Rock : Bruce Springsteen: Lügen im gelobten Land

Er ist ein Künstler, der mehr gute Songs im Keller versauern lässt, als andere auf ihre CDs pressen. Nun veröffentlicht Bruce Springsteen nach 32 Jahren die Sessions zu "Darkness On The Edge Of Town".

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Working Class Hero. Bruce Springsteen in den frühen Siebzigern.
Working Class Hero. Bruce Springsteen in den frühen Siebzigern.Foto: Frank Stefanko

Im Oktober 1975 stand Bruce Springsteen im Zenit seines Ruhmes. Sein Album „Born To Run“ wurde von den Kritikern gefeiert und hatte ihn innerhalb von einer Woche auf die Cover von „Time“ und „Newsweek“ gebracht. Doch danach verzettelte sich der Sänger aus New Jersey in einen Gerichtsstreit mit seinem Manager Mike Appel und veröffentlichte drei Jahre lang nichts mehr. Seine Karriere schien bereits wieder beendet zu sein.

Faul war Springsteen aber nicht. Er tourte mit der E Street Band, und es gab Gerüchte über Aufnahmeexzesse, die Rede war von 70 Songs. Doch Springsteen schien seinem Urteilsvermögen nicht zu vertrauen. So gab er viele Stücke an andere Künstler: der romantische Kracher „Because The Night“ ging an Patti Smith, das soulige „Fire“ an die Pointer Sisters, die tragische Abschiedsballade „Hearts Of Stone“ an Helen Schneider. Weiteres Material landete auf obskuren Bootlegs.

Doch dann kam im Juni 1978 sein Meisterwerk „Darkness On The Edge Of Town“ heraus, eine zehn Lieder lange düstere Beschreibung Amerikas nach Vietnam und Watergate. Und jetzt, 32 Jahre später, öffnet der inzwischen 61-jährige Rockstar seine Archive. Am heutigen Freitag erscheint unter dem Titel „The Promise: Darkness On The Edge Of Town Story“ ein Boxset mit drei CDs, drei DVDs und einer Replik von Springsteens Notizbuch. Enthalten sind „Darkness“ als digitales Remaster, 21 unveröffentlichte Songs aus den Aufnahmesessions, die auf zwei CDs unter dem Titel „The Promise“ zusammengefasst sind und der gleichnamige 90 Minuten lange Dokumentarfilm über die Studioarbeiten. Auf den beiden anderen DVDs findet sich ein Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1978 sowie zwei Liveversionen von „Darkness“.

Dass Bruce Springsteen ein Künstler ist, der mehr gute Songs im Keller versauern lässt, als andere auf ihre CDs pressen, war seit dem Set „Tracks“ von 1998 bekannt. Auch „The Promise“ ist mehr als der Blick durch ein verstaubtes Fenster auf dreißig Jahre alte Aufnahmesessions. Vielmehr ergeben sich bemerkenswerte Einblicke in Werk und Arbeitsweise des von seinen Fans als „Boss“ verehrten Sängers. Erstaunlich an den 21 „neuen“ Songs ist, wie hell, freundlich, seelenvoll sie klingen. Der Einfluss von Buddy Holly ist ebenso zu spüren wie der von Elvis, aber auch die Beatles spielen eine wichtige Rolle. Selbst Springsteens Gesang, der auf „Darkness“ genau so knödelig klang, wie das Coverfoto aussah, wirkt hier fröhlich, energisch und inspiriert.

„Es ist in gewisser Hinsicht tragisch“, befindet Steve van Zandt, Gitarrist der E Street Band und Springsteens partner in crime, in einer der Schlüsselszenen der Dokumentation, „denn er hätte einer der größten Popsongschreiber der Welt werden können“. Stattdessen lieferte Springsteen mit „Darkness“ ein düsteres und extrem geschlossenes Album ab. Bei der Premiere von „The Promise“ beim Filmfestival in Toronto erklärte der Star das so: „,Darkness On The Edge Of Town’ kam aus diesem riesigen Arbeitskörper, der Tonnen von fröhlichen Liedern enthielt, Kneipenbandmusik, Soulmusik. Aber man muss sich auch die Zeit ansehen: Der Topfilm damals war ,Taxi Driver’, vorher gab es ,Mean Street’, das waren auch alles keine Komödien.“

Die Konzertaufnahmen zeigen einen Springsteen, der in Europa bisher nahezu unbekannt war. Denn die Zeit zwischen „Born To Run“ und „Darkness“ hatte die Band genutzt, um zu touren und sich ihren Ruf als eine der besten Livebands der Welt zu erspielen. Schon das Intro zu „Prove It All Night“ ist so intensiv und gespenstisch, dass es ins Mark trifft. Finster sind die Themen, die den damals 28-Jährigen beschäftigten. „Man wacht nachts auf mit der realen Angst etwas zu verpassen“, erinnert sich der Erzähler von „Badlands“. Die sommerliche Ballade „Racing In The Street“ mit der großartigen Instrumentalcoda endet für die drei Protagonisten damit, dass sie alles verlieren.

„Blas die Träume weg, die dein Herz brechen, blas die Lügen weg, die dich nur alleine und traurig zurücklassen“, heißt es in „Promised Land“. Und am Ende ist aus dem Jungen von „Born To Run“ endgültig ein Mann geworden, der alleine auf diesem Hügel in der Dunkelheit am Rand der Stadt steht. Er hat alles verloren und muss doch immer weitermachen. „Selbst unter Druck Würde bewahren“, nannte Ernest Hemingway das eine Generation vor Springsteen. Und: „Sie können dich besiegen, aber sie können dich nicht zerstören.“ Zumindest Schatten davon finden sich auch auf den Outtakes von „The Promise“, im Titelsong etwa, der eine direkte Fortsetzung von „Thunder Road“ ist. Doch in den meisten Songs feiert Springsteen das Leben, das Verliebtsein.

Im Dokumentarfilm sieht man ihn und seine Band im Studio. Der Boss ist konzentriert und fokussiert, aber immer zu einem schnellen Scherz bereit. Er spielt mit nacktem Oberkörper, die Bandmitglieder wetten, wie lang ein Song wird und ob er am Ende doch wieder im Mülleimer landet. Am Klavier improvisieren Springsteen und van Zandt die Melodie von „Sherry Darling“, ein Song, der erst auf „The River“ auftauchen wird. Es ist faszinierend, anhand dieser Box Springsteens Arbeitsweise zu verfolgen. Verwirft der Musiker einen Song, heißt das nicht, dass er komplett in der Tonne landet. Vielmehr baut er Textfetzen daraus an anderer Stelle wieder ein. Auch Melodien werden gerne zweitverwertet, aus der romantischen Elvis-Hommage „Come On Let’s Go Tonight“ wird der Working-Class-Brecher „Factory“.

Interessant ist „The Promise“ nicht nur für Springsteen-Spezialisten, zu entdecken ist ein großes, verloren gegangenes Rock-Meisterwerk. Zusammen mit den Livemitschnitten ist das ziemlich unwiderstehlich. „Ich wollte mit ,Darkness’ etwas schaffen, das über das Heute hinweg wahrgenommen wird“, sagt Springsteen im Film, der Rock’n’Roll aber, die Popmusik, handle „vom Jetzt, diesem immerwährenden Jetzt“.

„The Promise: Darkness On The Edge Of Town Story“ erscheint heute bei Sony.

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