Produzenten-Tricks : Wir bringen dich ganz groß raus!

Kylie Minogue singt heute in Berlin. Zum Weltstar gemacht wurde sie von drei Herren aus London. Stock, Aitken und Waterman hatten zehn Regeln für den Erfolg - hier sind sie.

Ulf Lippitz
Minogue 1989
Kylie Minogue 1989 bei einer britischen Fernsehshow. -Foto: p-a/fotoshot

1. Finde deine Freunde im Pub

Mike Stock, Matt Aitken und Pete Waterman trafen sich 1984. Stock (geb. 1951) und Aitken (geb. 1956) spielten da bereits erfolglos in diversen Bands. Waterman (geb. 1947, gescheiterter Bahnangestellter, Plattenaufleger und Studioassistent) besuchte zufällig einen ihrer durchschnittlichen Pub-Auftritte im Londoner Stadtteil Kentish Town. Die drei Männer kamen ins Gespräch – und aus ihrer geballten Mittelmäßigkeit erwuchs eine Millionen-Pfund-Idee: Wir machen aus Popmusik Fließbandware.

2. Kümmere dich nicht um Häme

Also brauchten die drei Musikmacher Menschen, die schnellen Erfolg suchten. Wie Sänger Pete Burns von „Dead Or Alive“, einer Disko-Band, die durch Schwulenclubs tingelte. Bis Stock, Aitken und Waterman, kurz SAW, für sie eine High-Energy-Hymne fanden, zu der Burns wie eine aufgeputschte Diva mit Dauerwelle losdonnerte. Das Lied „You Spin Me Round“ erreichte die Nummer eins der britischen Charts, die erste von 15 weiteren aus dem SAW-Stall. Beeindruckende Persönlichkeiten füllten bald deren Studios: ein Busenwunder aus einem Revolverblatt (Samantha Fox), eine minderjährige Lolita, die mit einem Mitglied der Rolling Stones anbandelte (Mandy), und zwei schwarze Nachtclub-Tänzerinnen (Mel & Kim). Weil Kritiker für diese ausgefallene Wahl nur Häme erübrigten, schalteten die Hitmacher 1986 eine Zeitungsanzeige. Darin stand: „You can love us. You can hate us. But you’ll never change us. We ain’t ever gonna be respectable.“ Der Werbespruch gefiel ihnen dann so gut, dass sie dazu eine Melodie komponierten. „Respectable“ von Mel & Kim eroberte die Chartsspitze.

3. Lass das Personal singen

Bei SAW hieß es: Jeder darf ans Mikro, solange er kein Star ist. Also sang 1987 der Studiopraktikant vor, statt Tee zu kochen. Das Ergebnis beeindruckte die Hitmacher. Für den 21-jährigen Rick Astley schrieben sie „Never Gonna Give You Up“. Der Weiße mit der schwarzen Stimme stieg zum erfolgreichsten Popstar 1988 auf. Zeitgleich wählten Zeitungsleser Stock, Aitken und Waterman auf den zweiten Platz einer Liste der unbeliebtesten 80er-Jahre-Erscheinungen. Noch vor Tschernobyl. Nur Margaret Thatcher erhielt weniger Sympathien.

4. Vergiss Termine

Die Jahre zwischen 1987 und 1989 gehörten zu den geschäftigsten der Hitfabrik SAW. Mehr als 60 Millionen Pfund (75 Millionen Euro) Gewinn pro Jahr generierte das Studio. Darüber kann man schon mal den einen oder anderen Termin vergessen – beispielsweise den Aufnahmetermin einer Darstellerin der australischen Seifenoper „Neighbours“. Kylie Minogue saß eine Woche im Londoner Hotel herum, bevor sie Waterman wieder einfiel. Der ließ sie sofort herbeirufen, obwohl er noch gar kein Lied hatte, das sie singen könnte. Partner Stock kommentierte das mit den Worten: „She should be so lucky.“ So bekam der Song schon mal einen Namen.

5. Schreibe schnell und flüssig

Es war eine Krisensituation so richtig nach dem Geschmack des Trios: Diese gewisse Kylie würde in etwa 40 Minuten da sein, man hatte zwar einen Liedtitel, aber noch kein Lied, und alle Räume im Südlondoner Studio waren mit Rick Astley, Samantha Fox und der Girl-Gruppe Bananarama besetzt. Die drei mittelalten Männer flüchteten für die Zeit, die bis zu Kylies Eintreffen blieb, in ein Café um die Ecke und wurden kreativ. Die Legende besagt, dass sie „I Should Be So Lucky“ in 30 Minuten schrieben. Kein schlechter Stundensatz für einen Hit, der sich millionenfach verkaufte und Kylie Minogues Karriere als Popstar einläutete.

