Radio Sunshine live : Wenn der Sonnenschein das Hirn verbrutzelt

Braucht Berlin einen Radio-Sender, bei dem Kirmes-Techno, Großraum-Disco-Electro und Deppen-Trance den überwiegenden Teil des Programms ausmachen? Martin Böttcher hat mal reingehört.

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Bei Radio Sunshine live sind alle immer gut drauf.
Bei Radio Sunshine live sind alle immer gut drauf.Foto: promo

Bei mir läuft Radio Sunshine Live. Und zwar jetzt schon seit zwei Tagen. Nur wenn ich schlafe, dann läuft der Sender aus dem Süden nicht bei mir. Heißt das, dass ich ein großer Fan bin? Nein, heißt es nicht. Aber ich dachte, nachdem Musikmanager Tim Renner und Paul van Dyk angedroht haben, sich in in Berlin gemeinsam mit Sunshine Live eine Radiofrequenz zu holen, muss man sich das dann vielleicht mal genauer anhören.

Der Reihe nach: Bis zur Pleite hatte das Jazzradio in Berlin auf der UKW-Frequenz 101,9 gesendet. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg hat diese Frequenz jetzt ausgeschrieben, es gibt eine ganze Reihe von Sendern, die sie für sich haben möchten. Auch Sunshine Live gehört dazu. Sunshine Live gibt es seit 1997, hat seinen Sitz mittlerweile in Mannheim und hat sich auf elektronische Musik spezialisiert. Na ja, auf eine bestimmte Art von elektronischer Musik, dazu später mehr. Um ihre Chancen zu erhöhen, hat sich Sunshine Live Tim Renner mit ins Boot geholt. Und Paul van Dyk, der bei Sunshine als Moderator/Präsentator eine eigene Sendung hat. Laut Sunshine-Pressemitteilung soll eine gemeinsame Firma entstehen, weiter heißt es, mit der Beteiligung von Renner und Mathias Paul (so hieß er mal, der Paul van Dyk) habe Sunshine als bundesweiter Radio-Marktführer in Sachen elektronischer Musik seine bereits unangezweifelte Kompetenz noch deutlicher ausgebaut. Whatever ...

Der Kitsch ist mit dabei

Sunshine Live kennen angeblich über sechs Millionen Menschen in Deutschland, seit sich herausstellte, dass die Frau, auf deren Aussage die Klage gegen Jörg Kachelmann beruht, auch dort arbeitet, vielleicht noch ein paar mehr. Ich gehöre auch dazu, auch wenn ich bis jetzt noch nie reingehört hatte. In Berlin läuft das Programm über DVB-T. Und natürlich übers Internet. Als ich vor zwei Tagen eingeschaltet habe, kam mir als erstes Autotune-Electro entgegen (Jay Kay war es) und nichts anderes hatte ich erwartet. Mir schwirren viele Namen durch den Kopf für das, was den überwiegenden Teil des Programms von Sunshine Live ausmacht: Kirmes-Techno, Großraum-Disco-Electro, Atzen-Techno, Deppen-Trance etc. Durch die Bank weg überpathetische, euphorische Tracks. Und wenn es mal etwas ruhiger wird, ist der Kitsch sofort mit dabei.

Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: promo

Es stimmt, was Sunshine, van Dyk und Renner sagen: So einen Sender gibt es im Berliner Radionetz noch nicht. Die Frage ist allerdings: Braucht Berlin einen solchen Sender auf einer der UKW-Frequenzen? Sunshine Live ist die Fortführung des dummen Dudelfunks mit anderen Mitteln. Allerdings, so steht es weiter in der Pressemitteilung, soll das Berliner Programm anders sein als das bisherige. Anders geht es wohl auch nicht: Berlin steht für vieles, für Minimal und Techno und eine Clubkultur, die sich nach wie vor am Underground orientiert (wer das nicht glaubt: Versucht doch mal, in einem der Berliner Clubs mitzuzählen, wie viele der dort gespielten Tracks ihr mit Namen kennt). Berlin steht allerdings nicht gerade für Kommerz-Techno und Trance-Exzesse. Was also hier fehlt, ist ein Sender, der sich allen Arten der elektronischen Musik widmet, einer, in dem sich Detroit-Techno und Deep House und die Deutschen Dance Charts auf intelligente Art den Plattenarm in die Hand geben. Und nicht das: Moderatoren, die ihre Bs und Ps, ihre Ds und Ts, ihre Gs und Ks vertauschen, als gebe es kein Hochdeutsch. Moderatoren, die schreien, als müssten sie den Krach einer Love Parade übertönen. Will ich wirklich Moderatoren hören, die mir verraten, wo ich meinen "Body shaken" kann? Nein, will ich nicht. Wollte ich noch nie, als Kind nicht, als Teenager nicht, als Erwachsener nicht. Und es muss auch nicht alles "fett" und "geil" sein - nur, weil ich elektronische Musik mag, bin ich ja kein Gehirnamputierter, oder? Ich werde aber als solcher behandelt: Schon nach einer Stunde habe ich fünf Mal erfahren, dass die "Sunshine Live Vol. 35" draußen ist und ich sie mir kaufen kann, nein, kaufen muss. Bzw. am Sonntag mehr darüber erfahren kann.

