Radio Pandora : Affrocke!

Konsequent konservativ: "Radio Pandora" - das neue Stück Musik von BAP.

Nadine Lange

Kölner sind geniale Alltagsphilosophen. Für jede Lebenssituation haben sie eine Weisheit in griffiger Merksatz-Form parat. „Et hätt noch immer jot jejange“, sagt sich der Kölner, wenn er in eine knifflige Lage gerät. Geht es dann doch schief, erkennt er: „Wat fott es, es fott.“ Und so ist er dann schnell bei der kölschen Lebensweisheit Nummer eins: „Et ess, wie’t ess.“ Diese können die Domstädter nun auch singen, denn BAP haben sie für ihr neues Album „Radio Pandora“ vertont. Karaokefreundlich beginnt der gleichnamige Song sofort mit dem Refrain, und das Gitarrenriff ist auch bekannt: aus „Start me up“ von den Stones.

Derartige Wiedererkennungseffekte bieten BAP reihenweise auf ihrem 21. Album. Neben sentimentalen Grübel-Balladen haben sie natürlich auch wieder politisch bewegte Stücke geschrieben. „Diego Paz war nüngzehn“ befasst sich in knapp sieben Minuten mit dem Falklandkrieg (!), „Kron oder Turban“ ist ein Midtempo-Rocker im Namen der Toleranz, und auf „Noh Gulu“ verarbeitet Bandchef Wolfgang Niedecken seine Erinnerungen an ugandische Flüchtlingskinder. Dem alten Haudegen, der wegen seines Afrika-Engagements gern als deutsche Ausgabe der Gutmenschen Bono und Bob Geldorf belächelt wird, gelingen immer wieder anrührende Momente.

Es ist seltsam und bewundernswert zugleich, wie konsequent der 57-jährige Niedecken in seiner von Postmoderne und Internetzeitalter offenbar unberührten Welt verharrt. Da wird noch mit der Schreibmaschine geschrieben, das ewige Idol Bob Dylan eingekölscht und der 50. Geburtstag von Jack Kerouacs Beatnik-Klassiker „On the Road“ besungen.

„Radio Pandora“ erscheint in einer „Plugged“- und einer „Unplugged“-Version, wobei beide mit jeweils über 70 Minuten Spielzeit das Fassungsvermögen einer CD voll ausreizen. Die akustischen Versionen sind oft die spannenderen, weil die Band hier nicht in ihren konventionellen Affrocke-Modus verfällt. Stattdessen versucht sie sich mal am Country („Hühr zo, Pandora“) oder inszeniert im New-York-Abgesang „Wa’ss loss met dä Stadt?“ eine schummrige Bar-Atmosphäre, durch die sogar ein Hauch Tom Waits’scher Melancholie weht. Auch im 32. Jahr ihres Bestehens wissen BAP noch, wie man soliden Deutschrock macht. Und genug Mit-Sing-Hits für die Tour im Winter sind auch dabei. Wat wells’te mehr?

BAP: „Radio Pandora“ (EMI)

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