6. Variiere nicht zu sehr

Einfache Texte, eingängige Melodien und ein knackiger Disko-Beat, der sich an die High-Energy-Rhythmen der frühen 80er Jahre anlehnte, fertig. Die SAW-Lieder waren vom ersten Moment an erkennbar. Meist begannen sie mit einem stolpernden Beat, der stumpf hallte und rasch in eine Synthie-Fanfare überging. Der Refrain wurde gegen Ende wie ein Mantra dem Hörer eingehämmert, nach drei Minuten klangen die Lieder langsam aus. So sehr ähnelten sich die Hits, dass kurzzeitig das Gerücht kursierte, Kylie würde gar nicht singen – man hätte die Gesangsbänder von Rick Astley genommen und die Abspielgeschwindigkeit beschleunigt. Hundertfache Experimente in Radiosendern auf der ganzen Welt bereiteten der Anschuldigung ein Ende.

7. Versuch nicht, Frauen zu verstehen

Mit dem Erfolg kamen die Tränen. Wann immer Pete Waterman eine Frau traf, wollte sie nur drei Dinge von ihm: Geld, Schmuck und Sex. Das muss für den Mann schlimm gewesen sein. „Was muss ich tun, damit die Frauen begreifen, dass ich auch Romantiker bin?“, fragte er verzweifelt seine Partner. Statt einer Antwort gab es einen Hit: die Sorgen des großen Pete verpackt in Plastik-Pop. „What Do I Have To Do?“, zwitscherte bald darauf schon Kylie Minogue. Kleine Rache der Männer, ihren Männerkummer einer Sängerin unterzujubeln.

8. Inspiriere dich am Küchentisch

Die Klatschblätter verfolgten die junge Kylie Minogue auf Schritt und Tritt. Ihre Affäre mit „Neighbours“-Darsteller Jason Donovan erregte damals die Gemüter wie heute nur noch „Brangelina“. Was für ein Schock, als sich die hübsche Sängerin dann den rebellischen Rockstar Michael Hutchence angelte. Der Sänger der australischen Band INXS galt als Frauenvernascher. Als Kylie Minogues Produzenten von der Liaison erfuhren, sagte Mike Stock am heimischen Küchentisch: „Better the devil you know“, was so viel heißt wie: Gut, wenn man weiß, was einem blüht. Und auch diese Weisheit stieg zur prominenten Liedzeile auf. Es scheint, als wäre jede Konversation der viel beschäftigten Herren damals auf potenzielle Einzeiler abgeklopft worden. Doch offenbar hing das dem Publikum langsam zum Hals raus: „Better The Devil You Know“ von Kylie Minogue erreichte 1990 nur den zweiten Platz der britischen Charts.

9. Hör auf, wenn du genug Autos hast

Dann wurde es hässlich. Das Trio hatte nie einen Vertrag unterzeichnet, vielleicht weil Waterman erst mit 24 Jahren richtig lesen und schreiben lernte. Dafür kaufte er an einem Tag 18 Ferraris. Und er brauchte Zeit, sie zu fahren. Das Imperium war zwar noch eine Goldgrube, aber neue Musikrichtungen wie Acid und Techno nagten am Erfolg, ihre Entdeckungen Kylie und Rick suchten nach neuen Richtungen für ihre Platten. Das Trio zerstritt sich über Liederrechte, Stock und Aitken warfen Waterman vor, er habe sie ausgetrickst, ihnen zu wenig bezahlt. Sie seien die kreativen Genies, er der clevere Haudegen gewesen. Man trennte sich 1993.

10. Und fang nicht wieder an

In Großbritannien feierte Pete Waterman nach der Auflösung von SAW noch Erfolge mit der von ihm zusammengestellten Band Steps. Seine Ex-Partner dagegen tauchten in der Versenkung unter, bis sich alle drei 2005 zusammenschlossen. Sie wollten es noch einmal wissen, das Publikum nicht. Ihr Projekt The Sheilas floppte. Sie hätten die goldene Regel des Pop beherzigen sollen: Komm nie zurück, wenn kein Hahn nach dir kräht! Übrigens, Kylie geht es gut. Tausende Stimmen werden heute Abend im Velodrom nach ihr krähen.

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