Rainer von Vielen : Neues vom Rock-Olymp

Elektro-Punk-Hop-Protest aus dem Allgäu: Rainer von Vielen ist für die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth der heiße Musik-Tipp für die 2010er Jahre.

Claudia Roth
Claudia Roth (Bildmitte) 1983. Foto: Hollander
Claudia Roth (Bildmitte) 1983.Foto: Hollander

Der deutsche Rock-Olymp 2010 liegt in den Allgäuer Alpen! Im Einsiedlerhof, den der Elektro-Punk-Hop-Protestsongwriter Rainer von Vielen mit seinem Gitarristen, Manager und Sandkastenfreund Michael Schönmetzer bewohnt. In luftiger Berghöhe hecken die beiden die
spannendsten Sachen aus, die in den letzten Jahren zu hören waren - wenn sie nicht zusammen mit dem Bassisten Dan le Tard und Niko Lai am Schlagzeug auf Endlos-Tour durch die Republik sind.

Kennengelernt habe ich das Allgäuer Buben-Quartett bei Albert Ostermaiers Brecht-abc-Festival in Augsburg. Mit ihren Auftritten schufen sie den Soundtrack für das hochkarätige Literaturfestival. Seitdem bin ich eingeschworener Fan und gehe in die Konzerte, wann immer
ich kann. Zuletzt am 18. März im Kreuzberger „Lido“. Dort stellten die Band ihre neue CD „Milch & Honig“ vor. Nach „Kauz“ aus dem Jahr 2008 ihre inzwischen zweite CD für das Berliner Motor-Music-Label, wo Tim Renner sie als erste bayerische Gruppe unter Vertrag genommen hat. Eine Entscheidung mit Weitblick!

Gleich das Intro beim Kreuzberger Konzert brachte das hervorstechende musikalische Stilmittel, Rainer von Vielens tibetanischen Kehlgesang, der in abgründigen Tiefen die Bauchdecke vibrieren lässt, dabei aber nie zum Eso-„Omm“ oder zum kalkuliertem Metal-Horror-Effekt wird, sondern heftig rhythmisiert wie ein Klangextrakt aus Bass, Percussion und Synthesizer wirkt – halb menschliche Stimme, halb Maschine, eine Maschinenmensch-Stimme, die ein Hör-Bild ist auch für einen Weltzustand, in der subjektive Innenwelten von den Reizfluten des Alltags überschwemmt werden, so wie es der geniale Song „Innen an Außen“ von der ersten, noch selbst produzierten Rainer von Vielen-CD beschreibt.

Die reale Reizflut in die Musik hinein nehmen, um daraus ein widerständiges musikalisches Ganzes zu machen, das ist eine Stärke der Musik von Rainer von Vielen, der nicht zufällig auch den Protestsong-Contest des österreichischen Radiosenders FM4 gewonnen hat. Gut deutlich wird die Transformationsarbeit in „Asche zu Asche“, dem für mich besten Stück der neuen CD: „Asche zu Asche, über mein Haupt, Asche zu Asche – zu Staub!“ Das sind weltliche Aschermittwochs-Exerzitien des Punk-Hops, Ausbruchsversuche aus einem unüberschaubar gewordenen „Raum, in dem „die linkeste der Ecken schon nach rechts außen schmeckt“ – wie es in „Alles ist verbunden“ heißt.

Rainer von Vielen - Buddha. Foto: Promo
Rainer von Vielen - Buddha.Foto: Promo

Bei Rainer von Vielen geht es um Freiheit in der vernetzten und vermachteten Wirklichkeit


Ausbrechen aus der vollkommen durchgecheckten Welt – auch eine Textzeile aus „Der Abstand“ (von der „Kauz“-CD) bringt diesen Anspruch auf den Punkt: „Freiheit ist der Abstand von Jäger und Gejagtem!“ – ein Satz des chinesischen Dichters Bei Dao, der nach dem Massaker auf dem Tien-An-Men-Platz China verlassen musste. Bei Rainer von Vielen geht es um Freiheit in der vernetzten und vermachteten Wirklichkeit, in einem „Raum, in dem sich alles wie von selbst verlinkt“. Es geht auch um den Kampf gegen totale Kontrolle, die Menschen zur bloßen Schnittstelle der Maschinenwelt macht.

Aber wie sich wehren? Welche Art von  Widerstand? Rainer von Vielen sucht auch nach Verschiebungen im Diskurs, nach subversiven Sprachstrategien, nach einer neu kreierten Sprache, die der herrschenden Matrix von Konsum und Gewalt widersteht („Sandbürger“).

Das Lido-Konzert war zweieinhalb Stunden Intensität pur, ein einziger Sog von der Bühne. Vom ersten Ton an: Mitsingen, Abrocken, ohne Pause – obwohl auch beim Kreuzberger Gig der Teufel seinen Anteil gefordert hatte. Diesmal von Drummer Niko Lai, der sich kurz vor dem Konzert den Kick-Drum-Fuss gebrochen hatte. Zum Glück konnte Jürgen Schlachter, der das neue Album gemastert hatte, einspringen, wodurch das Konzert ungebremst über die Bühne ging.

Bei allem Tempo gab es aber auch eindringliche Momente der Ruhe, vor allem beim Rainer von Vielen-Superhit: „Summ, summ, summ“, ein Stück für Stimme und Akkordeon solo. Ein Mutmach-Lied am Rande der Verzweiflung. Hier höre ich jenen Hauch Schwermut, gepaart mit dem Widerstandsgeist, den ich von Rio Reiser und den Scherben her kenne: „wenn die Arbeit kein Geld mehr nach Hause trägt und die Heizung vor Asthma keucht …“.

Rainer von Vielen ist für mich der heiße Musik-Tipp für die 2010er Jahre. Keine Frage, dass zum Konzertende das Feuerzeug leuchtet, bis auch der Daumen glüht!

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