Porträt : Letzte Ausfahrt Graceland

König der Nacht: Seit 30 Jahren ist Elvis tot. Angeblich. Am 16. August 1977 starb der „King of Rock’n’Roll“ – und wurde unsterblich. Porträt eines Wiedergängers.

Tom Fuchs
Elvis
Des Königs neue Kleider: Elvis bei einem seiner späten Las-Vegas-Konzerte. -Foto: dpa

„Ladies and Gentlemen, Elvis has just left the building.“ Diese Ansage war Bestandteil eines Rituals: Sie kündigte auf die Sekunde genau den Bühnenabgang des in die Jahre gekommenen Rock-Idols an, das in den Siebzigern seine eigene Vorstellung von einer Tournee verwirklichte. Während gereifte Fans in Hosenanzügen und Strickjacken in seliger Verzückung verharrten, befand sich Elvis Presley auf dem Weg zu seinem luxuriös ausgestatteten Privatflugzeug, um noch am selben Abend ins heimatliche Memphis zurückzukehren, nach Graceland Mansion, seinem weitläufigen Domizil. Wie sehr es für den King zum Zufluchtsort geworden war, demonstrierte diese Pendel-Diplomatie seiner Tourneen, die er seit seinem Comeback-Konzert in Las Vegas 1970 in kurzen Abständen mit bis zu 155 Auftritten absolvierte.

Im Hochsommer 1977 ist es wieder soweit: Eine zweiwöchige Tournee soll Mitte August beginnen mit einem Fernseh-Special, für das Elvis astronomische 370.000 Dollar einstreicht. Wie immer vor solchen Anlässen befällt Presley eine quälende Anspannung, die er nur mit extravaganter Zerstreuung einigermaßen zu bändigen weiß. Ein paar Tage zuvor hatte er den Vergnügungspark Libertyland von Mitternacht bis zum frühen Morgen für sich und seine neunjährige Tochter Lisa Marie gemietet. Millionen bunter Glühbirnen brannten, Karussells drehten sich, Musikautomaten plärrten, in den Buden brutzelten Presleys Lieblingsspeisen, ein paar Dutzend Autoscooter standen bereit – für einen mächtig aufgedrehten Vater, seine entzückte Tochter und eine Armada hilfsbereiter Hausgeister, Bodyguards und Gefolgsleuten, die nun schon seit Jahren an Elvis’ privater Spaßkultur teilhaben. Um ihn: ein Klima gefälliger Gleichgültigkeit. So überrascht es auch niemanden, als Presley in der Nacht zum 16. August beschließt, seinen Zahnarzt zu konsultieren. Ein paar Stunden später findet ihn seine Freundin Ginger Alden leblos im Badezimmer. Die Pyjamahose ist auf die Knöchel gerutscht, sein Gesicht liegt in Erbrochenem.

Die Todesnachricht, die sich noch in derselben Nacht verbreitet, ist ein Schock. 50.000 Menschen säumen die Straßen von Memphis, als Elvis Leichnam in einem Korso weißer Cadillacs zum Forrest-Hill-Friedhof überführt wird. Und sofort schießen die Gerüchte ins Kraut: Woran starb Elvis Presley wirklich? Auf einer ersten Pressekonferenz erklären die behandelnden Ärzte Herzversagen zur Todesursache. Doch der Laborbericht wird später 14 verschiedene Drogen im Körper des Verstorbenen nachweisen, zehn davon in erheblichen Mengen, Codein sogar in der zehnfachen Dosis dessen, was der Organismus verträgt.

Trotzdem nähren die Todesumstände bis heute Verschwörungstheorien, nach denen der Star gar nicht tot sei, sondern nur spektakulär abtreten wollte, wie er es auch auf seinen Konzerten zu tun pflegte. Durch die Hintertür. Seinen Fans erscheint er in der Suppenschüssel, im Supermarkt oder sitzt plötzlich neben ihnen beim Psychiater – wie ein Blick auf einschlägige Websites („Elvis Lives!“) belegt. Es ist ein populärer Auferstehungsmythos. Jim Jarmusch hat ihn in „Mystery Train“ sogar im Kino etabliert und gezeigt, wie in solchen Vorstellungen das Bild eines seiner selbst müde gewordenen Herrschers mitschwingt, der seinen eigenen Tod inszeniert, um Mensch zu bleiben. Als hätte Elvis Zeit seines Lebens nur Rollen gespielt, aus denen er ausbrechen musste.

Große Figuren des Pop-Theaters

Dem Pop-Theater hat Elvis gewiss ein paar große Figuren geschenkt. Da ist der Rockrebell der frühen Jahre, der ölige Sunnyboy im Kino, dem zahllose Affären mit seinen Filmpartnerinnen nachgesagt werden, oder der schwerfällige Koloss in diamantenbesticktem Ornat auf den Showbühnen von Las Vegas.

