T.I.T.O.-Festival : Wir Plattenspieler

Die Akademie der Künste lädt zum viertägigen Festival der Turntablisten. Besuch im Studio eines Vinyl-Musikers in Lichtenberg.

Maxi Sickert
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Gib Gummi. Ignaz Schick präpariert in seinem Studio Plattenteller und DJ-Nadeln für seine Klangkunst. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein blaues Luftballongummi ist über den Kopf des Plattenspielerarms gezogen. Daneben dreht sich der Plattenteller mit einer Auflage aus schwarzem Gummi, auf der ein Gong aus goldglänzendem Metall rotiert. Ein Turntablist bei der Arbeit.

Der 1972 geborene, in Berlin lebende Musiker und Klangimprovisator Ignaz Schick arbeitet seit Jahren mit Vinyl und Vinylobjekten , seit 2004 erforscht er die Möglichkeiten des Plattenspielers als Instrument. Nun hat er ein viertägiges Festival für Plattenspielkünstler mitorganisiert, das am Donnerstagabend in der Akademie der Künste am Hanseatenweg mit einem Konzert eröffnet wurde.

Ein Turntablist ist ein Musiker, genau wie ein DJ. Aber er arbeitet weniger mit der auf Vinyl bereits konservierten Musik als mit dem Material selbst, dem Plattenteller zum Beispiel. Wie klingen Materialoberflächen? Wie lässt sich Klang erweitern? Wann werden Störgeräusche zu Musik? Solche Fragen stellte schon die Fluxusbewegung in den 60er Jahren. Am 6. Oktober 1960 führte John Cage in Köln sein Konzert „Cartridge Music“ auf, bei dem er in den Tonarm eines Grammophons anstelle der Nadel kleine Gegenstände einsetzte, Pfeifenreiniger oder Federn. Dazu wurden Gegenstände elektronisch verstärkt „gespielt“. Zu den Teilnehmern gehörte auch der Fluxus- und Videokünstler Nam June Paik.

Die Neudefinition von Musik als Klangwerdung von Alltagsgegenständen wird seitdem von Musikern erforscht, die sich vor allem auf den Plattenspieler als Instrument konzentrieren. Dazu gehören der kanadische Turntablist Martin Tetréault, Claus van Bebber aus Kalkar oder Christian Marclay aus New York, der sich mit der Dekonstruktion von Vinyl beschäftigt. Sie alle gastieren nun in Berlin.

Ignaz Schick sitzt in seinem Studio in Lichtenberg und beschreibt seine Musik als Versuch, eine Sprache zu finden, bei der die Struktur im Vordergrund steht. Dabei sei die Frage zentral, was überhaupt Komposition ist. Er selbst hat seine Musiksprache über das Material gefunden, über die Verräumlichung des Klangs, mit harschen Geräuschflächen und Elektronika. Dabei verwendet er den MK2 von Technics, wegen des starken Motors, der dem Druck der aufgelegten Materialien standhalten muss. Außerdem präpariert er gern DJ-Nadeln, wie etwa die mit dem Luftballon-Gummiüberzug. Auf diese Weise entsteht Oberflächenreibung, die durch einen darüber gestrichenen Bogen noch erweitert wird.

In letzter Zeit hat Schick mit immer neuen Materialien wie Schiefer, Glocken oder Gongs gearbeitet, hat Klangverschiebungen und -schichtungen ausgelotet. Jetzt hat er sich erst mal einen „Objektstopp“ verordnet, um auszudifferenzieren, „was da ist“. 2010 möchte er ein Stipendium dafür nutzen, um sich an Reliefstrukturen von Oberflächen zu versuchen. Bei seinen Bandprojekten, die sich zwischen extremem Noise, experimenteller Improvisation und der meditativen Verlangsamung reduzierter Klänge bewegen, kommt vieles zum Einsatz. Wie sein „Free Jazz Teller“, ein dünner weißer Plastikteller, mit dem sich Töne erzeugen lassen, die der Überblastechnik eines Sopransaxofons entstammen könnten.

Schon lange hatte Schick sich gewünscht, Turntablisten aus der ganzen Welt für ein Festival zusammenzubringen, um die Entwicklung wie das musikalische Spektrum dieser Kunst präsentieren zu können. Es reicht von den elektroakustischen Kompositionen eines John Cage oder George Lewis über prominente Spieler wie Tetéault und Marclay bis zur jüngsten Generation der Plattenteller-Artisten mit Maria Chavez aus Brooklyn oder Wolfgang Fuchs aus Wien. Für die Berliner Zusammenkunft von 14 prominenten Plattenspielern war es mit Hilfe des Hauptstadtkulturfonds und der Akademie der Künste sogar möglich, alle angereisten Künstler in einem Großorchester zu vereinen. „The International Turntable Orchestra“, kurz T.I.T.O, hat dem Festival seinen Namen gegeben .

Für das Orchester, das bis Sonntag jeweils mit einer öffentlichen Probe und einem Konzert zu hören ist, hat Schick eine grafische Komposition verfasst, „Archival Drift“. Die Musiker bringen ihr eigenes Archivmaterial mit ein, in jedem der 12 Sätze ist eine andere Materialeinschränkung vorgegeben. So soll etwa im zehnten Satz nur Free Jazz Vinyl verwendet werden. Dazu gibt es Handzeichen für Wiederholungen einzelner Motive und offene Phasen, in der die Künstler ihre individuellen Arbeiten und Qualitäten vorstellen können. Vor allem die Improvisation soll im Vordergrund stehen.

Als temporäre Installation wie als Klanglabor fungieren außerdem die Vinylschneidemaschinen von Flo Kaufmann und Jan Zimmermann im Foyer der Akademie. Kaufmann und Zimmermann werden die Festivalkonzerte auf Platten aus Vinyl-Rohlingen und anderen Materialien mitschneiden. Auch das Publikum kann mitmachen. Es ist eingeladen, eigenes Material mitzubringen und selbst Klangkunstwerke zu collagieren.

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