Sonic Youth : Stunde der Tagträumer

Sonic Youth spielen in der Berlin Columbiahalle aus ihrem Erfolgsalbum „Daydream Nation“ und kehren damit zu ihren Ursprüngen zurück.

Kai Müller
Lee Ranaldo
Sublimes Verhältnis zur Revolte: Lee Ranaldo, Gitarrist von Sonic Youth. -Foto: dpa

Pop is the New Classic, möchte man meinen angesichts der forcierten Kanonisierung, die Musiker wie Lou Reed, David Bowie, Neil Young oder Genesis dazu treibt, Schlüsselwerke ihres Schaffens wie archäologische Schätze zu heben. Dabei lässt sie wohl vor allem die Sehnsucht nach der geschlossenen Form alte Alben in Originallänge wieder aufführen oder aufwendig ediert auf den Markt werfen. Während Popmusik sich im digitalen Zeitalter auf Download-Splitter reduziert, wird umso vehementer um konzeptuelle Strenge gekämpft. Soll man bedauern, dass das bündige Ganze offenbar nur in der Vergangenheitsform zu haben ist? In die hat sich die Verklärung schon miteingeschrieben.

Davor sind auch Sonic Youth, die Lärm-Gurus und Independent-Helden aus New York, nicht gefeit. Bei ihrem Konzert in der Berliner Columbiahalle wendet sich das Quartett ebenfalls mit historischer Akribie einem ihrer alten Alben zu: „Daydream Nation“. Das Doppelalbum bescherte der Avantgarde- Band 1988 und sieben Jahre nach ihrer Gründung den kommerziellen Durchbruch. Es gibt wohl kaum ein stilbildenderes Rock-Album der letzten Jahrzehnte. Auf den Anfangsakkorden von „Teenage Riot“ haben Bands wie Blumfeld ganze Karrieren begründet. Die Dynamik übereinander geschichteter E-Gitarren nahm nicht nur die Grunge-Welle vorweg, sondern verwandelte den rohen, ungeschlachten Rocksound in etwas, das der Bildenden Kunst näher war als der Jukebox.

Als erster stakst Zwei-Meter-Schlaks Thurston Moore auf die Bühne, auf der die Gitarrenverstärker korrekt und unprätentiös wie Leinwände nebeneinander stehen. Tatsächlich hat Lee Ranaldo seine Boxen nach einem „Target“-Bild von Jasper Johns bemalt. Bassistin Kim Gordon steht in weißem Mini-Kleid und mit offenen blonden Haaren als ätherische Erscheinung in der Bühnenmitte und flüstert ihre Zauberformel: „Spirit desire, spirit desire ...“ Dann ändert Moore plötzlich die Gangart und die von Drummer Steve Shelley aufgewühlten Kräfte ergießen sich als fiepende, schreiend- rückkoppelnde und erhebend bestialische Sturzbäche in den Raum. „Takes a teenage riot“, nölt Moore dazu, „to get me out of bed right now.“

Das Verhältnis der Band zur Revolte war schon immer ein sublimes. So geschieht nichts überraschend an diesem Abend, der so sehr im Bann einer beinahe zwanzig Jahre zuückliegenden Klangwende steht. Die Band geht noch einmal zu den Ursprüngen einer musikalischen Idee zurück, die sie seither immer wieder variiert hat. Sie tut es ohne Pathos. Als Moore und Ranaldo ihre Insrumente einmal wie Schwerter kreuzen, lächeln sie beinahe verlegen ob der überzogen-sakralen Symbolik. Das Land der Tagträumer ist für sie noch immer ein Ort des Chaos. Melodien, im Original wie Goldfäden in die Feedback-Flächen gewebt, werden darin zu Goldstaub zerrieben. So beantwortet sich die Frage von selbst, was Künstler mit ihrem eigenen Werk anstellen dürfen. Wenn sie begriffen haben, dass das, was ihnen einmal gelang, größer ist als sie, alles. 

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