Präsentation : Schönes Ding

Heute in Berlin: Kylie Minogue kehrt mit neuem Album in die Arena des Großpop zurück. "X" lässt jedoch keine autobiografischen Zeilen durchkommen. Ex-Freund und Schauspieler Oliver Martinez bleibt unerwähnt.

Sebastian Handke
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Sieht leicht und verspielt aus. Ist für Kylie Minogue aber harte Arbeit. -Foto: promo

Die traurigsten Zeilen, die er je gehört habe, sagte Nick Cave einmal, habe er aus dem Mund von Kylie Minogue vernommen. „Better The Devil You Know“ heißt das Lied, ein sinnloses Stück Plastikpop aus den Achtzigern, das davon erzählt, dass es besser sei, den Teufel zu kennen, wenn man sich auf ihn einlassen müsse. Zehn Jahre später schrieb der Fürst der Finsternis selbst ein Lied für die lachende Disko-Fee: „Where The Wild Roses Grow“, ein morbides Duett, machte Minogue salonfähig. Dann brachte er sie dazu, den Text ihres Liedchens „I Should Be So Lucky“ während der „Poetry Olympics“ in der Royal Albert Hall in London zu rezitieren. Und so entfachte ausgerechnet Nick Cave eine erstaunliche Karriere, als sie eigentlich schon vorbei war: aus ihrem Kontext gerissen, gewann Kylie Minogue ein spielerisches Verhältnis zum eigenen Image.

Vom Wellensittich zur Projektionsfläche

Der „singende Wellensittich“, wie sie anfangs verspottet wurde, verwandelte sich in eine glitzernde Projektionsfläche – ausgesprochen erfolgreich und über die Maßen beliebt. „Eine ätherische Präsenz“, schwärmt William Baker, Kylies langjähriger Stylist, „bestehend aus nichts als Lichtpartikeln“. Dann unterbrach einer das Spiel: Während der „Showgirl“-Tour 2005 wurde der australischen Sängerin Brustkrebs attestiert. Die Frau trat für kurze Zeit hinter der Erscheinung hervor: nicht Lichtpartikel, sondern sterbende Zellen mussten mit Chemotherapie behandelt werden. Es folgte das Ende ihrer Beziehung mit dem französischen Schauspieler Olivier Martinez. Minogues neues Album „X“, das Zehnte ihrer langen Karriere, das sie heute in Berlin präsentiert, wird daher mit einiger Neugier erwartet: Wann, wenn nicht jetzt, wäre Gelegenheit für ein paar persönliche, vielleicht sogar traurige Zeilen?

Doch keine Spur davon. Einzig „No more Rain“ ließe sich als biographisch interpretieren, ansonsten ist „X“ eine Sammlung glücksstrahlender Dance- Pop-Nummern, produziert von jener wandernden Produzenten-Schar, die derzeit immer zur Stelle ist, wenn eine Pop- Diva sich ins Studio begibt. Unpersönlich ist Minogues Musik – und genau so soll es auch sein. Das Bild der Pop-Diva heute ist von der Erwartung geprägt, dass Musik der schwer errungene Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit sein muss – ein Anspruch, der aus dem Soul und R’n’B kommt, wo Gesangsdiven immer schon die eigene Leidensfähigkeit besingen. Und wer nichts hat, aus dem sich schöpfen lässt, sucht den Ausgleich in Vokalakrobatik (Mariah Carey), Vulgarität (Britney Spears) oder beidem (Christina Aguilera). Zugleich setzte sich das Arbeitsethos der Castingshows mit ihren Arbeitslagern und Drillmeistern als verbindlich durch. Pop ist Arbeit, die man sehen soll.

Keine Spur von Verbissenheit

Kylie Minogue aber hat nichts von der Verbissenheit, mit der etwa Madonna ihre Karriere vorantreibt. Mit aktiver Passivität ließ sie ihre Karriere geschehen, ließ sich immer neu gestalten: wandlungsfähig nicht als Gefäß, das man mit wechselndem Inhalt füllt, sondern wie ein schönes Ding, das sich von jedem seiner Neuschöpfer in ein anderes Licht tauchen lässt, und dem das Vergnügen daran jederzeit anzumerken ist. Sie war niedliche Automechanikerin in der australischen TV-Serie „Neighbours“, Absinth-Fee in „Moulin Rouge“, Miranda in Shakespeares „Der Sturm“, Sex-Häschen, Indie-Braut und Bardot-Verschnitt.

Kylie ließ sich in Szene setzen von Jean Paul Gaultier und dem Monroe-Fotografen Bert Stern. Die goldenen Hotpants und das spärlich verhüllende Kuttenkleid aus dem Clip „Can't Get You Out Of My Head“ wurden ikonisch – Anfang dieses Jahres zeigte das renommierte Victoria and Albert Museum in London Kostüme und Memorabilien aus zwanzig Jahren Kylie-Karriere.

Kylie Minogue verwandelt Disko in Pop

Doch erst nach langer Durststrecke wurden die beiden Alben „Light Years“ (2000) und „Fever“ (2001) zu internationalen Großerfolgen: Teenies, Club-Gänger und ihr schwules Stammpublikum fanden gleichermaßen Gefallen an dieser Musik, in der sich die Hitze der Tanzfläche so zwanglos mit der Euphorie des Frisch-Verliebtseins verband. Mit „Body Language“ (2004) gab sie sich einen etwas kühleren Anstrich, aber das Prinzip blieb das Gleiche: Kylie Minogue verwandelt Disko in Pop. Keine geringe Leistung. Wer sich aber als Gesangsdiva in die Tradition der Disko-Queen einreiht, unterwirft sich damit auch einer altmodischen Verpflichtung: entschlossene Professionalität im Dienste des reinen Vergnügens. Anders als ihre Kolleginnen, die noch jede Perle ihres Tanzschweißes von der Kamera einfangen lassen, sucht Kylie Anerkennung nicht für ihre Mühe, sondern für ihre Wirkung. Was sie tut, soll leicht und verspielt aussehen.

Kylies Pop ist boden- und körperlos, ein Werk ohne Biographie, ohne Psychologie, ohne Entwicklung. Verwandlungen sind sprunghaft und bedeutungslos – nicht mehr als ein Wechsel des Lichts. Aber kann das Spiel ewig weiter gehen? „X“ ist ein durchschnittliches Album, geprägt von der Unsicherheit einer Künstlerin, die nach einer Zwangspause an das Erreichte anknüpft – bevor sie möglicherweise neue Wege geht. Im nächsten Jahr wird Kylie Minogue vierzig Jahre alt.

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