Tanzmusik : Gluthochzeit

Von Disco zu Disco: Nach 20 Jahren gelingt Donna Summer ein furioses Comeback. Sie kann es eben immer noch.

Christian Schröder
WIRECENTER
Beats müssen bollern. Donna Summer. -Foto: BMG Sony

Das Diktat des Dancefloor ist unerbittlich. Geh in die Knie, beweg deine Hüften. So lautet das Gesetz, nur darum geht es. Musik, die aus den Lautsprechern der Großraumdiskotheken dröhnt, muss gut laut sein. Und vor allem tanzbar. So wie das hier. Die Beats bollern, die Synthies sind mächtig mit Hall aufgemotzt, dann folgt die Hookline, die ein Knaller ist: „Just like the sun/ I am a fire/ Can you feel the heat/ You are, you are, you are/The thing that makes me hotter.“

Donna Summer ist zurück. Und sie kann es immer noch. „I’m a Fire“ heißt der Hit, mit dem sie im April den ersten Platz der Billboard Dance Club Charts erreicht hat. Mit „Crayons“ (Sony BMG), das an diesem Wochenende gleichzeitig in Europa und den USA erscheint, folgt nun das dazugehörige Album, ihr erstes seit 17 Jahren. Sieben Minuten und zehn Sekunden ist „I’m a Fire“ in der Albumversion lang, das ist ziemlich genau die Länge einer Maxisingle aus den späten siebziger oder frühen achtziger Jahren, Summers großer Zeit.

Maxisingles gibt es schon lange nicht mehr, aber „I’m a Fire“ hält sich trotzdem noch an ihre Dramaturgie. Der Beat wird lange durchgehalten, bevor der Song in der Coda allmählich in jazzaffine Piano-Synkopen ausfranst und Summer nur noch „Come on now“, „Uuh Baby“ und „Yeah“ haucht. So wie die Summer hier Hitzewallungen aller Art beschwört, ihre Stimme kraftvoll spreizend, das Vibrato am Ende zerglucksend, klingt das genauso selbstironisch wie gebieterisch. „Stamp Your Feet“ lautet der Befehl, mit dem die Platte beginnt, für die Schwerhörigen wiederholt die Sängerin ihn noch mal in Großbuchstaben: „S-T-A-M-P“, und während die Beats dann tatsächlich zu stampfen und schieben beginnen, fasst sie ihre Biografie in handlichen Strophen zusammen: „I’ve been round so many times before/ Been knocked out, get up every single time.“ Es ist die Fabel vom Comeback-Kid, eine sehr amerikanische Heilsgeschichte.
„Crayons“, das ist das Überraschende, wirkt überhaupt nicht nostalgisch. Andere Sängerinnen in ihrem Alter – Donna Summer wird am 31. Dezember 60 Jahre alt – hätten nach einer Karrierepause von zwei Jahrzehnten vielleicht begonnen, Brecht/Weill zu singen oder eine Platte mit Standards aus dem Great American Songbook aufgenommen. Summer hat sich stattdessen für die Tagesaktualität entschieden. Die Songwriter und Produzenten Greg Kurstin (der für Lilly Allen gearbeitet hat), Lester Mendez (Shakira) und Evan Bogart (Co-Writer des Rihanna-Hits „SOS“) haben ihr geholfen, an die aktuellen Spielarten von House, R’n’B und Dance anzudocken.

Donna Summer hat das Genre Disco miterfunden, mit 120 Millionen verkauften Platten stieg sie in den siebziger Jahren zum Superstar auf. Sie war als Sängerin des Musicals „Hair“ von New York nach München gekommen und dort von den Produzenten Giorgio Moroder und Pete Bellotte entdeckt worden. 1975 nahm sie im legendären „Musicland“-Studio den Song „Love to love you, Baby“ auf, eine 17-minütige, avantgardistisch pluckernde Moog-Synthesizer-Orgie.

Der Text bestand nur aus der Titelzeile, den Rest füllte Summer mit Stöhnen. Das Stück machte Skandal und wurde zum Durchbruch. 22 Orgasmen habe die Sängerin imitiert, errechnete ein Kritiker des Magazins „Time“. Danach war sie auf das Image der „Queen of Love“ festgelegt. Auf Triumphe folgten Nervenzusammenbrüche, Selbstmordversuche, der Rückzug auf eine Farm bei Nashville. Zu viel Geld, das weiß sie nun, ist schlecht fürs Karma. „Ich war ein Dollarzeichen“, hat sie in einem Interview geklagt. „Crayons“ sind Wachsmalstifte. Ein Leben, so muss man den Titel wohl deuten, besteht aus vielen Entwürfen. Man kann immer wieder alles übermalen und von vorn anfangen.

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