Pop : Sorgenvoll in Sanssouci

Genug von Amerika: Der Singer/Songwriter Rufus Wainwright veröffentlicht sein fünftes Album „Release The Stars“

Gregor Dotzauer
Rufus Wainwright
Rufus WainwrightFoto: Promo

Keine Wut, nur Überdruss in tiefstem Moll. „I'm so tired of you, America“, singt Rufus Wainwright im Refrain seiner aktuellen Single „Going To A Town“. Spätestens, wenn die Zeile zum vierten Male wiederkehrt, teilt man seine Müdigkeit und würde am liebsten ganz in ihr versinken. Denn die Wut gehört den Rebellen, die Erschöpfung und der Ekel aber gehören den Träumern, den Melancholikern, den Dandys. Und gegen Wainwrights bitteren Bariton ist erst einmal kein Gefühlskraut gewachsen – außer die Kälte des Gedankens. Denn was soll das sein: „I got a life to lead. I got a soul to feed. I got a dream to heed.“ Politik als privatistisches Gefühl? Widerstand aus ästhetischer Opposition? Und was ist das überhaupt für ein Lied, das der Mann am Klavier da komponiert hat?

Mit „Going To A Town“ hat er zielsicher den größten Ohrwurm aus seinem fünften, am Freitag erscheinenden Album „Release The Stars“ ausgekoppelt, aber auch das musikalisch am wenigsten originelle Stück. Mit der tausendmal ähnlich gehörten Fallsequenz, mit der sich die Melodie zum Refrain hinunterwindet, und mit den metronomisch hingeklotzten Begleitakkorden, die wie aus einem Carly-Simon-Song der Siebziger klingen, ist er alles andere als der Retter des Pop aus dem Geist der musikalischen Substanz und der theatralischen Überhöhung, zu dem man ihn seit seinem letzten Album „Want Two“ berufen hatte.

Da ist das Eröffnungsstück „Do I Disappoint You“ schon von anderem Kaliber. Allein durch das große Orchester, das diese durch ihre Melismen fast orientalisch anmutende Liebesklage, mit Pauken und Trompeten und Chorexplosionen binnen kurzem zu einem Tutti-Gewitter anschwellen lässt, kommt es in die Nähe dessen, was seine besten, aufs Dreiminutenformat zusammengestauchten Opern ausmacht. Doch „Do I Disappoint You“ ist, je öfter man es hört, wie die meisten der zwölf Nummern dieses Albums vor allem dick aufgetragen: mit Streichertalmi zugekleistert, mit Harfengeglitzer eingestäubt und mit Blech vergoldet – nicht zuletzt weil Wainwright sich diesmal auf seine eigenen Arrangierkünste verlassen hat. Man ist dann schon froh, wenn durch den Bombast auch mal ein laues Blockflötenlüftchen weht.

Nicht, dass das Aufgetakelte, dem Produzent Neil Tennant von den Pet Shop Boys gegen Wainwrights Wunsch sogar hier und da Einhalt geboten haben soll, nicht auch das Wesen dieser Musik wäre. Doch es lebt von der vaudevillehaften Brechung des Bombasts, die große Gefühle erst wieder möglich macht. Rufus Wainwrights bisherige Alben waren Beispiele einer irisierenden camp-Haltung, wie sie Susan Sontag einmal als frivol Geschlechtergrenzen auflösende, alles ästhetisierende zur Schau getragenen Überempfindlichkeit zu definieren versucht hat. „Release The Stars“ dagegen gibt sich vor allem schwul.

Nur gut, dass wenigstens Wainwright selbst sich gerettet zu haben scheint und – jenseits von Amerika – in Berlin, wo der größte Teil seines Albums aufgenommen wurde, sein Eden und die Liebe gefunden hat. Im Tanzschritt erobert er mit seinem darling den „Tiergarten“, den er ausspricht wie einen tear garden, und unternimmt einen imaginären Abstecher nach „Sanssouci“, der ihn aber auch nicht aus der Einsamkeit seines Hotelzimmers herausführt. Daneben finden sich einige schöne Balladen mit den typisch weit geschwungenen Melodien wie „Off The Hook“ oder „Not Ready To Love“, doch nichts, was auch nur einen Schritt über sein bisheriges Werk hinausführt.

„Release The Stars“ klingt wie das Album eines jungen Mannes, der alles getan hat, um so zu klingen wie Rufus Wainwright klingen kann: mit Songs, deren dramatischste Wendung darin besteht, dass sie früher oder später zuverlässig von Dur nach Moll modulieren. Mit einem Gesangsstil, der immer schneller ins Tremolieren kommt. Und mit Rocknummern, die, von Drummer Matt Johnson durchgeklöppelt, wie eine Entschuldigung dafür klingen, dass ihm die bedächtigeren Lieder viel eher liegen.

Keine seiner bisherigen Platten war aus einem Guss, doch aus jeder ragten einige Stücke heraus: „Cigarettes and Chocolate Milk“ aus „Poses“ oder die Liebesarie „Vibrate“ aus „Want One“. Im Gegensatz zu seinem ebenso unfertigen wie unterschätzten Debüt „Rufus Wainwright“, auf dem – mit Arrangements von Van Dyke Parks – zu hören war, was aus ihm alles hätte werden können, zeigt „Release the Stars“ nun, wie er bei halbgaren, im Studio zu High-End-Produkten hochgetunten Stücken stehen geblieben ist. Und erst die Texte! Wainwright war nie ein großer Dichter. Aber was er hier an sentimentalischen „Reim dich oder ich fress dich“-Versen zusammenhäkelt, ist oft schwer erträglich und in seiner phallischen Symbolik geradezu lächerlich; „Do I disappoint you in just being human? / And not just one of the elements you can light your cigar on.“

Jetzt, wo man Rufus Wainwright zu den Größten der Branche zählt, wo er für die New Yorker Met eine Oper komponiert, Judy-Garland-Abende gibt und für die Yellow-Lounge-Reihe bei Universal Music eine Klassik-Compilation zusammengestellt hat, ist das alles gefährlicher als noch vor ein paar Jahren. Denn das Melodramatische ist, wie auch Wainwright weiß, das verkümmerte Tragische und seine letzte Zuflucht – solange es nicht in der Seifenoper aufgeht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben