Prinzhorn Dance School : Schaut uns einfach beim Leben zu

Wie das Popduo "Prinzhorn Dance School" als kleines großes Ding abseits der Britpop-Endlosschleife die Londoner Clubszene erobert.

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Die Prinzhorn Dance School: Tobin Prinz und Suzi Horn -

LondonMontagabend im „The End“: Den ersten Abend der Woche hat der eigentlich für Auftritte internationaler Star-DJs bekannte Club im Londoner West End zur „Plattform für die aufregendsten Livebands“ ernannt. Prinzhorn Dance School ist eine aufregende Band. Aufregend laut, aufregend analog, aufregend minimal. Ein Sänger mit Gitarre, eine Sängerin mit Bass. Dazu ein Schlagzeug. Alles sehr klassisch und doch unerhört neu.

Gitarrist und Bassistin rufen Texte ins Publikum: „You’re in the black bunker.“ Es geht gleich los mit dem Albtraumszenario vom Fall ins tiefe schwarze Loch. Jeder Ton, jedes Wort, jeder Schlag entwickelt ein Eigenleben und steht für einen Sekundenbruchteil isoliert im Raum. Jede Leerstelle ist ein Drama für sich. Und doch fügt sich alles auf wunderbare Weise zusammen. Zudem ist dieser scheppernd schleppende Sound unbedingt tanzbar. Das Publikum, der Großteil Anfang zwanzig, ist gespalten. Ein Teil feiert die Band, die anderen haben sich längst in die weiteren Räume des verwinkelten Clubs verzogen.

Diese gespaltene Reaktion ist offenbar typisch. „Wir haben Freundschaften vor der Bühne zerbrechen sehen“, sagt Suzi Horn, die Bassistin und Sängerin. Doch spätestens seit James Murphy (LCD Soundsystem) die Band aus dem südenglischen Seebad Brighton bei seinem New Yorker Label DFA unter Vertrag genommen hat, gelten Prinzhorn Dance School als kleines großes Ding abseits der Britpop-Endlosschleife der Oasisarcticmonkeyskaiserchiefs.

Auf ihrem ersten Album gelingt es den beiden, mit klassischer Rockinstrumentierung einen neuen Sound zu erzeugen. Tobin Prinz spielt auf seiner E-Gitarre kaum je ein Riff. Er tüftelt sich einzelne Töne zusammen, hübsch langsam, einen nach dem anderen, kein Jingle Jangle, kein Twang Twang. Er hat jeden seiner Töne sehr lieb. Sein Instrument hält Zwiesprache mit seinem Gesang. Suzi Horn hält dagegen, ihr Bass rumpelt und dröhnt monoton. Das Schlagzeug verfällt kaum einmal in einen handelsüblichen Rhythmus. Es setzt ein, bricht ab, überschlägt sich, bremst, reißt sich los. Die Texte sind geradezu körperlich: Da läuft Bienenwachs die Heizung herunter, krabbeln Kakerlaken im Speiseeis herum, juckt und kratzt es, wo es nur kann. Ein bisschen Gesellschaftskritik gibt es auch, wenn es in „Service, Service“ heißt, dass Großbritannien nichts mehr produziert, sondern nur noch Dienst leistet.

Wenn überhaupt, erinnert das alles ein bisschen an die frühen „The Fall“. Keine schlechte Referenz. Auf solche Stildiskussionen lassen sich Prinzhorn Dance School aber nicht ein. „Wir sind keine New-Rave-Band, keine Punk-Funk- Band, keine New-Wave-Band, wir sind eine Band-Band“, schreiben sie auf ihrer Internetseite. „Es geht um Erfahrungen, nicht um Klischees“, findet Tobin Prinz.

Sowohl mit seinen beiden Künstlernamen als auch mit dem Bandnamen beruft sich das Duo auf den deutschen Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn, der sich eingehend mit der Malerei von Psychiatriepatienten befasste und damit die Kunstrichtung art brut beeinflusste. „Er ist ein Held“, sagt Prinz, möchte es dann aber auch dabei belassen. Zu viel Erklärung schadet der Erfahrung. Der Zusammenhang liegt ohnehin auf der Hand: Der Begriff „Außenseiterkunst“ lässt sich klischeefrei anwenden auf dieses wundersame, naive, verletzliche Popduo, das die analoge Erfahrung in einer digital verseuchten Welt sucht.

„Wir sind keine Blogger“, so Suzi Horn. „Unsere Musik ist unser Tagebuch.“ Prinzhorn Dance School durchleben und bearbeiten gemeinsam die Kunstform Band, von der Gründung ohne musikalische Kenntnisse, dem gemeinsamen Lernen und Proben bis hin zur Tour, zum ersten Album – und weiter? „Ich habe ein bisschen Angst vor dem, was kommt“, sagt Suzi Horn. Sie fürchtet den Kontrollverlust, der mit aufwendigerer Produktion einhergehen würde. Je mehr Leute sich in den Produktionsprozess einschalteten, umso größer wäre für sie der Verlust. Am liebsten wäre ihr, wenn alles zwischen Tobin und ihr bleiben könnte. Zwischen Prinz und Horn.

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