Simon Frith : Contra Karaoke-Bars - vom Wert der Livemusik

Livemusik hat sich von einem als unrentabel geltenden Geschäftsmodell zur Haupteinnahmequelle der Popkultur gewandelt. Aber nur Superstars versprechen Gewinne.

Jörg W,er

Die Heerscharen amüsierwütiger Menschen, die sich Abend für Abend durch die Ausgehviertel Berlins wälzen, illustrieren die Umbrüche in der Rezeption von Popmusik. Im letzten Jahrzehnt ist Pop stärker als je zuvor zu einer Kultur des Live-Events, des kollektiven Erlebens geworden, was mit dem gleichzeitigen Bedeutungsverlust des Tonträgers als Leitmedium einherging.

Die möglichen Auswirkungen dieser Entwicklung sollen in der von Christoph Gurk kuratierten Veranstaltungsreihe "Life is Live ÿ Musik, Diskurs, Performance" im HAU 1 diskutiert werden. Im Eröffnungsvortrag "The Value of Live Music" skizziert der britische Pop-Theoretiker Simon Frith in einer 50 Jahre umfassenden Perspektive, wie sich die ökonomischen, soziologischen und künstlerischen Parameter von Livemusik verändert haben. Frith, Bruder des Avantgarde-Musikers Fred Frith, belegt auf Grundlage empirischer Forschung, dass sich Livemusik von einem über Jahrzehnte prekären, als unproduktiv und unrentabel geltenden Geschäftsmodell zur Haupteinnahmequelle der Popkultur gewandelt hat. Die Schlüsseljahre für den Umbruch sieht Frith in den späten Neunzigern, als zeitgleich mit dem Aufkommen von Internet-Musiktauschbörsen jüngere Phänomene der Eventkultur wie Karaoke-Bars, Tribut-Bands und die Wiederbelebung von Großfestivals wie Glastonbury ihre Wirksamkeit entfalteten.

Mit sich ändernden Wertschöpfungsketten traten neue Akteure auf die Bühne: Parallel zur schwindenden Macht der Plattenindustrie etablierten sich Konzertagenturen wie Ticketmaster oder Live Nation als Global Player. Trotz des Booms bleibt Livemusik ein prekäres Geschäft: Nur Superstars wie die Rolling Stones oder U2 fahren gewaltige Gewinne ein, die Mehrzahl von Tourneen muss durch Sponsoren, öffentliche Fördergelder oder Merchandising quersubventioniert werden. Friths sprachlich präzise, unprätentiöse und von feinem angelsächsischem Humor durchzogene Darstellung dämpft die Euphorie über eine Entwicklung, deren Folgen etwa im Nachhall der Weltwirtschaftskrise noch nicht absehbar sind.

Zur Bestätigung seiner Thesen muss man anschließend nur um die Ecke zum HAU 2 stapfen: Beim Konzert zweier in Insiderkreisen angesagter Acts, deren Plattenverkäufe in Deutschland im niedrigen vierstelligen Bereich liegen dürften, drängt eine riesige Menschentraube in den ausverkauften Saal. Dort werden die anmutig groovenden Freak-Pop-Collagen des Animal-Collective-Mitglieds Panda Bear ebenso bejubelt wie die routiniert bollernden Electronica-Exkursionen von Hendrick Weber alias Pantha Du Prince, der im schicken lavendelfarbenen Kapuzenpulli sein neues Album vorstellt. Trockeneis wabert, Laser lasern, alles freut sich und tanzt: Das geht nur live.

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