Staatsoper : Es kann nur einen geben

Die Staatsoper-Ration ist gelungen: Intendant Peter Mussbach verlässt Berlin. Die Musiktheaterszene der Stadt hat durch das hässliche Machtgerangel Schaden genommen.

Frederik Hanssen
Barenboim
Barenboim im Apollosaal der Staatsoper. -Foto: dpa

Man könnte es den Figaro-Effekt nennen. „Strahlt auf mich der Blitz des Goldes, fühl ich mich wie umgestaltet“, singt Rossinis „Barbier von Sevilla“. Kaum hatte der Berliner Senat bekannt gegeben, dass der Etat der Staatsoper ab 2008 um jährlich zehn Millionen Euro angehoben wird, waren Chefdirigent Daniel Barenboim, Intendant Peter Mussbach und der Geschäftsführende Direktor Georg Vierthaler – berauscht vom Geldsegen – nicht wiederzuerkennen. Unter den Linden ging ein Hauen und Stechen los. Jeder entwickelte seine eigenen Vorstellungen davon, wie die sensationelle Summe zu verteilen sei. Es kam zum Streit, zwei sich widersprechende Wirtschaftspläne gingen beim Senat ein, Klaus Wowereit wütete, weigerte sich, Mussbachs und Vierthalers zum Sommer 2010 auslaufende Verträge zu verlängern, Barenboim schwieg vielsagend, der Intendant beharrte auf seiner Zukunftsvision, bis der Regierende Bürgermeister schließlich zum letzten Mittel griff, den gesamten Opernstiftungsrat – also auch die Konkurrenten von Deutscher und Komischer Oper – mit der Ausarbeitung des Staatsopern-Etats beauftragte. Das groß besetzte Gremium hätte Mussbach überstimmen können.

Unter diesem Druck ist der seit 2002 amtierende Intendant und Regisseur jetzt zusammengebrochen: „Der Stiftungsrat der ,Stiftung Oper in Berlin’ und der Intendant der Deutschen Staatsoper Unter den Linden, Prof. Dr. Peter Mussbach, haben heute übereinstimmend verabredet, Prof. Mussbach von sämtlichen Pflichten aus seinem Intendantenvertrag mit der Stiftung zu entbinden und ihn ab sofort unwiderruflich freizustellen. Beide Seiten sehen sich zu diesem Schritt veranlasst, da sie kein Einvernehmen über die zukünftige Ausrichtung des Gesamtbetriebes und der künstlerischen Programmatik erzielen konnten“, lautet der dürre Text der offiziellen Pressemitteilung aus der Kulturverwaltung. Fast zeitgleich traf die Einladung zur Spielplanpressekonferenz der Lindenoper ein: Am heutigen Freitag, zu ungewöhnlicher Zeit um 20 Uhr abends, wird Daniel Barenboim die Medienvetreter darüber informieren, was das Publikum in der kommenden Saison an seinem Haus zu sehen bekommt.

Es kann eben nur ein „Faktotum der schönen Welt“ geben. „Ich bin der Glücklichste durch mein Geschick“, schmettert der Rossini-Barbier in seiner Auftrittsarie, „und gratuliere – mir selbst zum Glück!“ In dem seit Monaten schwelenden Konflikt hat sich Barenboim jetzt auf ganzer Linie durchgesetzt. Er wird Alleinherrscher in seinem Musentempel, die hausinternen Gegner sind in die Wüste (Mussbach) respektive zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt (Vierthaler) geschickt, ihre beiden interimistisch nachrückenden Stellvertreter – Operndirektor Ronald Adler für die künstlerische Planung, Ronny Unganz für die Finanzen – werden kaum Widerworte wagen. Barenboims Staatskapelle darf mit einer saftigen Gehaltserhöhung rechnen, die das unbestritten formidable Orchester quasi auf eine Stufe mit den Berliner Philharmonikern hebt. Im Opernbereich wird wohl weiterhin gelten: Erst entscheidet der Chef, was er wann mit wem machen möchte, dann wird der Rest des Spielplans drumherum gestrickt. Solche Privilegien genießt kein anderer Maestro in der ganzen Opernwelt.

Doch auch wenn jetzt am Prachtboulevard in Mitte tatsächlich wieder jene Ruhe einkehren sollte, die nötig ist, um mit klarem Kopf die anstehenden Herausforderungen der Kernsanierung des historischen Gebäudes sowie den mindestens drei Spielzeiten extra muros in der wahrlich wenig attraktiven Ausweichspielstätte des Charlottenburger Schiller Theaters anzugehen – die hauptstädtische Musiktheaterszene hat durch das hässliche, peinliche Machtgerangel Unter den Linden Schaden genommen. National ist mal wieder der Eindruck entstanden, als könnten die Berliner den Hals nie voll genug bekommen. Ausgerechnet an einer Etataufstockung entflammte der Streit, die ganz offiziell eine Kompensation für die Zusage des Bundes ist, gegen alle Regeln des Föderalismus die dringend nötige Renovierung der Staatsoper mit 200 Millionen Euro zu unterstützen. Allen, die schon immer gegen Kultursubventionen gewettert haben, liefert der Konflikt frei Haus die Munition für ihren nächsten Feldzug gegen das einmalige deutsche System staatlicher Kulturförderung.

Innerhalb der Berliner Kulturszene wiederum hat sich die Staatsoper, die sowieso schon seit Jahren nur allzu deutlich bevorzugt wird, viele neue Feinde gemacht. Bei allen städtischen Institutionen nämlich, die weiterhin mit zusammengestrichenen Budgets leben müssen. Und für die kulturfernen Massen ist mal wieder bewiesen, wie pervers und irrational die Gattung Oper ist.

Barenboim hat jetzt ein echtes Problem. Entweder er zaubert ganz schnell einen Manager aus dem Hut, der bereit ist, unter seinen Bedingungen den Alltag an der Staatsoper zu organisieren, oder er reduziert drastisch die Zahl seiner eigenen Projekte. An diesem Wochenende dirigiert er die Wiener Philharmoniker, vom 25. Mai bis 2. Juni wird er mit der Staatskapelle auf Tournee in Südamerika sein, es folgen alle Klaviersonaten von Beethoven sowie sieben Aufführungen von Prokofjews „Spieler“ an der Mailänder Scala, bevor er vom 2. bis 6. Juli wieder mit der Staatskapelle in Spanien und Italien unterwegs ist. Da könnte es ihm bald gehen wie Rossinis Figaro: „Man ruft, man seufzt nach mir, will mich bald dort, bald hier! Zu viel, wahrhaftig! Alles auf einmal! Ich kann nicht mehr!“

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