Porträt : Brian Wilson: Es singt in meinem Kopf

Der Beach Boy, der niemals surfte: eine Begegnung mit Brian Wilson.

Sebastian Leber
Brian Wilsons Foto: dpa
Brian Wilson - hier bei einem Konzert in München. -Foto: dpa

Die Stimmen sind immer noch da. Sie schimpfen und drohen, seit vierzig Jahren geht das jetzt so, und nur Brian Wilson kann sie hören. Sie sagen Dinge wie: Brian, du wirst bald sterben! Oder: Die Leute mögen dich nicht mehr! An manchen Tagen ist es richtiger Terror. Einen schlechten Musiker haben sie ihn noch nie genannt, sagt er. Immerhin.

Wer wissen möchte, wie es um Brian Wilson heute steht, sollte einfach zu früh kommen. So wie am Sonntag in den Serenadenhof in Nürnberg: durch die offene Seitentür treten und sich den Soundcheck ansehen. Eigentlich ist das nicht erwünscht, sagt einer aus Wilsons Tourtross, das Interview finde doch erst in einer Stunde statt. Aber bitte, egal, hinsetzen und nicht stören.

Ein Soundcheck von Brian Wilson sieht 2009 so aus: Der Mann hockt blass in der Bühnenmitte hinter seinem Yamaha-Keyboard und starrt auf leere Stuhlreihen. Um ihn wirbeln neun Musiker, diskutieren, scherzen, geben dem Tontechniker Zeichen, die Gitarre etwas lauter bitte. Sollen wir nochmal „Imagination“ spielen? Brian Wilson schaut starr geradeaus, sagt kein Wort. Man könnte denken, er sei eingeschlafen, aber dann kratzt er sich kurz an der Nase.

Früher, in den sechziger Jahren, gab er die Kommandos. Brian Wilson, der kreative Kopf der Beach Boys, der Perfektionist, der Meister-Arrangeur. Ließ Texte umschreiben, wenn sie ihm nicht gefielen. Ließ Sand in seinem Wohnzimmer aufschütten, als Inspiration für neue Surfsongs. Zwang seine Brüder Dennis und Carl, im Studio Feuerwehrhelme zu tragen, wenn es zur Stimmung des Liedes passte. „Brians Ego-Trip“ hat Cousin Mike Love später „Pet Sounds“ genannt, das kanonisch gewordene Werk von 1966, das als eines der besten Popalben des Jahrhunderts gilt und die Beatles zu „Sgt. Pepper“ animierte. Die letzte veröffentlichte Platte vor Wilsons Drogenabsturz, vor den Depressionen, Angstzuständen, dem Rückzug in die Isolation. Heute lässt Wilson die anderen machen.

Es geht ihm ganz gut, sagt er später backstage auf seiner Couch. „Es wechselt.“ Und die Stimmen im Kopf seien bloß neidisch auf seinen Erfolg. Da lächelt er träge. Brian Wilson, 67, ist müde und wird nicht viel sprechen, hat ein Bandkollege vorher gewarnt. Und ganz wichtig: immer von links fragen, rechts ist er ja taub, seit der Geburt schon. Wilson antwortet in kurzen Sätzen. Er sagt, wie stark ihn der Tod von Michael Jackson belaste. Er habe ihn nur einmal getroffen, vor zwanzig Jahren auf einer Party, aber sie hätten doch manches gemeinsam gehabt. Einen strengen Vater, der Karriere einforderte. Und die genauso belastende, weil stets Höchstleistungen erfordernde Berufsbezeichnung „Genie“. Lange hat sich Wilson gegen dieses Label gewehrt und immer beteuert, er sei nicht mehr als ein guter Songschreiber. Auf der Couch in Nürnberg, in Jogginghose und mit Kugelbauch, da gibt er zu: „Ja, es stimmt wohl, ich bin ein musikalisches Genie.“

Es heißt immer, Brian Wilson habe sich erholt. Als Hauptindiz dafür gilt, dass es ihm 2004 gelang, sein Konzeptalbum „Smile“ zu Ende zu bringen. Den Nachfolger von „Pet Sounds“, der so lange unvollendet blieb, weil es Wilson – und seinem Umfeld – damals schlicht zu viel wurde mit seinen Spleens.

