Sänger Muhabbet : "Muss diese Provokation sein?"

Der Sänger Muhabbet beantwortet Fragen über Freiheit und Grenzen der Kunst – und den schweren Vorwurf, er habe den Mord an Theo van Gogh gebilligt.

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Provoziert gerne: der deutsch-türkische Sänger Muhabbet. -Foto: Mike Wolff

Muhabbet, fällt es Ihnen schwer, sich zu entschuldigen?

Definitiv nicht. Wenn ich mich daneben benommen habe, bin ich sehr emotionslos und sage: ooops, sorry.

Ihnen wird vorgeworfen, am Rande einer Preisverleihung die Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh gebilligt zu haben. Schlimmer noch: Sie sollen sogar gesagt haben, dass er Glück gehabt habe. Sie hätten ihn vorher in einen Keller gesperrt und gefoltert.

Ich wiederhole das hier gerne: Ich habe das nicht gesagt. Ich bin kein Fundamentalist und habe mit solchen Leuten nichts zu tun. Wenn es bei Frau Schapira ...

… die als Redakteurin des Hessischen Rundfunks eine Reportage über den van-Gogh- Mord gedreht hat...

... ein Missverständnis gegeben hat, dann tut mir das leid. Das habe ich ihr auch gesagt und ihr angeboten, sich mit mir zu unterhalten. Aber darauf habe ich keine Antwort von ihr bekommen.

Nur ein Missverständnis? Sie sollen sogar gesagt haben, dass die Islamismuskritikerin Ayaan Hirsi Ali den Tod verdient habe. Erklären Sie uns, was passiert ist.

Ich war beim Prix Europa eingeladen, um eine Laudatio für den wichtigsten Preis des Abends zu halten. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Rede auf Englisch halten sollte. Kurz bevor ich dran war, wurde ein Filmausschnitt gezeigt, in dem eine Frau auf den Knien hockend zu sehen ist, verhüllt zwar, aber mit durchsichtigem Tüll. Man sieht ihre Brüste, in den Stoff sind arabische Schriftzeichen eingenäht. Sie rezitiert Sätze aus dem Koran. Sie betet auf Arabisch, sehr laut. Ich bekam eine Gänsehaut, weil ich dachte, auch wenn das Kunst ist, da wird eine Grenze überschritten. Das wäre, als würde man einen Juden nackt an der Klagemauer zeigen oder ein Pärchen nackt auf dem Altar. So heftig kam das in dem Augenblick.

Was Sie gesehen haben, war eine Sequenz aus „Submission“, dem letzten Film von Theo van Gogh, bevor er 2004 von einem Islamisten ermordet wurde.

Na ja, ich habe das verdaut und meine Laudatio gehalten. In meinem Kopf war nur – Filmausschnitt, Schapira, Preisverleihung. Ich dachte, den Film hätte Esther Schapira gemacht. Wer Theo van Gogh war, wusste ich da gar nicht.

Wie das? Die Geschichte seiner Ermordung ging durch alle Medien.

Ja, aber zu einer Zeit, in der ich meine ersten Karriereschritte unternahm. Ich habe es nicht mitbekommen. Nach der Preisverleihung traf ich auf Frau Schapira, mein Manager stand bei ihr. Ich wollte gehen, aber sie sagte: Oh, Sie sind der Künstler und mögen den Ausschnitt nicht. Da antwortete ich: Nee, ich finde den Ausschnitt tatsächlich nicht gut. Sie entgegnete, sie fände den Ausschnitt aber passend – so in der Richtung. Da habe ich gesagt, ich weiß nicht, was in dem Film abgeht, aber es gibt Leute, Fundamentalisten, wenn die das sehen, dann würden die sich deswegen extrem aufregen. Die würden diesen Theo van Gogh am liebsten in den Keller sperren, foltern und umbringen. Es ist klar, und das habe ich auch gesagt, dass ich nicht so denke. Ich bin gegen Gewalt. Ich wollte mich nicht mit ihr unterhalten, denn es war klar, dass sie ihn als Held dargestellt hatte und dass er das für mich nicht ist. Aber da hielt mich ihr Koproduzent fest und fragte, Junge, ist das dein Ernst? Von Ayaan Hirsi Ali erfuhr ich erst später durch einen Medienbericht.

Und, ist es Ihr Ernst?

Sorry, das hat doch mit Ernst nichts zu tun. Der Ausschnitt provoziert und ich habe gesagt, muss denn diese Provokation so sein? Das war natürlich frech, weil ich mich unwillig zeigte, einfach alles gut zu finden. Aber nochmal: Ich habe gar nicht von mir, sondern in der dritten Person gesprochen.

