Porträt : Trailhead: Ich muss zurück auf die Straße

Unterwegs, um Musik zu finden: Hausbesuch beim Country-Sonderling Tobias Panwitz alias Trailhead.

Philipp Lichterbeck
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Globetrotter: Tobias Panwitz.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Er ist keine Schönheit, hat keinen Uni-Abschluss, kein dickes Bankkonto, und besonders cool ist er auch nicht. Und die Musik erst. Völlig aus der Zeit gefallen, hoffnungslos romantisch und weit weg von allem, was das Großstädtische und die Großmäuligkeit Berlins ausmacht. Mit einem Wort: Tobias Panwitz ist Folk- und Countrymusiker. Als solcher nennt er sich Trailhead, ein Begriff, der in den USA den Anfang von Pfaden bezeichnet. Den Namen hat er sich nicht willkürlich gegeben, Panwitz singt über das Laufen. Entlang von Landstraßen und auf Pilgerwegen. In Spanien, Norwegen und Kalifornien. Über das Weglaufen und die Wiederkehr. Barfuß oder mit Stiefeln. Und über die Gedanken, die dabei wie die Landschaften vorüberziehen.

„Road to Salamanca“ heißt das Debütalbum von Trailhead, und es ist ein ziemlich erstaunliches Werk, sowohl was das ausgereifte Songwriting angeht als auch den klaren, golden glitzernden Sound. Panwitz hat 13 vor Melodie und Intimität strotzende Songs geschrieben, die komplett neben dem Trend liegen. Sie haben nichts mit Berlin, aber viel mit der Flucht davor zu tun. Wer „Road to Salamanca“ zum ersten Mal hört, der kommt gar nicht auf die Idee, einem Berliner Musiker zuzuhören. Die Assoziationen tragen einen in die Staaten, zu Bob Dylan oder der alternativen Country-Szene um The Jayhawks. Oft fühlt man sich wegen des wehmütigen mehrstimmigen Gesangs auch an die legendäre Hippie-Band The Grateful Dead erinnert. Alles klingt hier offen, nach Weite und Himmel, keinesfalls aber nach der Friedrichshainer Hinterhofwohnung, wo Panwitz mit seiner polnischen Freundin wohnt und in der er fast alle 13 Songs in Eigenregie aufgenommen hat.

An die Wände hat der 33-Jährige Landkarten von Skandinavien und der restlichen Welt gehängt. Ein Globus steht auf einem Regal, ein Tuch aus Indien bedeckt das gusseiserne Bett, in den Regalen liegen Reiseführer, eine Mandoline lehnt am Klavier. „Ich fühle mich am lebendigsten, wenn ich unterwegs bin“, sagt Panwitz. „Ich kann schlecht still sitzen.“ Der Freiheitsdrang packte ihn nach dem Abitur – die Mauer fiel genau zur rechten Zeit. In Treptow geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen, zog es Panwitz Anfang der neunziger Jahre in den Norden Kaliforniens, um dort in den uralten Mammutbaum-Wäldern zu arbeiten. Mit der Motorsäge legte er alte Wege frei und schulte sein Englisch, das er in der DDR eher nicht so richtig gelernt hatte. „Trailhead“, Ausgangspunkt – den Begriff lernte Panwitz hier.

Dann verschlug es ihn nach Zentralfrankreich auf eine Pferdefarm und nach Schweden, wo er auf einem Bio-Rinderhof arbeitete. Fünf Jahre war Panwitz unterwegs. Anschließend versuchte er Anglistik an der Humboldt-Uni und Naturschutz in Eberswalde zu studieren. „Aber es war nicht mein Ding“, erinnert sich Panwitz, „ich hatte immer das Gefühl, nicht das Relevante zu lernen.“ Die hierzulande so stark vorgegebenen, üblichen Lebenspfade wollte er nicht gehen.

Also zog er wieder los, lief wochenlang auf dem Camino de Santiago in Galizien und probierte später eine wenig bekannte Route des St.-Jakobs-Pilgerwegs aus: Rund 1000 Kilometer vom andalusischen Sevilla nach Santiago de Compostela, an die westliche Kante Spaniens, die früher als das Ende der Welt galt. Finis mundi. Seine Gitarre hatte Panwitz – es klingt wie das Klischee vom Tramp – immer dabei.

„Aber alles, was herauskam, war doch eher emotionale Masturbation.“ Es dauerte Jahre, bis Panwitz sich in der eigenen Song- und Textschreibe selbst wiederfand und sich an die Aufnahme einer CD machte. „Road to Salamanca“ hat er mit einem Haufen befreundeter Musiker und Musikerinnen eingespielt. Panwitz selbst bedient neben Gitarre auch Mandoline, Klavier und Geige, andere haben Schlagzeug, Bass, Akkordeon und sogar ein Mellotron beigesteuert. 2500 Euro hat Panwitz investiert und sich noch ein Mastering in einem Prenzl’berger Tonstudio geleistet, was seinen Songs neben klanglicher Transparenz auch den nötigen Druck verleiht. Für die Fotografin hat Panwitz ein blaues Westernhemd angezogen und sich die Gitarre geschnappt. Er zupft ein bisschen, singt von einer zu Ende gehenden Beziehung mit einem Mädchen. Warum es denn immer so melancholisch, fast schon kitschig, klingen muss? „Ach“, sagt Panwitz, „so bin ich eben, ich mache nun mal konservative Musik. Peter Fox bringt Berlin auf den Punkt. Mir spricht anderes aus dem Herzen.“

Gerade ist er von einer Deutschland-Tour zurückgekehrt. Zuvor hat Panwitz viel Zeit in der Stadt Bergen verbracht. Dort ist die norwegische Musikszene beheimatet. „Irgendwie komme ich in Skandinavien besser an als in Deutschland.“ Panwitz, dunkles Bärtchen und eckige Hornbrille, liegt lässig auf seiner Ledercouch und kann einem mit seiner weise erscheinenden Abgeklärtheit auch etwas Angst machen. „Ich bin jetzt alt genug, um zu wissen, dass ich noch genug Zeit habe, um alles zu tun, aber nicht mehr genug, um sie zu verschwenden“, formuliert er druckreif.

„Ich will unbedingt wieder nach Indien“, sagt er. Vor zwei Jahren war Panwitz schon einmal dort, brauchte aber sechs Wochen, um „innerlich anzukommen“. Also muss er noch mal hin, das Land in sich aufsaugen. In einem der schönsten Songs auf seinem Debüt singt Panwitz: „All around us they just talk talk talk, all we wanna do ist walk walk walk.“ Mit dem Fahrrad hat er Kilometer gefressen, hat in Kanus und auf Pferderücken gesessen. „Aber das Beste ist Gehen“, sagt Panwitz. Aus der Bewegung kommen die Melodien und die Sätze. „Dabei springt der Funke über, aus dem alle Musik entsteht.“

Am Mittwoch, 10. Juni, spielt Trailhead mit Band im Kaffee Burger, Torstraße 58/60, 22.30 Uhr. „Road to Salamanca“ ist bei Canneryrowrecords erschienen.

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