Silvesterkonzerte : Freude, schöne Götterspeise

Silvesterkonzerte in der Komischen Oper, mit der Staatskapelle, beim Konzerthausorchester und bei den Berliner Symphonikern. Was unsere Autoren zu Ohren bekommen haben.

Frederik Hanssen

Achtung! Sie betreten den amerikanischen Sektor! Mit der Wahl ihres neuen Chefdirigenten hat die Komische Oper einen großen Schritt nach Westen gemacht. Von Kirill Petrenko zu Carl St. Clair, von Omsk nach Lavaca County, Texas, von einer zwar russisch beseelten, aber zentraleuropäisch geprägten Klangkultur – Petrenko hat in Österreich studiert – hin zu einem transatlantischen Musikverständnis. „Cowboy“ pflegte Leonard Bernstein seinen Meisterschüler zu nennen, und in der Tat wirkt Carl St. Clair auf entwaffnende Weise rustikal, nicht nur wegen seiner Vokuhila-Matte, einer eigenwilligen Frisur, wie sie zuletzt Limahl von der Popgruppe Kajagoogoo in den achtziger Jahren kultivierte.

Für seinen ersten offiziellen Auftritt mit dem Orchester der Komischen Oper, dessen Geschicke er ab Herbst 2008 leiten wird, hat sich Carl St. Clair von seinem Vorgänger inspirieren lassen – und Spezialitäten aus seiner Heimat mitgebracht: Kirill Petrenko erfreute sich und das Publikum bei den Konzerten zum neuen Jahr mit Hits aus sowjetischen Musikfilmen, der US-Maestro präsentiert diesmal Musical-Melodien. Allerdings keine aktuelle Broadway-Ware, sondern Klassiker des Genres, alltime favorites von Gershwin und Bernstein, sophisticated kombiniert mit echten Raritäten.

So sichtbar gut sich das Orchester und der Neue auch verstehen, ein wenig hat man dann wohl doch die spezifischen Kniffeligkeiten dieser Partituren unterschätzt, die in der Komischen Oper nun einmal nicht zum Repertoire gehören – die legendäre „Porgy und Bess“-Produktion liegt 37 Jahre zurück. Bernsteins „Candide“-Ouvertüre ist beim ersten der vier Konzerttermine, am Sonntagnachmittag, anzumerken, wie gut es alle machen wollten: Die Musiker bieten messerscharfe Präzision, obwohl St. Clair rasante Tempi fordert – doch locker klingt das nicht. Da muss erst Gayle Tufts auftreten, die Amerikanerin vom Dienst, um die rechte Entertainment-Atmosphäre herzustellen. Mit zwei eigenen Songs, unterstützt von ihrem Pianisten Rainer Bielfeldt, und den altbekannten denglishen Moderationen entspannt sie tatsächlich die Lage. Cynthia Haymon und Kevin Deas, old acquaintances von Carl St. Clair aus den USA, sorgen für schwarze Gefühle bei Gershwin – und unter den Ensemblemitgliedern ist noch eine Neue zu entdecken: Erika Roos, eine 26-jährige Schwedin mit perfekt geführtem Edelmetall-Sopran, die man 2008 in so vielen Rollen wie möglich wiederhören möchte. Frederik Hanssen


Daniel Barenboim muss großes Vertrauen in die Bausubstanz seiner Staatsoper haben – so wie er die Neunte abbrennt. Donnerndes Saalfeuerwerk! Sinfonie athlétique! Die Schlachten des vergangenen Jahres im Schnelldurchlauf noch mal geschlagen, dass die morschen Wände zittern. Übermütig paradiert er mit der Staatskapelle durch Beethovens Crescendo-Landschaften, man wird durch diese anspruchsvollste aller militärischen Musiken darauf gestoßen, dass Schillers Friede-Freude-Elysiums-Chöre am Ende gewaltlos nicht zu bekommen sind. Barenboim lässt keinen Effekt aus. Das Adagio kommt weich und breit wie eine Wagner’sche Liebeswolke. Silvester Unter den Linden mit Barenboims Neunter ist zum Ritual geworden. Es ist sein Stück, er hat es über die Jahre sanft usurpiert. Und wenn Barenboim – da ist er die große Ausnahme – Staat macht und heilige Dinge versprüht, dann kann man das sehr gut aushalten. Im Parkett sitzt Joschka Fischer, im Rang Angela Merkel, sie hat dem Haus ja auch schöne Geldgeschenke gemacht. Während der allfälligen Renovierung, Rituale sind einzuhalten, werden Barenboim, Beethoven und Schiller ins Schiller Theater umziehen. Mal was anderes. Rüdiger Schaper



