Serie : Spreelectro: Neue Pop-Tipps aus Berlin

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher gibt auf Tagesspiegel.de schon länger Pop-Tipps. Für unsere Serie "Spreelectro" hat er sich inzwischen auf Berlin spezialisiert und empfiehlt Gutes aus der Hauptstadt.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Siriusmo – Mosaik (Monkeytown)
"Auf dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Wenn Wünsche enttäuscht und wenn sie erfüllt werden. Das zweite ist viel schlimmer“, schrieb Besserwisser Oscar Wilde vor 120 Jahren. Mit Musik, das muss man dazu sagen, kannte sich Oscar Wilde nicht besonders gut aus. Er konnte also nicht wissen, wie schön es ist, wenn musikalische Träumereien in Erfüllung gehen: Schon lange habe ich mir ein richtiges Album von Moritz Friedrich alias Siriusmo gewünscht. Denn fast alles, was er in der Vergangenheit anfasste, war großartig und extrem funky. Und siehe da, sein Debütalbum „Mosaik“ ist all das und noch mehr: Vor allem nämlich sehr verspielt, weshalb es seit Wochen auf Dauerrotation läuft (bei mir jedenfalls) und ich immer noch neue Sounds und Anspielungen entdecke. Klavierparts wie von Stevie Wonder, heftige Beats, an barocke Kompositionen erinnernde Arrangements. Und immer wieder auf seltsame Art verfremdete Stimm-Schnipsel. Ich bin mir sicher, dass viele, die elektronische Musik machen, neidisch auf den Berliner sind und sich fragen, wie er das hinbekommen hat. Ich weiß es auch nicht, aber es klingt so, als hätte Siriumso beim Produzieren mitgetanzt.

Kaval - Sky of Mirrors (Das Drehmoment)
2010 war ein gutes Jahr für die Schallplatte – es wurden so viele Exemplare verkauft wie seit 20 Jahren nicht mehr, das Geschäft mit dem schwarzen (oder auch bunten) Vinyl läuft. Vielleicht ein Grund dafür, dass das Berliner Plattenlabel „Das Drehmoment“ endlich aus einem langen Winterschlaf erwacht ist - „Sky of Mirrors“ ist das erste Lebenszeichen seit drei Jahren und kommt als limitierte Auflage auf Vinyl heraus, nicht als CD. Eine schöne und verstörende Platte, eine Art Soundtrack für einen Film, der noch gedreht werden muss – und das würde mit Sicherheit weder ein Liebesfilm noch eine Komödie sein. Dunkle Synthesizerflächen, sich langsam heranschleichende Beats, undefinierbare elektronische Geräusche – das durch die Musik gestartete „Kino im Kopp“ lässt Tote wiederauferstehen, führt einen in verlassene Irrenanstalten, lockt Massenmörder an. Also: Einbruch der Dunkelheit abwarten, Kerzen an, „Sky of Mirrors“ gestartet, fertig ist der selbst gebastelte Nervenkitzel.

Tom Thiel – Tom Thiel (Shitkatapult)
Wir schreiben das Jahr 1994 – es erscheint die erste Ausgabe des Samplers „Cafe Del Mar“, damals eine echte Offenbarung in Sachen „Chill-Out-Trip-Hop-Electronic-Soul-Music“, nicht der abgenudelte Kaffeehaus-Sound, den man (oder ich) damit verbindet. Einer der Songs darauf: Sundance vom Berliner Projekt Sun Electric. Einer von Sun Electric, die als Miterfinder des Ambient House gelten, heißt Tom Thiel und hat jetzt sein Debütalbum veröffentlicht. Man merkt, aus welcher Ecke Tom Thiel kommt, bei vielen seiner Solostücke sippt Ambientes durch die Lücken, die der Beat lässt. Und man merkt, dass Tom Thiel schon seit Ewigkeiten elektronische Musik macht, er kümmert sich nicht um das, was gerade neu und angesagt ist, sondern macht seine Musik. Wirklich schöne Stücke, die ruhig vor sich hin pulsieren und auch so heißen, nämlich Pulse, Laissez Faire, Lowerslower. Sympathisch unaufgeregter, gediegener Sound, der einem das Aufstehen aus dem Liegestuhl nicht gerade einfacher macht.

 

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