The Police : Traumprotokoll für ein Trio

"The Police" haben sich wiedervereint und zeigen es allen: Sting, Andy Summers und Stewart Copeland starten in Stockholm ihre Europa-Tournee. Schon die ersten Töne - im Eishockey-Stadion der schwedischen Hauptstadt - sind furios.

Kai Müller
Sting The Police
Da hat einer Spaß: Sting auf der Bühne in Stockholm. -Foto: dpa

„Ich glaube, wenn wir zurückkämen, dann könnten wir jede beschissene kleine Band auf dem ganzen Planeten wegfegen“, prognostizierte Gitarrist Andy Summers im Jahr 2000. Das „Rolling Stone“-Magazin hatte die Mitglieder von The Police zum ersten Interview seit der Auflösung zusammengebracht. Sänger und Bassist Sting war skeptisch: „Aber was ist“, fragte er, „mit all den großen Bands?“ Er dachte an Gruppen, die es noch nicht gab, als The Police 1983, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, auseinandergingen. Schon damals hätten sie zum Maßstab aller Dinge werden können. Aber die Spannungen innerhalb der Band, von denen die Musiker lange zehrten, zerrüttete sie schließlich.

Stockholm, im August 2007: Andy Summers hat recht behalten. The Police haben sich wieder vereinigt und zeigen es allen. The Who, Genesis, Smashing Pumpkins, Take That: All diese Legenden sind wieder an der Oberfläche aufgetaucht, doch keine Fontäne schießt höher als die von Police. Schon die ersten Töne, die perlende Akkordzerlegung von Summers E-Gitarre, der pumpende Bass, das gegen die Gravitation des Takts pochende Schlagzeug, die das enigmatische „Message In A Bottle“ eröffnen, sind furios. Die Band ist da – nicht nur am Mittwoch im vollbesetzten Eishockey-Stadion der schwedischen Hauptstadt, in der die Band ihre Europatournee beginnt. Sting, Summers und Copeland schwingen sich scheinbar mühelos zu jener Furcht einflößenden, virilen Präsenz auf, die einmal ihr Markenzeichen war.

Als The Police 1979 mit „Message In A Bottle“ einen Nummer-1-Hit landeten, hatte erstmals eine „alternative“ Band den Mainstream erobert. Der kühle Minimalismus ihrer Harmonien, die karibische Leichtigkeit des Beats sowie eingängige Songs begründeten einen stilistischen Sonderweg, der bis heute kaum Nachahmer gefunden hat. So können nur Sting & Co an sich selber anknüpfen. Und sie tun es ausgerechnet mit dem Rührstück von der Flaschenpost, das von nichts anderem erzählt als vom Warten, bis man die Hoffnung aufgibt – aber dann wird doch alles gut.

Wieder einmal hat Sting, der blonde durchtrainierte Yoga-Boy, dessen Schläfen höher und Gesichtszüge gnädiger geworden sind, eine Flasche ins Meer geworfen. Er habe nach etwas gesucht, das ihn selbst „überraschen“ würde, bekennt der 55-Jährige. Sehen wir es so: Keine andere Konstellation hat die zahlreichen Talente dieses Pop-Edelmanns so sehr gefordert wie das 1977 gegründete Trio. Schon der Umstand, dass es ein Trio ist, verlangt den Musikern Enormes ab. Bis auf ein paar Verstärker und das Schlagzeug ist die Bühne leer. Kein Kunstnebel, keine elektronischen Zusatzgeräte oder Begleitmusiker. Lediglich drei Videobildschirme und eine Batterie von Scheinwerfern. Auf einem rot, gelb, weiß ausgeleuchteten Bühnenoval sind drei Virtuosen mit sich selbst beschäftigt. Und weit davon entfernt, sich in nostalgischen Reminiszenzen zu erschöpfen.

Was Sting animiert haben mag, demonstriert er mit „Walking On The Moon“. Seiner Stimme fehlt die schrille, gellende Hysterie früherer Tage, sie ist runder geworden. Lässig wippt sein Körper in hautengen Röhrenjeans, während Andy Summers seine Riffs schlägt, als würde er Glasscherben zermahlen. Ihm sind seine 62 Jahre anzusehen. Aber die keifenden Töne, mit denen er den Song aus seinem Reggae-Gerüst hebt, kennen kein Alter. In diesem Moment lösen sich die drei von dem, was sie einst mit New Wave verband. Alles Kühle, Blasierte fällt von ihnen ab. Sie werden zu Impressionisten eines Sounds, die sich – so möchte man Copelands stieren Blick deuten – auf nichts mehr verlassen können. Wie ein Jazzsänger phrasiert Sting die Zeile „We can walk together, togeeeether“.

Einer der Gründe, warum The Police zerbrachen, war der, dass Andy Summers und Stewart Copeland zwar die Songs von Sting mochten, aber seine Arrangements hassten. Ständig gängelten sie den Songwriter, um an seine Texte und Melodien heranzukommen. Aus diesem destruktiven Prinzip macht das Stockholmer Konzert eine Tugend. Trotz zahlreicher Hits und Déjà-vu-Erlebnisse ist es als Spurensuche angelegt. Summers kommentiert die „Egokratie“ seines Sängers mit giftigen Gitarrensoli. Und Copeland, der mit Sportlertrikot, feinrandiger Brille und schlohweißem Schopf verbissen sein Arsenal an Schlagwerken beackert, unterläuft mit bellenden, schnatternden, quasselnden Einwürfen ohnehin alles, was nach Gewissheit aussieht. Seine Hi-Hat, eine zischelnde Natter.

So versöhnen sich Stings Jazz-Ambitionen und die Unbändigkeit seiner Kollegen. Die zärtlichen Liebeslieder und seelenkundigen Psychogramme protzen nicht mehr mit der schneidenden Brutalität der Band. Aus Stings Klage, ihm nicht zu nahe zu kommen („Dont Stand So Close To Me“) hört man vielmehr die leise Tücke eines Mackie Messer heraus. „Driven To Tears“ verliert sich in einem irisierenden Sprechgesang. In das grimmige „Hole In My Life“ streut der Sänger Zeilen aus Ray Charles’ „Hit The Road Jack“ ein – und betont so, was er bereits seiner Autobiografie anvertraute: „I have to pack my things and go“, das Muster eines Lebens voller Fluchtreflexe.

Die alten Police-Songs geben Sting die Gelegenheit, sich noch einmal an die Urtexte zu wagen, die wie Traumprotokolle all das zum Ausdruck bringen, was ihm erst später schmerzlich bewusst wurde. „Truth Hits Everybody“, „Wrapped Around Your Finger“ und „Can’t Stand Losing You“ sind Zeugnisse seiner Zerrissenheit. Die wird nun erstmals auch musikalisch spürbar und bezwingt Stings Pop-Instinkt, der immer nur Versöhnung wollte. Nun stellt er sich dem Unversöhnten.

The Police spielen am 11. 9. in Hamburg, am 22.9. in München, am 10. 10. in Mannheim und am 13.10. in Düsseldorf.

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