Rammstein-Produktion : Die harte Nummer

Sind Porno und Pop dasselbe? Rammstein treiben die Sexualisierung auf ihrem Album "Liebe ist für alle da" sehr weit. Dennoch löst ihre sechste Studioproduktion nicht mehr die altbekannten Schockwellen aus.

Kai Müller
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Rammstein bei einem Konzert 2005. Sie lieben das Spiel mit dem Feuer. -Foto: dpa

BerlinStell dir vor, es ist Rammstein und keiner regt sich auf. Da würde es ziemlich ruhig werden. Vielleicht klappt es diesmal. Zwar hat die einzige deutschsprachige Band, die auch in Amerika große Erfolge feiert, seit vier Jahren kein neues Album mehr gemacht, trotzdem löst die Veröffentlichung von „Liebe ist für alle da“, ihrer sechsten Studioproduktion, nicht mehr die Schockwellen aus, die frühere Wortmeldungen der sechsköpfigen Krawallrocker zu begleiten pflegten. Als habe man sich kollektiv darauf verständigt, sich diesmal nicht aus der Reserve locken zu lassen von den finster blickenden Burschen und ihren Provokationen.

 

Vielleicht kommt die Aufregung aber erst noch, wenn sich die verquasten Gurgelreime von Sänger Till Lindemann, die Folterfantasien und Inzestbilder im Bewusstsein gesetzt haben und die alten Reflexe greifen. Gründe gebe es genug, eine Demarkationslinie überschritten zu sehen. Obwohl harter Sex im Rammstein’schen Œuvre nie zu kurz gekommen ist, mutet ihr Schreckenskabinett sexueller Perversionen dem Hörer diesmal viel zu. Wie ein roter Faden ziehen sich Deformationen von Lust und unersättlichem Begehren durch „Liebe ist für alle da“. Toller haben es Lindemann, die Gitarristen Paul Landers und Richard Z. Kruspe, Flake Lorenz an den Keyboards sowie Oliver Riedel und Christoph Schneider an Bass und Schlagzeug jedenfalls nie getrieben. Für die Vorabsingle „Pussy“ drehten sie in einem Berliner Bordell ein Pornovideo, das die Bundesprüfstelle sogleich indizierte. Nun geistert eine abgeschwächte Version als Softporno-Imitat durchs Internet.

 

Das ist in Sachen Skandal zumindest ein Teilerfolg der ostdeutschen Spaßguerilla. Denn natürlich soll die Verschränkung von Popsong und Porno-Ästhetik vor allem lustig sein. „Wir merken oft gar nicht, wo wir eine Grenze übertreten“, verteidigt Gitarrist Paul Landers den naiven Geist des Unternehmens Rammstein, dieser Männerbande unreifer Wüteriche. Oder ist es einfach nur eine dümmliche Ausrede? „Ich bin der Meinung“, sagt Landers, „dass man alles ausprobiert haben muss, sonst kann man nicht mitreden. Die Band selbst will so etwas von uns. Die macht mit uns, was wir als Einzelne in der Form gar nicht gewollt hätten, so dass wir einen Pornoclip drehen und ich danach so tue, als sei das ganz normal.“

 

Dass Porno und Pop Geschwister im Geiste sind, will uns auch die amerikanische Schauspielerin und Musikerin Sasha Grey weiß machen. Porno sei Teil der Popkultur, lässt die 21-jährige Pornodarstellerin mit Hollywood-Ambitionen vor Wochen in einem „Spiegel“-Interview verlauten. „Im Pop ging es immer um Tabubruch und das Spiel mit dem Verbotenen, Verruchten.“ Was kann verruchter sein als Pornografie?, fragt Grey und folgert, dass sie „in Zukunft mehr und mehr als Bestandteil der Unterhaltungsindustrie akzeptiert“ werde. In Filmregisseur Steven Soderbergh hat die Trash-Prinzessin einen Mentor gefunden. Er besetzte Grey als Escort-Girl in seinem Film "The Girlfriend Experience". Und er meint: "Porno ist heutzutage so sehr Mainstream, das fest jeder im Fernsehen so aussieht, als könnte er damit zu tun haben. Trotzdem herrscht weiterhin die Auffassung, Porno seit etwas Böses."

