller Jahre die Auflösung klarer Genre-Codes ein, mit vorher so nicht gehörten Bastarden aus Elektro, Indierock und R&B. Die fünf sind typische Schlafzimmerproduzenten, wie sie nur die digitale Aufnahmetechnik möglich machte: geniale Dilettanten, die sich aus den Baumarktregalen der Popgeschichte bedienen.

Der Charme der ersten Hot-Chip-Platten lag im scheinbar Zufälligen und Schrulligen. Ihre Musik schien sich über die Posen von Hip-Hop und Gitarrenrock lustig zu machen und vor allem über sich selbst. Doch Ironie wiesen sie immer weit von sich: „Wir sind eigentlich ziemlich ehrlich in dem, was wir tun“, bekennt der frisch gebackene Vater Alexis Taylor. Doch wer glaubt, dass sich dieser jungenhafte Mann der Wirkung seines Rumkasperns mit zu dicker Brille nicht bewusst wäre!?

Das neue Album „One Life Stand“ eröffnet denn auch mit einer Reverenz an die großen Pop-Ironiker Sparks: „Thieves In The Night“ entstand in Anlehnung an deren Hit „Number One Song in Heaven“ von 1979, wie der Sänger am Telefon erklärt. Disco-Synthies durchziehen das ganze Album, unterbrochen durch samtweiche Balladen. Alexis Taylor klingt dabei noch zuckriger als früher. Hot Chip haben hörbar ihre Arbeitsweise verändert. Schuld ist Peter Gabriel. In dessen Real World Studios nahm die Band letztes Jahr das Vampire-Weekend-Cover „Cape Cod Kwassa Kwassa“ auf – und war beeindruckt, wie leicht es sich musizieren lässt, wenn Song und Aufnahmetechnik schon stehen. Nun mieteten sie sich erstmals ein großes Studio. „Damit hatten wir den Luxus, Gastmusiker einzuladen.“

Einer davon ist Schlagzeuger Charles Hayward, der ab Ende der Siebziger mit Electronica und Field Recording experimentierte. Die Geste, einen unbekannten britischen Progrock-Veteranen einzuspannen, wird durch Camouflage auf die Spitze getrieben, trommelt Hayward doch in „Hand Me Down Your Love“ und „One Life Stand“ ein von ihm so nie gehörtes Stampfen im Stil alter Soulsingles des Stax-Labels.

Das Kabinett der klickenden, zwitschernden und kratzenden Störgeräusche ist noch immer an Bord, aber gezähmt. Ohne Widerhaken schnurrt das Album gefällig durch. Der Kopf einer antiken Statue auf dem Cover deutet an: „One Life Stand“ ist Hot Chips Renaissance-Album. Klare Architektur, entworfen in Rückbesinnung auf die Klassiker; alle Geheimnisse ausgeräumt zugunsten pophistorischer Allegorienspiele. Man ist Profi geworden. Und plötzlich hängt die Musik im Leeren. Das ist umso erstaunlicher, da doch der Vorgänger „Made In The Dark“ bereits das Parodistische überwunden und einen Ausdruck gefunden hatte, der für sich stand. Die versponnen-weihnachtliche Dreivierteltakt-Behaglichkeit von „Slush“ ist schön und lustig. Aber wer was Schönes hören will, hört Sinnead O’Connor. Und wer was Lustiges hören will, hört „Made In The Dark“.

„Irony is over“, sang Jarvis Cocker von Pulp 1998, ironisch, versteht sich. Steckt die Ironie nun wirklich in der Krise? Wenn Taylor recht hat und Hot Chip nie ironisch waren, dann war die Band immer schon schlauer als ihr Publikum: Weil sie wusste, dass sich die Bedingungen der Möglichkeit von Ironie verändert hatten: Wenn alles ironisch ist, ist nichts mehr ironisch. Und sicher waren die Codes, die Hot Chip dem Indie-Pop erschlossen, nie Teil eines lustigen Rollenspiels, sondern zielten auf Durchsetzung. Vielleicht verstanden sich Hot Chip von Anfang an als Meisterschüler. Wenn sie allerdings glauben, dass Meisterwerke für sich selbst stehen, dann waren sie doch dümmer als ihr Publikum.

Er habe während der Aufnahmen viel Beatles gehört, erzählt Alexis Taylor. Tatsächlich erklärt sich der Eklektizismus im Vergleich zum Weißen Album, das das konzeptuelle Seargant-Pepper’s-Korsett sprengte. Doch das Weiße Album hält über Jahrzehnte, was „One Life Stand“ nie gelingen wird. Und die Schuld dafür muss nicht einmal in der Musik liegen, nicht in den Songs, nicht in der Produktion. Eher darin, dass Pop nie einfach nur Songwriting war. Sondern vor allem die richtige Aussage zur richtigen Zeit. Heute, wo Pop weitgehend bastardisiert ist und Mainstream und Underground nicht mehr im Widerspruch stehen, ist von Hot Chip vielleicht gar nicht mehr zu erwarten als immerhin überdurchschnittlich unterhaltsame l’art pour l’art. Ihre Vorreiterrolle hat die Band damit verspielt.

Die Zeit ist reif für starke Positionen. Morgen erscheint auch das Debütalbum von Delphic aus Manchester. Die kaum 20-Jährigen stehen auf der Kritikerliste der BBC für den „Sound of 2010“. In Falsett-Chören, Schlagzeuggepolter und irrlichternden Synthies gerinnt die hedonistische Feier der Unzurechnungsfähigkeit im Nu’Rave-Trend zu heiligem Ernst. Das ist überraschend. Delphic scheinen tatsächlich völlig humorfrei.

„All is left for you is doubt“, besingen Delphic eine flirrende Wirklichkeit, die keine Mauern mehr kennt – aber auch keine Rückzugsräume. Diese Generation kennt Glück nur als Produkt unaufhörlicher Arbeit und Selbstoptimierung – ein zehrendes Versprechen, das die Musik von Delphic zum Tosen bringt.

Das prätentiöse Auftreten der Bombastrocker Muse liegt Delphic dabei fern. Konzepte faszinieren sie, sie schwärmen für Kraftwerk, David Bowie und Björk. In ihrer Wohngemeinschaft mit angeschlossenem Studio herrscht klinische Sauberkeit, und nach einer Show sehen sie lieber einen Film, als mit Mädchen abzuhängen. „Wir sind ernsthafte Streber“, gesteht Multi-Instrumentalist Richard Boardman. „Unsere Wohnung ist eine Werkstatt.“ Es ist kein Rockstarversprechen, das diese Herren antreibt. Es ist ein ambitionierter Kunstanspruch.

Vergangenes Jahr verblüfften bereits die 19-jährigen The XX mit Ernst. Die coole Uneigentlichkeit im britischen Indierock der nuller Jahre scheint vorbei. „Ich denke es ist Zeit für Veränderung“, sagt Richard Boardman, „weg von Kauzigkeit.“ Aber macht einen das nicht verwundbar, sich mit den Dingen zu identifizieren, die man tut? „Doch. Aber verwundbar zu sein, sorgt für mehr Funken. Es treibt einen an, Risiken einzugehen.“

Irony is over – zu Beginn des neuen Jahrzehnts kann man das vielleicht ernsthaft sagen.

Delphic, Acolyte ist bei Cooperative Music erschienen. Delphic spielen am 9. Februar im Berliner Bang Bang Club.

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