Eine musikalische Speisekarte hatte sich Lothar Zagrosek ausgedacht, von der beim Ticketkauf „bestellt“ werden konnte – und der Chef des Konzerthausorchesters bescheinigte seinem Publikum eine „gute Wahl“: Das viergängige Silvesterkonzert war kulinarisch ergiebig und offenbarte erst auf den zweiten Biss leichte Unstimmigkeiten. Appetitanregend das Amuse-Gueule: Angenehm spritzige Säure – etwa in leichten und doch geschärften Vorschlagsketten der Piccoloflöte – entfaltete die heitere Ironie von Bernsteins „Candide“-Ouvertüre. Dann ein Kesselgulasch, Zoltán Kodálys „Tänze aus Galánta“ mit gut gepfefferten Blechbläserrhythmen und sämiger Streichersoße, garniert von gefühlvollen Klarinettengirlanden. Bei Strauss – der einmal Puccini mit einer delikaten Weißwurst verglich – wurde es leicht brenzlig: Den Solopart der „Burleske“ für Klavier und Orchester bewältigte Ewa Kupiec mit blitzblanker Technik, doch fehlte jener Überschuss an Kraft, der die Tiefen dieses virtuosen Spiels auf Leben und Tod hätte ausloten können. Auch Schuberts „kleine“ C-Dur-Sinfonie, als Hauptgericht deklariert, konnte dem nichts Gehaltvolles entgegensetzen und im Finale erst recht keinen „Rossini-Rausch“ entfesseln. Versöhnlich stimmte dann das Dessert: Offenbachs unverwüstlicher „Orpheus in der Unterwelt“ – nach Zagrosek „wahre Götterspeise“ – fand tosenden Beifall. Dennoch verließ man das Konzerthaus ein wenig hungrig – nicht nur, weil der Cancan nicht wiederholt wurde. Isabel Herzfeld

Man könnte meinen, es gäbe nur solche und solche Silvesterkonzerte: hier die ganz hohe Kunst, dort die leichte Kost, die schnell in musikalische Bierseligkeit umkippt. Im Kammermusiksaal der Philharmonie suchen die Berliner Symphoniker einen Mittelweg: Exemplarisch für diesen Balanceakt stehen am Silvesternachmittag die beiden Sänger. Keren Hadar singt sich aus ihren Rollen heraus. Puccinis Musetta und Verdis Gilda treten hinter der auffälligen Erscheinung der Sopranistin zurück. Dennoch begeistert sie durch makellose Technik auch an heikelsten Stellen. Ihr israelischer Landsmann Yaron Windmüller, auf der anderen Seite, singt sich in seine Rollen hinein. Der Bariton kostet den Gehalt der Arien mitsamt der Beigeschmäcker klanglich aus. Dass er gleich zu Beginn vor Richard Wagner nicht zurückschreckt, ist ein dramaturgischer Kunstgriff. Denn anschließend ist das Gewissen frei für eine sorglose Gala. Zwischen Ausgelassenheiten wie französischen Fussballtrikots und chinesischen Hüten wird Chefdirigent Lior Shambadal zum Conferencier: So, wie er die Moderationen serviert, lockert er auch dem in den letzten Jahren arg gebeutelten Orchester die Zügel, und letztlich obsiegt also doch die Feiertagslaune. Dass die Violinen mit den schnellen Läufen von Mozart und Glinka ein klein wenig überfordert sind, darf im neuen Jahr getrost vergessen werden. Paul Bräuer

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