 

Dass die 13-Milliarden-Dollar-Industrie längst über ein Nischendasein hinausgelangt ist, hat mit der freien Verfügbarkeit von Sexdarstellungen im Internet zu tun. Ungehemmt stellen Privatleute heute kleine Filmchen ins Netz, in denen sie obskurste Geschlechtspraktiken demonstrieren und sich häufig wie professionelle Akteure gebärden. Da liegt der Gedanke auch für eine Macho-Band wie Rammstein nicht mehr fern, nacktes Fleisch demonstrativ zur Schau zu stellen und auch vor dem Geschlechtsakt nicht zurückzuschrecken, getreu der Liedzeile „You’ve got a pussy I got a dick ah/ So what’s the problem let’s do it quick“.

 

Was hat das mit Pop zutun? Berechtigt die Tatsache, dass die Sexualisierung der eigenen Person von Pin-Up-Girl Betty Page über David Bowie, die Slits, Prince und „Baywatch“-Stripperin Pamela Anderson bis zu Beth Dito ein gängiges Stilmittel in der Popkultur sind, nun zu der Annahme, im Prinzip sei doch sowieso alles Pornografie? Mitnichten. Und Rammstein sind ein gutes Beispiel für das grassierende Missverständnis einer an Gegnern arm gewordenen Jugendkultur, die sich den Kitzel des Verbotenen nun aus der vermeintlich letzten Bastion des Werteverfalls borgt. Als könne ein gewisses vulgärgeschlechtliches Getue die Unruhe stiften, die den subkulturellen Dissidenzmodellen verloren gegangen ist.

 

Dabei liegt dem Ganzen ein fataler Denkfehler zugunde. Zu meinen, wie Sascha Grey, öffentlicher Sex sei eine Rache des selbstbestimmten Individuums an der bigotten Gesellschaft, versteht unter Pornografie genau dasselbe wie ihre konservativen Kritiker: den gezielten Angriff auf die Moral. Und genau darin liegt das Problem des Subversionsmodells Porno. Es schafft aus sich selbst heraus gar keine andere als eine marktwirtschaftliche Legitimation. Porno bringt Geld, das ist auch alles. Was sonst soll an der oberflächlichen Zurschaustellung primärer Geschlechtsmerkmale verlockend sein? Etwa, dass Menschen es ohne innere Beteiligung miteinander treiben?

 

In der Popkultur sind nackte Haut, Phallussymbole und aufreizende Aktbilder nur Fassade, ein Spiel mit Möglichkeiten - oft meh Verkleidung als Enthüllung. Sei es, dass Frank Zappa detailiert von den Schwierigkeiten singt, eine Frau zum Orgasmus zu bringen ("Dinah-Mo Hum"), dass Peaches bei Auftritten auf einem überdimensionalen Dildo reitet und "Fuck the pain away" ins Mikrophon brüllt, oder sei es dass sich Scharen von Rockmusiker von Jimi Hendrix bis zu den Toten Hosen zwischen schönen, entkleideten Frauen für Plattencover fotografieren lassen. Solche Inszenierungen leben von der Vorstellung, was noch alles möglich wäre. Wie überhaupt Rock 'n' Roll von Anfang an gar nicht aussprechen muss, dass es um Sex geht, weil die Anspielung viel wirkungsvoller ist.

 

Die Popkultur lebt allerdings von der Überbietung. Was eben noch radikal war, ist in der nächsten Saison schon nicht mehr extrem genug. Und obwohl das Maß an Scheinheiligkeit heute nicht größer ist als ehedem, hat die Jugenkultur in Gestik und Sprache zu ungemein expliziten Formen gefunden.

