Schwarzmarkt für Konzertkarten : Das dicke Geschäft mit den Fans

Der offizielle Onlineshop einer Band stürzt zu Beginn des Vorverkaufs ab. Als alles wieder funktioniert, "Ausverkauft!". Will man trotzdem zum Konzert, muss man die Wucherpreise der Schwarzmarkthändler hinnehmen.

Lars Dittmer
Foto: IMAGO

Lange muss man nicht warten, sie kommen zu einem. Sie sehen etwas bulliger aus als das studentische Publikum, das sich zum Berlin-Gig der kanadischen Indieband Arcade Fire vergangenen Dienstag vor dem Tempodrom tummelt. Sie stehen etwas abseits, mit weiten Hip-Hop-Hosen und Sonnenbrillen, wechseln mal untereinander ein paar Worte, mischen sich dann wieder unter die kastenbebrillten Indiefans.

Man merkt, dass sie die Musik nicht interessiert – sie sind hier wegen des Geschäfts. „80 Euro das Ticket“, sagt einer mit umgedrehter Kappe. Könne er auch mehr besorgen? „Mehr als zwei kriegst du nie“, sagt er misstrauisch und dreht sich schnell um. Ein dicker Kollege von ihm ist offener: Klar, man müsse sich nur festlegen, wie viele. 80 Euro verlangt auch er. Eine halbe Stunde später kostet sie bereits 100 – bei Vorverkaufspreisen von 32 Euro eine beachtliche Gewinnspanne. Für die Fans, die noch keine Karten haben, wird es eng, denn das Konzert ist schon seit Wochen ausverkauft und günstige Tickets rar.

„Eigentlich gehört das verboten“, schimpft ein Wiener Architekturstudent, der extra nach Berlin gereist ist, um das Konzert zu besuchen. Die Händler haben ihn gleich in der Einfahrt zum Tempodrom angesprochen. Er hat ihnen ein überschüssiges Ticket zum Normalpreis verkauft. Die Geschäftemacherei ärgert ihn: „Die Karten werden in großen Mengen günstig eingekauft und dann, online oder vor dem Konzert, teuer abgestoßen. Die Schwarzmarkthändler treten immer wie normale Fans auf.“ So auch bei der Onlineauktionsplattform Ebay, die sich in den vergangenen Jahren zu einem der zentralen Umschlagplätze für Konzertkarten entwickelt hat. Wenige Tage vor dem Arcade-Fire-Gig wechselten hier Tickets für immense Summen den Besitzer. Ein User hatte zwei Tickets im Angebot und die Auktion bei 1 Euro angesetzt. Fünf Tage vor dem Konzert nahm er 136 Euro dafür ein. Wie man in seiner Angebotsgeschichte lesen kann, hat er drei Tage darauf ein weiteres Paar für 251 Euro verkauft. Regulär hätten zwei Tickets 64 Euro gekostet. Auch bei den Onlinebörsen Viagogo, Fansale und Seatwave konnte man noch Karten ergattern: Alle starteten bei 64 Euro, bei Seatwave gingen die Preis bis 165 Euro. Auch hier scheint es, als verkauften Fans privat – mehr als zwei Tickets werden nie angeboten.

Es ist zu einem gewissen Grad legitim, seine Konzertkarte online zu verkaufen, denn die Veranstalter nehmen Tickets auch bei Krankheit nicht mehr zurück. „Es ist nicht zutreffend, den Wiederverkauf von Tickets generell als nicht erlaubten Schwarzhandel zu bezeichnen“, sagt Maike Fuest, Pressesprecherin von Ebay. „Die vorliegende Rechtsprechung beurteilt einen solchen Wiederverkauf bis dato widersprüchlich.“ Zumal niemand gezwungen ist, Wucherpreise zu bezahlen – gerade bei Ebay entstehen sie oft durch die Nachfrage. Schwierig ist es gleichwohl, ehrliche Fans von den Leuten zu unterscheiden, die gewerbsmäßig anbieten. Denn wie so oft verlocken rechtliche Grauzonen zum Missbrauch.

In den Musikforen im Internet ballt sich der Frust, von systematischer Abzocke ist die Rede. Userin „Birgit 72“ ärgerte sich da über die Ticketpreise zum Berlin-Gig von Rammstein im Dezember vergangenen Jahres. Der offizielle Onlineshop der Band sei gleich zu Beginn des Vorverkaufs abgestürzt, Community-Mitglieder hatten bevorzugt Karten bekommen, und als der Shop wieder funktionierte: „Ausverkauft!“, schrieb sie. Die Karten fand sie dann bei Ebay wieder, im Sofortverkauf für 225 Euro – mehr als dreimal so hoch wie regulär. Als sie bei der Verkäuferin anfragte, ob dies tatsächlich der Preis für eine Karte sei, erhielt sie als Antwort: „Ups, verschrieben, ist für zwei Karten.“ Tags darauf stand dort wieder Stückpreis. „Die gute Frau hat 34 Auktionen mit Konzertkarten am Laufen – aus Versehen?“ ärgerte sich „Birgit 72“.

„Der Schwarzmarkt vor allen interessanten Konzerten ist inzwischen Usus“, sagt Peter Schummel von der Konzertkasse Koka 36 in Kreuzberg. Der Schaden ist freilich nicht nur moralisch – Fans und Konzertveranstalter werden gleichermaßen ausgenommen, und die Gewinne werden nicht versteuert. „Auch bei Fußballspielen und anderen Events sind die organisierten Gruppen tätig – bundesweit“, sagt Schummel. Den Ticketbüros sind die Hände gebunden: „Bei größeren Einkäufen um 50 Tickets fragen wir nach, was mit den Karten passiert. Ansonst gibt es bei uns auch die Unschuldsvermutung.“ Könnte man Tickets nicht personengebunden verkaufen? Schummel winkt ab: „Den logistischen Aufwand einer Ausweiskontrolle kann man bei Tausenden von Fans nicht mehr stemmen.“

Bei Senat und Polizei ist man ebenfalls ratlos. „Der Konzertkartenschwarzmarkt ist Teil des Zivilrechts, die Veranstalter müssen Anzeige erstatten“, sagt Guido Busch, Pressesprecher der Berliner Polizei. Diesen fehlen aber die Kapazitäten, bei Hunderten von Fällen einzuschreiten. Schwarzmarkthändlern kann auf dem Konzertgelände zwar aufgrund des Hausrechts ein Platzverweis gegeben werden, sie können dann aber auf der Straße weitermachen. Diese Erfahrung hat das Concertbüro Zahlmann, ein großer Berliner Veranstalter, bereits gemacht. Welche Verluste durch den Schwarzmarkt entstehen, ist schwer zu sagen: „Den Schaden kann man nicht beziffern, wir haben nicht das Personal, das im großen Stil einzuschätzen“, sagt Manfred Müller vom Concertbüro. Wer den organisierten Schwarzmarkt betreibt und wie hoch die Steuerausfälle sind, ist nicht bekannt. Gibt es gar kein Mittel, Ticketdealern das Handwerk zu legen? „Im Prinzip wäre es einfach, wenn jeder nur den Originalpreis für eine Konzertkarte zahlen würde“, sagt Peter Schummel. „Solange Wahnsinnspreise für die Tickets bezahlt werden, müssen wir mit dem Schwarzmarkt leben.“ Lars Dittmer

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