Was wir daran nicht verstehen: Warum machen Sie sich im Zusammenhang mit einem Filmausschnitt, der Sie schockiert, Gedanken über Fundamentalisten?

Ich bin ein Metaphern-Mensch. Ich hatte den Eindruck, Frau Schapira sieht in jedem, der den Filmausschnitt nicht toll findet, einen bösen Menschen. Ich fühlte mich provoziert von ihrem Beharren darauf. Okay, dachte ich, dann sag ich es genau so: Es gibt so böse Menschen.

Aber Sie waren doch vor allem selbst schockiert von dem, was Sie gesehen hatten. Sind Sie religiös?

Ich bin so viel und so wenig religiös wie viele Menschen in Deutschland. Ich bin gerne mal freitags in der Moschee, hocke mich nieder und bete. Übrigens tue ich das auf Deutsch. Ich soll zwar auf Arabisch beten, aber ich kann kein Arabisch. Wenn es einen Gott gibt, versteht er jede Sprache.

Als Wegbereiter des „R’n’Besk“ überschreiten Sie kulturelle Grenzen. Ist Kunst für Sie wichtiger als ein religiöses Wertesystem?

Meinungsfreiheit und Religion sind zwei Paar Schuhe. Und Kunst noch ein drittes. Darüber haben sich schon schlauere Leute als ich Gedanken gemacht. Und jeder muss sich fragen: Wo ist bei mir Schluss, wo verletzt Kunst mein religiöses Gefühl oder wo schränkt die Religion die Meinungsfreiheit ein?

Die Provokation eines Films wie „Submission“ könnte lebenswichtig für die Kunst sein, sonst verfehlt sie ihre Wirkung.

Ja, als Künstler verteidige ich die Freiheit der Kunst. Aber als Mensch darf ich doch getroffen sein von Bildern, die nackte Frauen beim Beten zeigen, oder? Es gibt Provokation und Provokation.

Sie werden jetzt oft mit Texten zitiert, in denen massiv Gewaltfantasien artikuliert werden. „Lauf oder willst Du als Kanakenfutter dienen/ Eine Holzkiste habe ich für Dich reserviert“, heißt es da.

Aber das bin ich nicht. Das hat mein Bruder geschrieben und gerappt.

Sie haben im Chor mitgesungen.

Ich dachte, Sippenhaft gibt es nicht mehr. Außerdem bin ich heute 23. Sie werfen mir vor, dass ich mich mit 16, 17 nicht von meinem älteren Bruder distanziert habe. Ich bin nicht mein Bruder und ich muss ihn auch nicht verteidigen. Aber ich weiß, er begeisterte sich damals für den Film „Pakt der Wölfe“ und sah alles durch die Schablone eines Mannes, der wie der Filmheld als einsamer Reiter durch die Nacht streift und sein eigenes Wolfsrudel hat. Davon kann man halten, was man will. Ich jedenfalls distanziere mich von den Texten. Das können mein Bruder und der Pädagoge, der uns damals betreute, bestätigen und alle, die meine Texte hören, sowieso. Mein Bruder nennt mich heute noch den schlimmsten Schnulzensänger, den es gibt.

Ralph Giordano hat in der „FAZ“ gefordert, Sie vor Gericht zu stellen. Macht es Sie stutzig, wie leicht eine einzige Äußerung Ihren Ruf beschädigen kann?

Was mich stutzig macht, ist, dass jeder bei mir den Grund für das Missverständnis von Frau Schapira sucht und nirgendwo anders. Und mich macht es traurig, dass über mich ein ganzes Projekt getroffen werden soll. Wir sind acht Musiker und unser Lied ist Werbung für Integration in Deutschland…

ZUR PERSON:

Muhabbet, 23, heißt eigentlich Murat Ersen und wuchs in Köln-Bocklemünd auf. Er soll 580 Lieder geschrieben haben und gilt als Erfinder des „R’n’Besk“. In der Musik werden Elemente des amerikanischen Soul mit orientalischen Melodien und Phrasierungen verknüpft. Muhabbet singt auf Deutsch.

Zuletzt ist seine Single Deutschland erschienen. Auf ihr singen der deutsche Außenminister Steinmeier und sein französischer Amtskollege mit. Derzeit arbeitet Muhabbet in Berlin mit Nachwuchskünstlern unterschiedlicher Herkunft an einem neuen Album.

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