 

Vorreiter dieser Entwicklung war Hip-Hop. Nicht nur ließen Rapper in den Neunzigern eine ganze Phalanx praller, unverhüllter Hintern durch ihre Videos defilieren. Ihre Hüftschwünge imitierten Sex mit eine Deutlichkeit, dass ihre Herkunft aus der Pornoindustrie oft nur halbherzig kaschiert wurde. Wer wie Snoop „Doggy“ Dogg tatsächlich Ausflüge ins Porno-Geschäft unternahm, war von seiner Potenz so überzeugt, wie es die zahllosen Ego-Reime ohnehin suggerierten.

Hip-Hop-Nummern wie Kool Keiths „Lick My Ass“, „Pawn Star“ von De La Soul oder Lil’ Kims „Custome Made (Give It Ti You)“ arbeiten das mechanische Gestöne aus Hardcore-Pornos ein, weil sie wie Funksignale aus einer kuriosen, abseitigen Welt wirken. Dennoch ist der zugespitzte Materialismus der schwarzen Rapper, die mit Dollars um sich schmeißen, dicke Autos fahren und auf dem Rücksitz heiße Mädchen vögeln, immer nur Fassade. Es geht um einen Traum von Reichtum, der Gettokids wie ihnen immer nur versprochen, aber selten eingelöst wird. Pop öffnet imaginäre Räume und Rollenmuster, Porno schließt sie.

 

Rammstein haben nie an die Versprechen des Materialismus geglaubt. Ihre Musik erzählt nicht von der Sehnsucht, etwas besitzen zu wollen, weil es einem versprochen ist. In der Nachfolge der schwarzen Pädagogik raten sie jedem, bloß nichts vom Leben zu erwarten, sondern es sich einfach zu nehmen – wie der Triebtäter im Titelsong „Liebe ist für alle da“, der manisch seinen mörderischen Traumgebilden folgt. In „Pussy“ werden Frauen ganz unverholen zum Schlachtfeld erklärt, der Geschlechtsakt als „Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“ beschrieben und vor allem gegen lästige Sekundärtugenden wie Charme gewettert. „Ich tu dir weh“ erzählt von Sado-Maso-Praktiken ("Du blutest für mein Seelenheit, ein kleiner Schnitt und du bist geil"). „Wiener Blut“ fantasiert sich in den Folterkeller von Joseph Fritzl in Amstetten, der mit seine Tochter mehrere Kinder zeugte. Es gibt Kirchenchöre, Waldhörner und balladeskere Töne, doch im allgemeinen meint man dem Schmatzen einer Metal-Maschinerie zuzuhören.

 

Lindemann & Co wollen polarisieren und sind selbst Gefangene einer Polarität - hin- und hergerissen zwischen Täter- und Opfer-Positionen. Während in den meisten Songs die Perspektive des Aggressors eingenommen wird, zeigt "Haifisch" in listiger Abwandlung von Brecht/Weill das Raubtier am Grunde eines Tränensees sitzen. Statt Zähne zu haben, kullert ihm die Traurigkeit aus dem unglücklichen Gesicht, die im Ozean aber niemand sehen kann. So müssen wir uns Lindemanns Albträume vorstellen. Die Ambivalenz ist so stark, dass die Allmachtsfantasien des Vergewaltigers und die Ohnmacht seines Opfers gleichzeitig ausagiert werden. Wie labil diese Konstruktion ist, verrät eine Zeile wie "Zwei Seelen schlummern ach in meinem Schoß/ Es kann nur eine überleben". Die psychotische Spannung zwischen der autoritären Figur des Mannes und dem darin gefangenen Kind artikuliert sich am prägnantesten in Sado-Maso-Fantasien, die nie so drastisch ausgebreitet wurden wie auf "Liebe ist für alle da".

Das macht Rammstein auch im 17. Jahr seines Bestehens zur schillernden Projektionsfläche. Die Band ist viel zu vieldeutig in ihrer kruden Verwendung von Popsymbolen, um Porno zu sein. Aber was bleibt von ihr, wenn man die Provokation ausblendet? Ein martialisch-monotones Postulat der Härte mit Märchenlyrik. Ein Kinderspaß.

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