Portico Quartet – knee-deep in the north sea : Knietief im europäischen Jazz

Das Portico Quartet aus England schafft es, den sonst eher akademischen Jazz aus Europa am Leben zu halten. Dabei verleugnen die vier jungen Musiker ihre Herkunft nicht. Im Gegenteil. Und aus einer vermeintlichen Schwäche heraus entsteht Großes.  

Martin Väterlein
Jungs von nebenan mit großer Vision
Jungs von nebenan mit großer VisionFoto: Realworld

Die Veröffentlichungspolitik des Portico Quartet ist schon etwas merkwürdig. Auf das Debutalbum „knee-deep in the north sea“ folgte 2009 der Geniestreich mit dem großartigen „ISLA“. Nun im Jahr 2011 veröffentlichen die vier Herren noch einmal ihren Erstling. Freilich sind die Stücke neu abgemischt worden und einige Bonustracks erweitern das Werk. Dennoch hätte sich der geneigte Hörer gänzlich frischen Stoff gewünscht. Denn hinter der eigenen Vergangenheit muss sich das Portico Quartet wahrhaftig nicht verstecken.
Eines jedoch beweist das Frühwerk: Unbedingter und zielführender Stilwille stand schon bei der Taufe dieser Band Pate. Alles, was auf dem Vorgänger und Nachfolger „ISLA“ so faszinieren konnte, die gelungene Mischung aus Jazz, Klassik und einem Hauch Weltmusik, die Schönheit der Melodieführung, die Ausgewogenheit der Instrumentierung, all das ist auf „knee-deep“ bereits angelegt. Und mehr als das. Mit fast erschreckender Konsequenz folgt das Portico Quartet von Beginn an der eigenen musikalischen Vision und gelangt schon früh zu Meisterschaft.
Das Problem, das viele Jazz- oder Popbands, die mit der sogenannten E-Musik flirten, haben, ist ja, dass schnell der Sex-Appeal, die direkte Anziehungskraft verloren geht und am Ende nur noch Nerds zuhören. Diese Klippe umschifft das Quartett in bewundernswerter Manier. Der Trick scheint zu sein, das Problem schlicht zu ignorieren und einen berührenden, mitreißenden, vielschichtigen Track nach dem anderen zu entwickeln.


Das ständige Changieren ihrer Musik, die Unschärfe ihres Ansatzes sorgt für Freiräume zwischen den Stilen, in die die Solisten mit Bravour vorstoßen. So entstehen Momente von fast schon entrückender Schönheit. So etwa beim Titeltrack, der aus einigen Saxophontönen mit Balkantouch in ein zuckersüßes Thema übergleitet und von dort aus weiterschwebt. Alles andere als knietief also.
Am Ende weiß man nicht, ob man gerade Jazz, Filmmusik, Pop oder sonst etwas gehört hat. Eins ist aber wahrscheinlich. Man wird diese Platte immer wieder hören.

 

Ebenfalls neu auf Vinyl:

Die australische Band Cut Copy hat schon viel Großes geleistet und ist hier zu Lande leider noch viel zu unbekannt. Auch auf ihrem aktuellen Album „Zonoscope“ frönen die Männer um Dan Whitford wieder den 80er Jahren. Anders als die meisten anderen Retro-Bands gehen Cut Copy mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit ans Werk. Die 80er Jahre dienen hier nicht nur als reine Blaupause für seltsame Sounds und Neonlippenstift. Die Songs der Australier sind trotz der Anlehnung an frühere Zeiten eigenständig und absolut hörenswert.

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