Serie : Spreelectro: Pop-Tipps aus Berlin

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher gibt in seiner Serie "Spreelectro" auf Tagesspiegel.de regelmäßig Pop-Tipps aus Berlin. Diesmal empfiehlt er unter anderem Schwefelgelb und Fritz Kalkbrenner.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Schwefelgelb – Das Ende vom Kreis (Tapete Records)
Wer sich ein bisschen mit Lacken auskennt, weiß, dass "RAL 1016" für den Farbton "Schwefelgelb" steht und als Signalfarbe benutzt wird – weil’s so schön grell und auffällig leuchtet! Kein Zufall, dass sich der in Berlin wohnende Grafiker Eddy und sein Kompagnon Sid für ihr gemeinsames Bandprojekt den Namen "Schwefelgelb" ausgesucht haben, denn grell und auffällig geht es auch bei ihnen zu. "Alt und neu" hieß das Schwefelgelb-Debüt vor zwei Jahren, ein lockerer und gekonnter Rückblick auf 30 Jahre elektronische (deutsche) Tanzmusik: Deutsch-Amerikanische Freundschaft traf auf Westbam, Minimal auf Maximal, krachender Electro auf manchmal ganz schön gute Texte. Und genau so, nur noch ein bisschen besser, geht es auf "Das Ende vom Kreis", dem zweiten Schwefelgelb-Album, weiter. Seltsam, dass sich alles so gut anhört. Und seltsam, dass selbst Zeilen wie "Ich bin alleine, Du bist allein, kommen, gehen wir den Weg zu zweit" gar nicht kitschig wirken. Die Kurzkritik: Jute Lyrics! Jute Produktion! Einfach jut.

Fritz Kalkbrenner – Here Today Gone Tomorrow (Suol)
Seine Stimme kennt seit zwei Jahren so ziemlich jeder, der sich für elektronische Clubmusik interessierte, seinen Nachnamen auch, der Vorname allerdings blieb im Verborgenen: Fritz Kalkbrenner ist der kleine Bruder von Techno-Produzent und Berlin-Calling-Hauptdarsteller Paul Kalkbrenner. Gemeinsam haben die beiden Kalkbrenner ihren Hit "Sky and Sand" produziert – den tiefen, soulig angehauchten Gesang lieferte Fritz. Jetzt hat der Berliner sein Debütalbum veröffentlicht: Lockere, leichte, entspannte Tracks, die sich auf einer elektronischen Spielwiese gegenseitig den Ball zupfeffern. Und immer wieder auch mit Stimme, die Fritze K. einmalig macht: Er ist eine Art Techno-Singer-Songwriter, aber einer, der nur singt, wenn er auch was zu singen hat. Ansonsten hält er brav den Mund und verlässt sich ganz auf seinen instrumentalen Sound. Ach ja, auch wenn Paul und Fritz jeweils eigene Studios haben und sich ungern in ihre Kunst hineinreden lassen: Musikalisch ähneln sie sich mehr als in ihrem Äußeren.

Apparat: DJ-Kicks (!K7 Records)
Die Bezeichnung "legendär" mag einen Tick zu hoch gegriffen sein, aber die DJ-Kicks-Serie gehört definitiv zur besten Mix-Cds-Reihen, an die man so geraten kann. Vor allem, seit sich das Berliner Label !K7 wieder deutlich mehr Mühe gibt, auch in der Auswahl der DJs und Produzenten, die ran dürfen. Nach James Holden und Kode 9 ist jetzt der Berliner Sascha Ring alias Apparat am Zug. 24 Tracks hat er zu einem einzigen großartigen Klangteppich verwebt, und zwar so, als hätten Thom Yorke (ja, der Frontmann von Radiohead), Joy Orbison, Four Tet, Burial und wie sie nicht alle heißen mit ihren Songs genau das beabsichtigt: Puzzlestücke zu schaffen, die nur in Verbindung mit den anderen Puzzlestücken ein Gesamtbild ergeben. Mir schwirren beim Hören Bilder von Kandinsky durch den Kopf: Farben und Formen, die einzeln keinen Sinn ergeben würden. Wem das zu abgehoben ist: Apparats DJ-Kick ist keine Tanz-, sondern eine Hörplatte. Aber man muss weder Kunst noch Musik studiert haben, um sich ganz in ihr zu verlieren.

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