Wilson selbst spricht von später „kreativer Explosion“, die es ihm auch ermöglichte, 2008 ein weiteres Solowerk vorzulegen: „That Lucky Old Sun“, in dem er Kalifornien noch sonnendurchfluteter besang als in seinen Frühwerken. In diesem gesegneten Land warten die hübschen Mädchen am Strand darauf, sich zu verlieben. Und sie tragen Dahlien im Haar. Es ist nicht das Kalifornien, in dem Gouverneur Schwarzenegger vor dem Bankrott warnen muss. Wilsons Surfhymnen waren stets Fantasieprodukte, er stand nie selbst auf dem Brett, den Namen Beach Boys gab der Platten-Manager. Heute mag Wilson nicht einmal mehr zum Strand gehen, das Wasser ist so kalt, sagt er.

Er nimmt einen mächtigen Schluck aus seinem Weinglas, keine Angst, da ist bloß Cola drin. Wilson hält heute Regeln ein. Er sagt, die Sache mit den Drogen sei nicht nur schlecht gewesen. „Marihuana hat mir geholfen, mich auf mein Keyboard zu konzentrieren.“ Ohne LSD hätte es den Hit „California Girls“ wohl nicht gegeben. Aber Kokain und das andere Zeugs von der Straße waren keine gute Idee. Denen verdankt er die Stimmen im Kopf.

Sein Leben soll jetzt verfilmt werden, Hugh Jackman übernimmt die Hauptrolle, sagt Wilson. Im Biopic werde man auch sehen, wie kreativ die Band in den frühen Sechzigern war, zehn Alben in vier Jahren, wer kann das schon. Und wie wild es bei seinen Aufnahmesessions zuging, und ja, auch wie der junge Brian Pillen schluckte. Gibt es etwas, das er nicht in diesem Film sehen möchte? „Den Tod von Mom und Dad.“

In zwei Jahren wäre ein guter Termin für die Veröffentlichung. Dann werden die Beach Boys 50. Eine große Party wird es nicht geben, jedenfalls keine gemeinsame. Seine Brüder sind tot, mit Cousin Mike Love ist er zerstritten, der Mann hat ihn zweimal verklagt, es ging um Songrechte. Heute darf nur Love unter dem Namen Beach Boys um die Welt touren. „Ich werde nie wieder mit ihm auf einer Bühne stehen“, sagt Wilson. „Für kein Geld der Welt.“

Der Mann neben ihm nickt. Jeffrey Foskett ist etwas kleiner und 14 Jahre jünger als Wilson. Früher war er bloß Fan, bis er eines Tages in Bel Air vor Wilsons Haustür stand. Ein „Geschenk Gottes“ nennt Foskett die Begegnung. Seit elf Jahren ist er der Kopf von Wilsons Band, trägt den Titel „musikalischer Direktor“, bemüht sich sichtlich um Wilson. Als Außenstehender weiß man nicht, wer von beiden den anderen nötiger hat.

Auf der Bühne hat Jeffrey Foskett längst die schwierigen Gesangsparts von seinem Idol übernommen. Falsett wagt Brian Wilson nur noch, wenn alle anderen mitmachen. Sie sind wie eine sehr, sehr gute Coverband, mit Echtheitszertifikat am Keyboard. Tatsächlich hat Wilson die meisten von ihnen vor Jahren engagiert, nachdem er sie in einem Nachtklub in L.A. alte Beach-Boys-Nummern covern sah. Foskett spielt Gitarrensoli mit Instrument hinterm Nacken, die blonde BackgroundSängerin tanzt schön. Brian Wilson hebt während der Show manchmal die Arme im Takt. „Ich halte sie in Bewegung und versuche, lebendig auszusehen“, so hat er das einmal erklärt.

Bei seinen Gesangsparts schaut Wilson oft nach rechts. Da steht der Teleprompter. Nur einmal braucht er ihn an diesem Abend keine Sekunde lang. Bei „God Only Knows“ blickt er hoch in den Himmel, schließt dann die Augen. Es ist ihm die liebste Stelle bei jedem Konzert, sagt er. Vor allem diese Harmonie zu Beginn. „I may not always love you / But long as there are stars above you / You never need to doubt it.“ Die hohen Töne hört man kaum, so leise singt er sie. Paul McCartney hat gesagt, „God Only Knows“ sei vielleicht das beste Lied, das jemals geschrieben wurde. Von dem Satz zehrt Wilson heute noch.

Er wirkt nicht unglücklich mit dem, was er tut – oder besser: was er nicht tut. Vielleicht war es ein Segen für ihn, auf jeden Fall war es eine große Leistung: dass er Verantwortung abgegeben hat.

Brian Wilson spielt an diesem Mittwoch um 20 Uhr im Berliner Tempodrom. Karten ab 39 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben