Schneller schmusen : R. Kellys Konzert im Admiralspalast

Im letzten Jahr konnte R. Kelly wegen einer Erkrankung nicht in Berlin auftreten. Jetzt hat er sein Konzert nachgeholt. Am Montag spielte im Admiralspalast. 65 Minuten. Ohne Zugaben.

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R. Kelly konnte seine Fans im Berliner Admiralspalast nicht wirklich begeistern.
R. Kelly konnte seine Fans im Berliner Admiralspalast nicht wirklich begeistern.Foto: dpa

Vor etwas mehr als einem Jahr musste R-’n’-B-Superstar R. Kelly sein Konzert im Tempodrom kurzfristig absagen – von seinem Leibarzt diagnostizierte Knötchen auf den Stimmbändern machten den Auftritt unmöglich. Umso größer die Vorfreude der Fans auf den Ostermontag: Diesmal kommt er wirklich, noch dazu ins intime Ambiente des Admiralspalasts. Oder muss man in der Wahl des Konzertorts schon ein Zugeständnis an sinkende Popularität erkennen? Schließlich ist es ein eher bescheidener Rahmen für einen Künstler, der im Laufe seiner 20-jährigen Karriere über 40 Millionen Platten verkauft hat.

Immerhin, der große Saal ist ausverkauft. Gewaltiger Applaus braust auf, als um Viertel vor neun die Lichter ausgehen und ein gleißender Spot Kellys Erscheinen ankündigt. Ja, da steht er, in eher schlichtem Ornat mit grauer Lederjacke, Jeans, Sonnenbrille und einem blitzenden Brillantkreuz auf der Brust. Allein, man hört ihn nicht.

Was man nicht unbedingt sofort bemerkt, denn gesungen wird schon. Und zwar von einem energisch zappelnden Pärchen am linken Bühnenrand. Auch Kelly macht die richtigen Lippenbewegungen, nur scheint sein kabelloses Mikro nicht zu funktionieren. Tücken der Technik.

Fast eine Viertelstunde lang geht das so, zum zunehmenden Unmut der Zuschauer. Zudem hetzt Kelly mit der vierköpfigen, unauffälligen Begleitband wie ein Berserker durch sein Repertoire. Er spielt zunächst ausschließlich Uptempo-Nummern wie „Hotel“ oder „So Sexy“, und die nur in ungefähr zweiminütigen, um die Refrains kreiselnden Rumpfversionen.

Weil all diese Songs selbstverständlich Hits sind, führt diese atemlose Aufführungspraxis zwar zu reflexartigem Wiedererkennungsjubel, der aber schnell verebbt. Vielleicht will er den eher auf die Tanzfläche zielenden Teil des Abends schnell hinter sich bringen, um zum eigentlichen Kern seines Werks vorzudringen. Denn R. Kelly ist der größte aller noch aktiven Schlafzimmer-Soul-Schmuser. Sein Talent zeigt er, als endlich die Technik mitspielt. Eine gospelige Improvisation wird zur glutvollen Beschwörung: „We’re struggling with the sound / but we’re gonna make it.“

Leider verpuffen auch die nun folgenden Balladen wie „Fiesta“ oder „When A Woman’s Fed Up“, weil Kelly nach wie vor bloß eingedampfte Versionen zum Besten gibt: kurzes Anspielen, mehrfach wiederholter Refrain, vorbei. Warum nur? Soulballaden ziehen ihre suggestive Wirkung aus dem langsamen, sich unaufhörlich steigernden Aufbau, aus einem flehentlichen, immer leidenschaftlicheren Werben, das in einer ekstatischen Klimax explodiert. R. Kelly stößt dieses Prinzip ohne zwingenden Grund von der Bettkante. Aus dem musikalischen Äquivalent zu seelenvollem Sex wird eine hektische Abfolge von mechanischen Quickies.

Das ist umso bedauerlicher, als einige Male deutlich wird, was für ein toller Abend das hätte werden können. Wenn in der leidenschaftlichen A-capella-Version von „R’n’B Thug“ sein trotz hörbarer Abnutzung immer noch grandioses SoulOrgan erklingt, ahnt man, warum der 44- Jährige kultisch verehrt wird. Dass er die Liebe der Fans genießt, merkt man an der Zärtlichkeit, mit der er die ihm entgegengereckten Hände streichelt.

Höhepunkt des Konzerts wird dann ausgerechnet die unvermeidliche Kitschbombe „I Believe I Can Fly“: Kellys größter Hit aus dem Jahr 1996, der – welche Wohltat – als einziger Song in voller Länge erstrahlen darf. Obwohl, über die Schablone der fünfminütigen Albumfassung traut sich Kelly auch hier nicht hinaus. Was hätte wohl ein wirklich begnadeter Performer aus dieser Steilvorlage machen können? Eine viertelstündige Soul-Messe mit abschließendem Massenorgasmus, mindestens.

R. Kelly dagegen nimmt den nun doch lautstarken Beifall huldvoll entgegen, spielt noch das solide groovende „Happy People“ und macht Feierabend. Nach 65 Minuten. Ohne Zugaben. Ernüchternd.

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