Rockhistorie : Die Falle Woodstock

Albtraum und Versprechen einer neuen Welt: Wie das amerikanische Rockfestival vor 40 Jahren zum Inbegriff eines Jahrzehnts wurde. Ein Bericht eines Beinahe-Dabeigewesenen.

Ed Ward
Woodstock
Soweit die Streben tragen. Fans 1969 in Woodstock. -Foto: Keystone

Vor kurzem erblickte eine ziemlich merkwürdige Website das Licht der Welt: www.woodstock.com. Wer sie anklickt, stößt auf eine Reihe von Dingen, die er dort vermutlich auch erwartet. Poster und Memorabilia des Festivals von 1969, eine DVD mit dem Director’s Cut des Films, die Sechs-CD-Box mit den Auftritten sämtlicher Bands – sowie eine Reihe von Hinweisen, die man nicht erwarten würde. Darunter wahllos zusammengestellte Konzertkritiken, eine Sektion namens „Living Green“ und, wer aufmerksam genug hinschaut, der Hinweis, dass das Ganze eingerichtet worden ist von Sony. Wow, 40 Jahre sind vorüber und Woodstock gehört den Japanern. Heavy!

Solche und ähnliche Rückblicke auf das legendäre Wochenende vom 15. bis 17. August ’69 werden derzeit überall initiiert. Vierzig ist das neue fünfzig. Jemand, der zwanzig Jahre alt war, als Woodstock stattfand, würde bei dessen 50. Jubiläum siebzig sein. Wer wollte sich darauf verlassen, dann noch am Leben zu sein. Die Veranstalter von einst mussten die Verwertungsrechte ziemlich schnell verkaufen, um ihre Schulden zu bezahlen. Vielleicht fürchten die Leute, die sich die Rechte an den verschiedenen Teilen des Festivals gesichert haben, dass sich Siebzigjährige viel besser der Vergangenheit bewusst werden könnten als der Gegenwart. Sie vergessen zwar, wo sie ihre Brille abgelegt haben, aber was in Woodstock wirklich los war, wissen sie nur zu gut.

Ich war nicht da. Ich unterrichtete an einem College im Mittleren Westen und gab Kurse über die Geschichte der Popmusik, als eine Gruppe meiner Studenten erklärte, dass sie ein paar Unterrichtsstunden ausfallen lassen würde. Sie hatten sich Tickets für Woodstock gekauft. Obwohl ich in ihrem Alter oder sogar jünger war, verspürte ich wenig Lust, sie zu begleiten. Ich warnte sie, dass es da vor Polizisten nur so wimmeln würde. Ich hatte einige Jahre in New York gelebt und lebhafte Erinnerungen, wie beiläufig New Yorker Cops mit Gewalt umgingen, wie arrogant sie gegenüber Tatverdächtigen auftraten, wie korrupt sie waren. Ein fetter, rotgesichtiger Bursche mit irischem Akzent sagte: „Mach dir keine Sorgen, dass wir Dope bei dir finden könnten, wenn du gar keines hast. Wir haben unser eigenes mitgebracht.“ Solche Typen würden auch in Woodstock herumlungern. „Nehmt lieber genug Geld für eine Kaution mit“, warnte ich sie.

Ein paar Tage später torkelten sie ins Seminar zurück und sahen scheußlich aus. Ich hätte mich in den Polizisten geirrt, erklärten sie, aber das war auch der einzige Lichtblick. Vom Festival hatte es Fernsehberichte gegeben, aber was man mir nun erzählte, deckte sich überhaupt nicht mit dem, was die über die Köpfe hinwegfliegenden Helikopter an Bildern eingefangen hatten. Vor allem ging es um Schlamm. Sie seien einfach viel zu viele gewesen. Man habe weder etwas von der Musik gehört noch gesehen. Es gab keinen Platz, an dem man vernünftig sein Zelt aufschlagen konnte. Das Ganze sei, wie jemand es ausdrückte, ein „Überlebenscamp für Pfadfinder mit Dope“ gewesen.

Der Boden weichte immer stärker auf, je mehr Müll sich ansammelte. Es stank. Und als die kleine Gruppe sich wieder zusammengerauft hatte und beschloss aufzubrechen, war auch das beinahe unmöglich wegen der großen Menge an Leuten, die noch immer auf das Gelände drängten. „Das Schlimmste war“, schnaubte einer, „dass wir so viel Geld für Tickets ausgegeben hatten, und dann ließen sie die meisten Menschen umsonst rein.“

Aber sie vergaßen das schnell, während ich in einem neuen Magazin namens „Rolling Stone“ eine dritte Version erzählt bekam. Es hatte einen Pool von Journalisten zu dem Festival geschickt. In der folgenden Ausgabe wurde die sanitäre Situation zwar nicht gänzlich ignoriert, aber der Fokus lag auf Hippie-Idealen, die meine Studenten schmerzlich vermisst hatten. Außerdem hatten sämtliche Reporter Backstage-Pässe besessen, so dass sie die Musik gut hören konnten und entsprechend Eloquentes über sie zu sagen hatten. Das weckte mein Interesse. Denn nicht nur war ich hoffnungsfroh gewesen, dass eine neue Welt sich durch die Ankunft einer jungen Generation auftun könnte. Ich hatte auch einige Artikel beim „Rolling Stone“ unterbringen können und rechnete mir Chancen aus, bei dem Magazin zu landen.