Hands-up-Momente und Kondomwerbung

Weitergehört: Warum ist einer der Moderatoren da einfach nur "der Philipp"? Hat er keinen Nachnamen? Sind dort alle "ein bisschen verrückt", wie ich erfahre, deshalb reicht das? Jedenfalls hat das was von einer Insider-Veranstaltung. Und führt bei mir dazu, dass ich Sunshine als Ganzes nicht mehr ernst nehmen kann. Der Sender hat etwas Gekünsteltes, "Fakes" an sich. Noch mal: Muss elektronische Musik so verkauft werden, als stamme sie von Gehirnamputierten für Gehirnamputierte? Ich weiß, es gibt Menschen, die genau das über Techno und die Club-Welt denken, aber Zeitschriften wie die De:Bug oder die Groove zeigen, dass man auch intelligent und sich selbst und die Musik ernst nehmend an die Sache herangehen kann.

Viel mehr zu erfahren gibt es bei Sunshine nicht: Seltsame Gamer-Hinweise, uninspirierte Kino-Tipps, mehr gab es kaum. Nachrichten noch, die waren kurz und OK, es ging um Anti-AKW-Demo, ums Oktoberfest, um die Wahlen und die Gewalt in Afghanistan, ein O-Ton ist extrem schlecht zu verstehen, weil das untergelegte Musikbett zu laut ist: Sunshine Live hat Angst vor Stille! Außer natürlich, es handelt sich um die euphorische Pause, den Hands-Up-Moment in einer der 08/15-Trance-Nummern, die da so laufen. Dann darf es mal kurz leise werden, um danach euphorisch weiterzumachen. Die Werbung: Viel Auto-Werbung, auch Auto-Aufmotz-Werbung, Versicherungswerbung (für Eltern), irgendwas mit App fürs Radio. Ach so, da ging's um die Sunshine-Live-App ... Kondomwerbung. Und dann der nächste Track: Schon wieder eine alte Nummer aus den 80ern, im neuen Remix oder als Remake, so genau bekomme ich das nicht mit. Aber ich höre, was der Moderator sagt: Africa von Toto, in dieser neuen Version ja viel zeitgemäßer. Nun ja.

Nicht intelligent, nicht sympathisch

Sunshine Live ist gerade beim Deutschen Radiopreis ausgezeichnet worden - es ging um das Sound-Design. Man weiß ja, wie das bei solchen Preisverleihungen vor sich geht: Viele Preise müssen an viele verschiedene Stellen verteilt werden, damit die dann wiederum darüber berichten und den Preis bekannt machen. Ich weiß also nicht, ob Sunshine zu Recht diesen Preis bekommen hat, ihr Sound-Design kommt mir nicht besonders auffällig vor, aber vielleicht ist das gerade ein Qualitätsmerkmal beim Sound-Design. Ist auch egal, viel wichtiger ist, was die Macher in ihrer Dankesrede gesagt haben. Sie dankten der Jury für den Preis, weil ... die Jury Recht hätte, Sunshine den Preis zu geben. Das ist nicht nur nicht besonders intelligent, es ist auch alles andere als sympathisch.

Zum Schluss noch was Gutes? Es gibt vereinzelt sogar Shows, die aus dem herkömmlichen Schema ausbrechen. Und nicht alle Moderatoren sind unerträglich, manche scheinen ganz nett: Ihre Stimme bleibt unten, sie reden normales Deutsch und haben sogar was zu sagen. Martin Eyerer zum Beispiel. Hoffentlich werden sie deshalb nicht gefeuert, wünscht man sich. Ansonsten: Schön, dass ich jetzt ausschalten kann.

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher gibt auf Tagesspiegel.de in der Rubrik Spreelectro regelmäßig Pop-Tipps aus Berlin. In seinem Blog Technoarm schreibt über alles, was mit elektronischer Musik zu tun hat.

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