The Verve : Der Morgen nach dem Rausch

After-Hour des Brit-Pop: Mit dem Album "Forth“ meldet sich die legendäre Band The Verve zurück.

Jörg W,er
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Neuer Versuch. The Verve hatten sich schon mehrfach "endgültig" getrennt. -Foto: Promo

Erfolgreiche Rockbands sind fragile Gebilde. Bei den vielfältigen Zerfallsprozessen spielt Drogenmissbrauch eine herausragende Rolle, bandinterne Neid- oder Eifersuchtskonstellationen sind allerdings kaum weniger wichtige Faktoren. Britische Gruppen scheinen besonders anfällig für die Zerstörungskraft zwischenmenschlicher Differenzen zu sein. Die Liste tränenreicher Trennungen aufgrund heilloser persönlicher Zerwürfnisse reicht von den Beatles und Cream über Sex Pistols und Smiths bis zu den notorischen Libertines. Einen Ehrenplatz in dieser Ahnengalerie nehmen The Verve ein, die sich 1999 im zehnten Jahr ihrer Existenz bereits zum zweiten Mal „endgültig“ auflösten. Damals musste Gitarrist Nick McCabe nach finalem Backstage-Streit mit gebrochener Hand verarztet werden. Die Gräben schienen so tief, die psychischen Wunden so schlecht verheilt, dass Sänger Richard Ashcroft noch vor anderthalb Jahren zu Protokoll gab, eher würden die vier Beatles wieder auf einer Bühne stehen als seine alte Band.

Völlig überraschend traf die Fan-Diaspora daher im vorigen Sommer die Ankündigung, das Quartett aus dem nordenglischen Wigan würde in Originalbesetzung wieder auftreten. Sämtliche Termine einer Club-Tournee waren in 20 Minuten ausverkauft, und auch die größeren Hallen der nächsten Konzertrundreise wurden problemlos gefüllt. Doch Ashcroft, McCabe, Bassist Simon Jones und Drummer Pete Salisbury wollten mehr als die kassenfüllende Wiederaufführung der alten Klassiker. Um das künstlerische Ego zu befriedigen, wagte man sich an Aufnahmen für ein neues Album.

Das Ergebnis trägt den schlichten Titel „Forth“ (Parlophone/EMI), der befürchten lässt, dass The Verve, die zu den begnadetsten Britpop-Großmäulern und zuverlässigsten Hymnenlieferanten der Neunziger zählten, ihre Ambitionen zurückgeschraubt haben. Tatsächlich erschwert die Abwesenheit von Weltschmerz-Balladen wie „Bitter Sweet Symphony“, „History“ oder „The Drugs Don't Work“ den Einstieg in das Werk. Keins der zehn im Schnitt über sechs Minuten langen Lieder setzt sich spontan im Gehörgang fest, vielleicht abgesehen von der Single „Love Is Noise“, die mit einem schrillen, gospeligen Gesangs-Loop, bohrenden Gitarrenschraffuren und dem einprägsamen Refrain noch am ehesten die Anforderungen an einen Radiohit erfüllt.

Dafür entfaltet „Forth“ stärker als seine Vorgänger als homogenes Ganzes seine Wirkung. Eine elegische Grundstimmung zieht sich mit schwerblütigen Harmonien und moderaten Tempi durch das Album, aus der nur der metallische Gitarrenmalstrom beim Finale von „Noise Epic“ ausbricht. Richard Ashcrofts Gesang steht weniger im Mittelpunkt als früher: Unverkennbar in seiner müden Phrasierung, oftmals in tranceartiges Flüstern verfallend, lässt Ashcroft, dem als einzigem Verve-Mitglied eine beachtliche Solokarriere gelang, seinen Mitspielern viel Raum zur Entfaltung. Und die wissen ihn zu nutzen. In reizvollem Kontrast zu den zurückhaltenden Streicherarrangements prägt Nick McCabes eigenwilliges Gitarrenspiel die Platte in weiten Teilen: mal schabt er mit viel Hall schroffe Akkorde („Numbness“), dann tupft er impressionistische Riff-Schraffuren („Columbo“), verflicht diverse Spuren zu zopfigen Notengirlanden („Sit And Wonder“) oder versinkt in unergründlichen Klangozeanen („Appalachian Springs“). Simon Jones spielt dazu elastische Läufe, die mitunter an den Who-Bassisten John Entwistle denken lassen, während Salisbury mit großem Understatement komplexe, mäandernde Rhythmusfiguren trommelt.

Man mag monieren, dass „Forth“ die großen Fußstapfen seines Vorgängers nicht ganz ausfüllt: „Urban Hymns“ markierte 1998 den weltweiten Durchbruch für The Verve, die sich plötzlich in einer Liga mit Oasis und Radiohead wiederfanden. Und war zugleich ein Desaster, denn Ashcroft und Co. hatten für ihren Mega-Hit „Bitter Sweet Symphony“ das nicht authorisierte Sample einer Easy-Listening-Version des Rolling-Stones-Songs „The Last Time“ verwendet, woraufhin der New Yorker Anwalt Allen Klein als Inhaber der Songrechte sämtliche Einnahmen an der Single einforderte – und bekam. Natürlich trug das trotzige Scheitern auf dem Höhepunkt der Karriere ebenso zur Legendenbildung bei wie das großartige Video, in dem Richard Ashcroft als hohlwangige Ikone der Coolness durch Londoner Straßen stapft. Die Strahlkraft der beiden alles überragenden Singles, neben „Bitter Sweet Symphony“ das grandiose „The Drugs Don't Work“, täuschte allerdings darüber hinweg, dass „Urban Hymns“ als Album keineswegs makellos war, sondern auch uninspirierte Rocknummern mitschleppte.

The Verve waren nie für den Sound zum Exzess zuständig. Das konnten Ecstasy-Raver wie die Happy Mondays oder Biertrinker-Lads wie Oasis besser. Ihre waidwunden Balladen, aber auch die mürrischen Gitarrenrock-Brocken orchestrierten schon vor zehn Jahren eher die sensible Phase nach dem Rausch, wenn die Kreaturen der Nacht ins fahle Licht der Morgendämmerung taumeln. „Forth“ verdichtet diese Kernkompetenz kongenial zur suggestiven After Hour des Britpop. Ziemlich viel für ein Comeback, mit dem nicht mehr zu rechnen war.

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