Doch Woodstock beunruhigte mich. Zunächst irritierte mich der Anspruch, dass es umsonst sein müsse. Waren all die Anstrengungen, ein solches Spektakel auf die Beine zu stellen, nicht Arbeit? Selbst, wenn am Ende für Publikum und Akteure nichts als Spaß herauskommen sollte, wusste ich doch, wie aufreibend das Leben als Musiker sein konnte. Ich verstand nicht, warum die Eindringlinge (die ich für Kinder der weißen Mittelschicht hielt, da schwarze Ghetto-Kids gewiss nicht an Woodstock interessiert waren) glaubten, ein Recht auf kostenlose Unterhaltung zu haben.

Andererseits war ich erschüttert über das Götzenhafte, das sich nachher dem Ereignis aufprägte. Der Hype war von den Medien angestoßen worden und pflanzte sich nach dem Schneeballprinzip fort, als der Film in die Kinos kam. Ich lebte damals in San Francisco, arbeitete tatsächlich für den „Rolling Stone“ und sah eine Vorstellung mit meinen Kollegen in einem riesigen Saal, der mit einer exquisiten Soundanlage versehen war.

Weder war mir zu diesem Zeitpunkt klar, dass es von der Musik gerade das nicht in den Film geschafft hatte, was viele für das Beste hielten, nämlich Auftritte von The Band und Grateful Dead. Noch wusste ich, dass ein Teil der Musik nachträglich noch einmal eingespielt worden war. Und als Musikkritiker war ich zwar erbaut von der Art, wie Ten Years After „Goin’ Home“ spielten, aber längst nicht so amüsiert, wie ich von den vielen Leuten war, die es als Highlight des Festivals betrachteten.

Die Jahre verstrichen. Ich fand die endlosen Bemühungen, Woodstock zu wiederholen, bedrückend. Allerdings ist „wiederholen“ das falsche Wort: Niemand wollte den Dreck, den Schlamm, und schlechten Sound noch einmal haben. Nein, es waren Versuche, es diesmal richtig zu machen. Was war so deprimierend daran? In einer Welt, in der die angesagten Drogen die Leute nicht mehr träge machten (Marihuana, LSD), sondern aggressiv (Alkohol und Amphetamine), versuchten irgendwelche Idioten immer noch, 100 000 Leute auf einem Feld zusammenzupferchen, um Profit aus einem friedvollen Miteinander zu schlagen, das sich niemals einstellte.

Ich ging gelegentlich zu solchen Festivals – im VIP-Bereich. Trotzdem fand ich sie körperlich aufreibend und täuschte mich darin, dass die Menschen gekommen waren, um Musik zu genießen. Die Leute kamen, um bekifft abzuhängen, Frisbee zu spielen, zu trinken und Mädchen anzubaggern, und all das zu einem Soundtrack, der stark den lokalen Radioprogrammen ähnelte. Außer, dass er lauter und verzerrter klang.

Es gab zwei Versuche, Woodstock „offiziell“ wiederzubeleben. Ich erinnere mich, dass der erste Anlauf sich durch eine Reihe von Vergewaltigungen und Feuer auszeichnete, die nach allgemeiner Auffassung den letzten Nagel in den Sarg dieses Festivals schlugen. Aber nein: Zu Beginn dieses Jahres hieß es, es werde eine Neuauflage auf dem Flughafengelände in Berlin-Tempelhof geben. Zum Glück verflüchtigte sich diese Hoffnung.

Ich nehme an, dass Dinge, je stärker sie sich ändern, immer mehr dieselben bleiben. Rockfestivals sind längst Institutionen des Kulturbetriebs; wie Roskilde und Rock am Ring seit Jahrzehnten demonstrieren. Niemand denkt mehr daran, mit ihnen eine neue Welt zu errichten. Im Gegenteil. Sie sind Gelegenheiten, um neue Marketingstrategien für jugendaffine Produkte auszuprobieren. Und die Menge, die in Woodstock die Zäune einriss, ist ins Internet abgewandert, wo sie woodstock.com ignoriert und Musik lieber umsonst von Torrent-Seiten herunterlädt.

Woodstock war seinerzeit eine Illusion. Vierzig Jahre haben daran wenig geändert. Es wird beschworen, um jüngeren Generationen weiszumachen, wie viel schöner es einmal war. Die Nachgeborenen tun verdammt gut daran, kein Wort zu glauben. Oh, es war nicht total mies. Immerhin hat das Ereignis Joni Mitchell (die nicht dabei war) animiert, einen wundervollen Song zu schreiben. Und natürlich war auch Jimi Hendrix’ Auftritt zum Abschluss phänomenal, obwohl kaum einer ihn mehr mitbekam. Aber Woodstock war weit davon entfernt, der Auftakt zu einer neuen Ära zu sein, vielmehr war es dessen unrühmliches Ende. Wenn es nach mir ginge, würde ich sagen: Let it be.

Ed Ward, Jahrgang 1948, war ab Mitte der sechziger Jahre Redakteur bei „Crawdaddy“, „Rolling Stone“ und „Creem“. Er rief das South-by-Southwest-Festival in Austin, Texas, ins Leben. Von 1993 bis 2008 lebte der Amerikaner in Berlin. Aus dem Englischen übersetzt von Kai Müller.

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