Schmeling vs. Louis : Faust auf Faust

Acht, neun, aus: Ein Musical bringt den legendären Boxkampf Max Schmeling gegen Joe Louis auf die Bühne.

Knud Kohr
Schmeling
Schwergewichte. Joe Louis (Ricky Watson) und Max Schmeling (Michael Stark) bei Proben für den "Kampf des Jahrhunderts". -Foto: dpa

„Wird es Krieg geben?“, drängeln die Journalisten. „Was ist mit den Juden?“ – „Hat Hitler ihnen am Hamburger Hafen zum Abschied die Hand gegeben, Mister Schmeling?!“ Der bedrängte Boxer steht in Unterhemd, Jeans und Turnschuhen am Mikrofon. „Es geht hier nur um Sport“, singt er. Von einer metallenen Empore aus kommt ihm sein Manager Joe Jacobs, selbst ein Jude, zu Hilfe. „Meine Herrschaften von der Presse!“, keckert Jacobs. „Ich war selbst in Deutschland und bin immer noch … heil!“ Dann wirft er Mettwürste, Schnaps und Stollen als Geschenke in die Pressemeute.

„Gut!“ ruft es aus dem dunklen Zuschauerraum. „Nach der Pause gleich noch mal!“ Max Schmeling entspannt sich. Er schlägt ein Rad und verschwindet hinter der Bühne, wo Joe Louis gerade einen Happen isst. In der Tribüne am Ernst-Reuter-Platz laufen die Proben für das Box-Musical „Der Kampf des Jahrhunderts“, das hier am 4. Oktober Weltpremiere haben wird. Nicht nur Boxfans wissen: Der Kampf des 20. Jahrhunderts wurde zwischen Joe Louis und Max Schmeling ausgetragen. Mehr noch als zur Auseinandersetzung zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Boxkunst und kalkulierender Technik wurde er stilisiert zum Stellvertreterkampf des kriegslüsternen Deutschland mit den USA, die bereit waren, sich Hitler entgegenzustellen.

Ein großes Thema also, dem sich die kleine, um ihre Zukunft fürchtende Bühne stellt. Warum auch nicht? Seit der Gründung der Tribüne im Jahr 1919 zog sie immer wieder große Namen und große Themen an. Fritz Kortner und Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Horst Buchholz traten hier auf, Erwin Piscator und Jürgen Fehling inszenierten. Auch in den letzten Jahrzehnten machte die Tribüne immer wieder von sich reden. Politisch-literarische Programme wie „Die verbrannten Dichter“ von Rainer Behrend, der dem Haus bis 2006 als Intendant vorstand, zogen Preise, Kritikerlob und Zuschauer an. Zuletzt geriet das Theater allerdings in finanzielle Schieflage, weil ihm die Subventionen gestrichen werden sollten.

Wenn nun der Brite Paul Graham Brown (Musik und Liedtexte) und der US-Amerikaner James Edwards Lyons (Buch und Regie) ihre Version der oft erzählten Geschichte von Schmeling und Louis zeigen – erst 2002 von Til Schweiger und Leonard Roberts im Film „Joe and Max“ (2002) dargestellt – könnte das zum Befreiungsschlag werden. Dabei hatten die Autoren erst auf Umwegen zu dem Stoff gefunden.

Brown, der mittlerweile seinen Platz am Klavier verlassen hat, lacht: „Ich kam 2005 aus England nach Deutschland und hatte keine Ahnung vom Boxen. Aber ein paar Tage vorher war Schmeling gestorben, und die unglaubliche Masse an Nachrufen und Berichten machte mich neugierig.“ Außerdem lernte er Lyons kennen, der seit 1980 in Deutschland lebt und bereits einige biografische Revuen inszeniert hatte, über Janis Joplin und Johnny Cash sowie das viel gelobte Knef-Portrait „Für mich solls rote Rosen regnen“. Dabei hatte er allerdings immer mit der Musik der dargestellten Künstler gearbeitet.

„Als wir im Januar anfingen zu schreiben und zu komponieren, war es gleich so, als würden wir uns schon seit zwanzig Jahren kennen“, erzähltt Lyons. Und während der Arbeit bekam der Stoff noch eine weitere, unerwartete Wendung. „Jeden Morgen haben wir erst mal eine halbe Stunde lang Nachrichten geschaut. Es liefen gerade die Vorwahlen zwischen Barack Obama und Hillary Clinton, und uns wurde klar, dass Obama vielleicht das für schwarze Politiker leisten kann, was Louis für den schwarzen Sport geschafft hat.“

Von dieser Analogie ist – jedenfalls während der Proben – auf der Bühne wenig zu sehen. Die Geschichte von „Der Kampf des Jahrhunderts“ umfasst die Jahre zwischen 1936 und 1938. Am Anfang trifft der erfahrene, technisch versierte, aber seinen sportlichen Zenit angeblich bereits hinter sich habende Ex-Weltmeister Max Schmeling zum ersten Mal in New York auf das unbesiegte Jahrhunderttalent Louis und besiegt ihn in der 12. Runde sensationell durch k.o. Und am Ende prügelt Louis den verhassten Deutschen beim vielleicht wütendsten aller Weltmeisterschaftsrevanchekämpfe binnen zweier Minuten zu Boden.

Doch nicht nur das wollen Brown und Lyons erzählen. Sondern auch die Entwicklung des Boxens von der Kirmesattraktion zum hochprofessionell dargebotenen Weltmarktprodukt. Vom Leben der Boxer neben dem Ring und ihren Frauen Anny Ondra (Lada Kummer) und Mavis Louis (Gina Marie Hudson). Und – schließlich ist es ein Musical – außerdem treffen Charleston, Swing und Jazz auf Marschmusik und Walzer.

Sportlich sind die beiden Hauptdarsteller Michael Starkl und Ricky Watson (der schon in „Joe and Max“ eine Nebenrolle spielte) bestens vorbereitet. Beide wiegen 85 Kilogramm, wären also nach den Regeln von 1938 Schwergewichte, und zusammen haben sie monatelang mit den Charlottenburger Amateuren von „Sparta 58“ trainiert. „Das war manchmal ganz schön gefährlich“, grinst Watson. „Michael und ich haben ja nur die Konditionsarbeit gemacht und ansonsten die Choreografien fürs Stück probiert. Aber irgendwann will so ein 18-jähriges, austrainiertes Kraftpaket wirklich mit dir einen Trainingskampf machen. Ich habe fast nur hinter meiner Deckung gestanden und war froh, als der Gong schlug.“

Vor dem Bühnenbild, das an expressionistische Filmkulissen erinnert, führen die beiden Schauspieler einige ihrer abgesprochenen Schlagfolgen vor. „Bombardement“ haben sie die genannt, „Angsthase“ oder „Superman“. Nach wenigen Sekunden wird ihr Atem schwerer. Schweiß erscheint auf der Stirn, Leder klatscht gegen Haut. Fast wie vor 70 Jahren, beim echten Kampf des Jahrhunderts.

Tribüne, Otto-Suhr-Allee 18, Premiere am 4. Oktober, 20 Uhr.

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