Rap-Musik : Früchte des Zauns

Die Rap-Gruppe DAM singt von Palästinensern in Israel. Die Band erzählt vom Alltag in den Slums von Lod, einer Stadt östlich von Tel Aviv. In Berlin gastieren DAM im Rahmen der Jüdischen Kulturtage.

Igal Avidan
DAM
DAM: Mahmoud Jariri (r.) und die Brüder Nafar. -Foto: DAM

Mahmoud Jariri war auf der Suche nach einem Job. Ein Freund organisierte dem heute 24-jährigen arabisch-israelischen Rapper ein Vorstellungsgespräch in einem Restaurant. „Der Chef fragte mich gleich, wie ich heiße. ,Mahmoud‘, sagte ich. ,Du musst deinen Namen ändern.‘ ,Warum?‘ Der sei kundenunfreundlich. Wir einigten uns auf ,Amir‘. Aber ich bin nicht wieder hingegangen. Ich wurde erzogen, stolz zu sein auf das, was ich bin.“

Jariri lebt in Lod, einer Stadt östlich von Tel Aviv, unweit des Internationalen Flughafens. Dass er als Hip-Hopper und Mitglied der dreiköpfigen Rap-Crew DAM über ein Sprachrohr verfügt, erleichtert die Situation. Am Dilemma ändert es nichts. Über seine arabischen Freunde, die für ein bisschen Glück ihre Würde in den Wind schreiben, singt er das Lied „Namen“: „Bis heute verstehe ich nicht, wieso Isam zu Asi wurde und Abed sich Avi nennt“, heißt es da.

Auch Koautor Tamer Nafar hat Erfahrungen als Bürger zweiter Klasse gemacht. Er musste einen Tag in Untersuchungshaft verbringen, weil er während der israelischen Militäroperation im Flüchtlingslager Jenin demonstrierte. Die Demonstranten wurden wegen Störung des öffentlichen Friedens und Anstachelung zum Hass gegen Juden angeklagt. Weil jedoch Videos bewiesen, dass die Protestler friedlich Plakate hochhielten und die wenigen Passanten sie kaum beachteten, wurde die Anklage fallen gelassen. „Das war harmlos“, so der 28-Jährige.

Seit acht Jahren gibt es DAM, was für „arabische Mikrofonkontrolleure“ steht, aber auch „Blut“ auf Hebräisch und „unsterblich“ auf Arabisch heißen kann. Zur Band gehört neben Mahmoud Jariri und Tamer noch dessen 23-jähriger Bruder Suhell Nafar. Ihr Thema: der Alltag in den Slums von Lod, Drogendeals, Schießereien, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung, Armut und Gewalt. 50.000 Juden, vor allem arme Neueinwanderer, und 20.000 Araber leben hier. Die wenigen Israelis, die von außen nach Lod kommen, tun es, um Drogen zu kaufen.

Durch ihren provokanten Sprechgesang wurde DAM zur Stimme säkularer arabischer Israelis sowie Palästinenser. Deren Anzahl wächst ständig. Zurzeit machen die 1,4 Millionen arabischen Israelis ein Fünftel der Gesamtbevölkerung aus, ihre Ortschaften aber werden finanziell benachteiligt. Sie selbst werden auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt diskriminiert, auf Flughäfen besonders ausführlich durchsucht und erhalten kaum Baugenehmigungen. Die Mauer des Misstrauens wird höher, seit einzelne arabische Israelis wegen Mithilfe an Selbstmordanschlägen verurteilt werden. Der bekannteste arabische Politiker, Asmi Bischara, ist aus dem Land geflohen, nachdem er der Kollaboration mit der Hisbollah während des Libanonkriegs beschuldigt wurde. Zwei Drittel der jüdischen Israelis halten die arabischen Israelis für eine Bedrohung, fast jeder Zweite meint, Israel sollte ihre Auswanderung fördern.

Paradoxerweise verschärft sich das Klima durch Maßnahmen, die eigentlich für Entspannung sorgen sollen. Nachdem im Sommer 2005 8500 jüdische Siedler aus dem Gazastreifen entfernt wurden, um besetztes palästinensisches Land zurückzugeben, haben immer weniger Israelis Sympathie für die arabischen Mitbewohner. So gewinnt der Vorschlag, durch einen Gebietsaustausch arabisch- israelische Ortschaften an Palästina anzugliedern, an Popularität. Gleichzeitig wurde im März der erste arabische Minister nominiert und die Auftritte einer arabischen Sängerin in der populären TV-Sendung „A Star is Born“ von vielen bejubelt.

Das ist die Entwicklung, die der Musik von DAM zusätzliche Brisanz verleiht. Anfangs von afroamerikanischen Rapstars inspiriert, textete die Band auf Englisch, wechselte aber später zwischen Arabisch und Hebräisch. „Wir können nicht richtig musizieren, wir beherrschen nur das Mikrofon“, sagt Tamer. Die Musik ist schnell, nervös und entsteht unter einfachsten Bedingungen am Computer. Ihre Texte sind direkt, scharf bis zum Zynismus, aber auch selbstironisch. Dass sie die Sprache manchmal mitten im Satz wechseln, demonstriert, wie bikulturell sie denken.

Den Durchbruch erreichte DAM 2003 mit dem Hit „Unschuldige Kriminelle“, den sie zusammen mit dem israelischen Popstar Aviv Geffen auf Hebräisch sangen. Darin geht es um die Tötung von zwölf arabisch-israelischen Demonstranten durch die Polizei im Jahr 2000: Für „das blauweiße Regime“ sei arabisches Blut billig, heißt es da. „Meine Frage ‚Wie geht’s weiter?‘ beantwortet ihr mit einer weiteren Leiche.“

Die zweite Intifada im Herbst 2000 und die Errichtung des Trennungszauns hat auch das Selbstbild von DAM beeinflusst. Tamer nennt sich inzwischen „Palästinenser“ und die Band trat nicht nur in Jordanien und Marokko auf, sondern häufig auch im Westjordanland, was für Israelis verboten ist. „Einmal hielten sie uns am Checkpoint fest, wir diskutierten eine Stunde lang und mussten schließlich umkehren und unseren Auftritt absagen“, erzählt Tamer. Da sich das Klima gegen sie wendet, treten sie immer seltener vor jüdischem Publikum auf, ihre neue CD „Dedication“ ist gänzlich auf Arabisch. Ist das der Bruch?

Auf ihrem nächsten Album wollen sich DAM wieder auf Hebräisch äußern. In dieser Sprache singen sie auch bei den Jüdischen Kulturtagen. Um zu provozieren, muss man Kompromisse eingehen.

DAM treten am 5. September im Rahmen der Jüdischen Kulturtage im Sage Club (Köpenicker Straße 76) auf.

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