Schon früh wird der Musiker Elvis, der bereits 1953 auf die Frage einer Sekretärin, wie er singe, geantwortet hatte, „I don’t sound like nobody“, von etwas anderem überstrahlt: dem Markenprodukt. Elvis wird zum ersten Popstar, bei dem die Musik so wichtig ist wie ihre Verkörperung. Sein Hüftschwung, dieses ekstatische Zucken eines unter Strom gesetzten Körpers, erregt wegen seiner sexuellen Konnotation zunächst heftig Anstoß. Dabei markiert er vor allem die Einheit von Klang und Geste, die sich bis zu den gespreizten Posen der Gangsta-Rapper und Heavy-Metal-Rocker fortsetzt.

Schallplattenproduzent Sam Phillips muss geahnt haben, welches Potenzial in dem Lastwagenfahrer aus Tupelo, Mississippi, steckte, als dieser sein „Sun Records“-Studio betrat, der Legende nach, um seiner geliebten Mutter ein Geburtstagsständchen aufzunehmen, dabei war der Geburtstag längst verstrichen. „That‘s Alright Mama“ von 1954 und die vielen anderen Songs, die in den kargen Räumlichkeiten von Phillips’ Studio entstanden, sollten Maßstäbe setzen für die Entwicklung des Rock’n’Roll. Puristen sind zwar davon überzeugt, dass Presleys künstlerischer Niedergang mit dem Wechsel zur Plattenfirma RCA einsetzte, ungeachtet der Tatsache, dass Elvis bis zur Einberufung zum Militär 1958 Meilensteine wie „Heartbreak Hotel“, „Hound Dog“ und „Jailhouse Rock“ setzte.

Danach begann der schleichende künstlerische Abschied eines Mannes, den seine Stimme zum Rebellen gemacht hatte. Sein Manager „Colonel“ Tom Parker entdeckte im Kino die viel wirkungsvollere Plattform für einen Selbstdarsteller wie Elvis und nervte den Star fortan mit ständig neuen Engagements in drittklassigen Hollywoodstreifen. Er spielte mal einen Rennfahrer („Speedway“), mal einen halbblütigen Cowboy („Flaming Star“), Revolverheld („Charro“) oder den Besitzer einer Ananas-Plantage („Blue Hawaii“). Aber immer hatte er eine Gitarre dabei, eine Band tauchte auf und wusste genau, was er singen wollte.

Die musikalische Karriere geriet indes ins Stocken, daran konnten auch spätere Höhepunkte wie das TV-Comeback von 1968 und Hits wie „In The Ghetto“ und „Suspicious Minds“ nichts ändern. Am Ende bot sich das fatale Bild eines fetten und kurzatmigen Stars als grotesk kostümierter Abglanz des einstigen Sexsymbols. Aus dem Ironiker, der alles auf die leichte Schulter zu nehmen vermochte und mit süffisantem Schmunzeln goutierte, wurde einer, der sich selbst parodierte. Seine Aufgabe, schrieb Popkritiker Greil Marcus, bestand nunmehr darin, „die Tatsache seiner Existenz zu dramatisieren“.

Sein Tod wurde zum Schmierentheater. Einige hoch angesehene Bürger der Stadt Memphis – Hausärzte, Apotheker - hätten sich mit dem Eingeständnis, einen Junkie versorgt zu haben, heillos kompromittiert. Sie alle waren Teil jenes neo-feudalen Herrschaftssystems, das Elvis über Jahre um sich etablierte. Und in das auch die Polizei verstrickt war, in Gestalt all der Ex-Sheriffs, die er als Leibwächter beschäftigte. Seine Großzügigkeit war Bestechung: Wann immer es einen Cadillac oder einen teuren Ring zu verschenken gab, wurden als Gegenleistung Loyalität und Verschwiegenheit erwartet. Graceland, das war, wie sich nach Elvis’ Tod herausstellte, eine Art Xanadu des Pop. Abgeschottet von der Öffentlichkeit lebte der Star in einer ewigen Nacht, tagsüber schlief er, und neigte zu furchteinflößenden Gewaltausbrüchen. Er war ein Outlaw, von der Gesellschaft toleriert. Das hat es seither nicht mehr gegeben. Michael Jackson, der ihm am nächsten kam, wurde seine obskure Kinderliebe zum Verhängnis. Für James Brown waren es die Drogen. Und welche Wendung das Drama der Popularität für Robbie Williams noch bereit hält, ist ungewiss.

Seit 30 Jahren reißt der Pilgerstrom zur Grabstätte in Graceland nicht ab. Man beweint einen Toten, den die eigene Verehrung umgebracht hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar