Serie : Spreelectro: Neue Pop-Tipps aus Berlin

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher gibt auf Tagesspiegel.de schon länger Pop-Tipps. Für unsere Serie "Spreelectro" hat er sich inzwischen auf Berlin spezialisiert und empfiehlt Gutes aus der Hauptstadt.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Trickski – Unreality (Suol)
„Slowstens“, so heißt der Eröffnungstrack auf dem Debütalbum des Berliner Duos „Trickski“. Und damit ist auch schon das Entscheidende gesagt: Es geht sehr, sehr langsam zu in der musikalischen Welt von Daniel Becker und Yannick Labbé. Seit einigen Jahren pflegen sie ihren seelenvollen House, in letzter Zeit ist er, wie es der Slow-Mo-Trend verlangte, immer langsamer geworden. Nach wie vor aber stehen Trickski für perfekt produzierte Sounds: Jeder Halleffekt sitzt, jeder Beat hat genau die richtige Stärke, die elektronischen Gerätschaften oder zumindest die Musik, die sie erschaffen, scheint Seele zu besitzen.

„Deepness“ ist das Zauberwort, mit dem man die Musik von Trickski begreifen und beschreiben kann, eine Tiefe, die beim Zuhörer Wärme erzeugt. Nur eines, so kommt es mir jedenfalls vor, haben Becker und Labbé noch nicht so drauf: Den Umgang mit Stimmen. Vielleicht liegt es auch an den Sängern selbst (Fritz Kalkbrenner, Ernesto, Irfane Khan-Acito), aber in den gesungenen Stücken will sich die „Deepness“ oft nicht blicken bzw. hören lassen. An anderer Stelle dafür gibt sie es einem dafür umso mehr.

 

The Sorry Entertainers – Local Jet Set (Shitkatapult)
 Es ist natürlich ziemlich einfallslos, vielleicht sogar bescheuert, Musik mit dem Wetter in Verbindung zu bringen. Oder mit den Jahreszeiten, etwa nach dem Motto: „Der perfekte Soundtrack für den Sommer“. Denn wenn ich drüber nachdenke, dann hat mir Bob-Marley-Reggae am meisten Spaß im Skiurlaub gemacht. Und vermeintlich herbstlich-trüber Trip-Hop brauchte keinen grauen Himmel, um seine zerstörerische Wirkung zu entfalten.

Trotzdem: Dieses erste Album der „Sorry Entertainers“ aus Berlin löst bei mir vor allem eines aus: Gedanken an Open Air Locations, an Freiluftclubs, an Draußen-Discos. Gedanken an den längst vergangenen Casino-Sommergarten, der der monströsen O2-World weichen musste oder an die ebenfalls untergegangene Bar 25, an  DJs, die elektronische Musik mit Gefühl und Melodie auswählen, bei der es nicht um Lautstärke oder Kraft der Tracks geht, sondern um die Atmosphäre.  Und die gibt’s hier reichlich. Langsam plätschern die Soundspielereien der „Sorry Entertainers“ vor sich hin, es klingelt und bimmelt und tönt, psychedelisch und irgendwie anders. Wenn dann auch noch Raz Ohara anfängt zu singen und seine Stimme verhackstückt wird, um im Fluss der Songs aufzugehen, dann ist er auf einmal da, der Sommer. Selbst wenn das Regenwasser in Strömen durch die Regenrinne rast.

 

Lee Curtiss – Watergate 08 (Watergate Records)
Das Watergate, vor neun Jahren gegründet, hat neben dem Weekend am Alexanderplatz wohl die schönste Aussicht unter den Berliner Clubs: Freie Sicht auf die Spree! Neun Jahre gibt es das Watergate mittlerweile, manchmal tut sich hier wenig, manchmal ist es unglaublich voll und überhaupt unglaublich, was sich auf den beiden Floors und daneben so abspielt. Ähnlich verhält es sich auch mit der Mixreihe des Watergates, die inzwischen bei Nummer Acht angelangt ist: Wie die Partys sind die Mixe mal besser, mal schlechter. Und dieser hier, zusammengestellt von Lee Curtiss, ist mit ziemlicher Sicherheit der beste. Lee Curtiss kommt aus Detroit, gehört dort nicht zu den Urgesteinen des Techno, sondern hat sich, wie auch Trickski, der deepen House Music verschrieben. Angeführt von einem eigenen Track gleiten die von ihm ausgewählten Stücke sanft und ohne Störung ineinander. Auch hier kann man sie wieder bestaunen, die (inzwischen nicht mehr ganz) neue Langsamkeit von Teilen der Tanzmusik. Vor allem aber zeigt Lee Curtiss’ Mix, welche Rolle Stimmen und Gesang mittlerweile spielen, wie Musiker und Produzenten versuchen, elektronische Sounds und menschliches Organ miteinander zu verschmelzen. Und es ist natürlich auch eine Art Selbsttest für den Hörer: Wie sehr bin ich bereit, mich auf diese Stimmen einzulassen? Sehr weit, steht für mich fest. Zumindest wenn es so gut gemacht wird wie hier. 

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