Tinariwen im Kesselhaus : Wüsten-Krieger mit Gitarren

Tinariwen aus Mali kombinieren Tuareg-Melodik mit us-amerikanischem Rock und Exotik mit Elektrik.

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Die Wüsten-Rock-Band Tinariwen
Die Wüsten-Rock-Band TinariwenFoto: promo

Da plirrt eine akustische Gitarre, über die sich Gesangskaskaden ergießen mit orientalischer Melodik, eine exotische elektrische Gitarre klirrt im Hintergrund, ein Rechtshänderbass auf links gedreht grummelt im tiefen Grund und trifft sich dort mit dem dunklen Bumms einer rhythmischen Faust auf einem riesigen Kürbis.

Mit schwerem schleppendem Sound über repetitiven Riffs auf einem einzigen Akkord und tief schlingerndem Bordun, spielen Tinariwen aus Mali das Publikum im Kesselhaus in Ekstase. Bis alles flirrt in den Ohren und vor den Augen, wie eine akustische Luftspiegelung.

Gestalten in wehenden Wüstengewändern, die Gesichter verdeckt bis auf die Augen unter dichten Berber-Turbanen, singen melancholisch hypnotisch über das Leben in der Sahara, die Härten und die Schönheiten, in einer wohlklingenden Sprache, die wir leider nicht verstehen. Tamaschek ist die Sprache der Tuareg, des nomadischen Wüstenvolks aus der Sahara, dem das Musikerkollektiv Tinariwen angehört, die erste afrikanische Wüsten-Rock-Band mit elektrischen Gitarren. Traditionelle Tuareg-Melodik, arabische Tonfolgen und afrikanische Rhythmen mischen sich mit elektrisch verstärkten Blues- und Rockklängen aus Europa und Amerika zu einer wahrhaft berauschenden Musik.

Vielleicht würde Keith Richards so eine Musik machen, wäre er in der Wüste geboren. Wie einst die Rolling Stones aus dem amerikanischen Blues von Muddy Waters, Howlin' Wolf und Jimmy Reed sowie dem Rock 'n' Roll von Chuck Berry ihre individuelle Spielart des britischen Rhythm 'n' Blues entwickelt haben, haben Tinariwen aus den Einflüssen der Stones, Bob Marley, Santana, Led Zeppelin und unzähligen anderen in Verbindung mit ihren traditionellen Tuareg-Wurzeln wiederum ihren eigenen Stil geschaffen. Wo sich dann auch mal Reggae, Drei- und Viervierteltakt ineinander schlingen.

Ibrahim Ag Alhabib kommt auf die Bühne als einziger unverschleierter Musiker, mit wilden Jimi-Hendrix-Haaren und einer weiteren Gitarre. Fliegende Wechsel zu fliegenden Gewändern. Der Hauptsongschreiber von Tinariwen tauscht den Lead-Gesang mit Abdallah Alhousseyni.

Gemeinsam mit dem anmutigen Tänzer und Backgroundsänger Alhassane Ag Touhami waren die beiden einst Gründungsmitglieder von Tinariwen. Begegnet sind sie sich vor etwa dreißig Jahren in einem militärischen Ausbildungscamp in Libyen, wohin sie der Propaganda Gaddafis gefolgt waren. Glücklicherweise hat sie die Musik irgendwann mehr interessiert als der bewaffnete Kampf, und sie haben den Gitarren den Vorzug gegeben vor den Knarren.

Im Konzert reden sie nicht darüber, nicht über damals, nicht über die heutige Situation in Libyen nach Gaddafi. Oder in Mali. Heute geht es nur um die Musik und die rauschhafte Ekstase, in die sie Spieler und Zuhörer versetzt.

Die jüngeren Bandmitglieder hatten mit der Sache von damals ohnehin nichts zu tun. Elaga Ag Hamid an der schwirrenden Strom-Gitarre, Eyadou Ag Leche, der versiert und gefühlvoll mit links einen trockenen rhythmisch melodischen Bass spielt und Said Ag Ayad, der mit Djembé und Klopfkürbis mühelos einen klassischen Rockdrummer ersetzen kann.

"Tassili", das exquisite fünfte Album von Tinariwen ist gerade erschienen. Aufgenommen in einer Wüstenoase unter freiem Himmel werden überwiegend akustische Gitarren gespielt. Die klingen dann auch im Konzert gelegentlich wie afrikanisierter amerikanischer Country-Blues. Oder auch mal nach spanischem Flamenco. Was nicht so verwunderlich ist, bezog doch der Flamenco durch die nordafrikanischen Mauren ursprünglich einen starken arabisch-afrikanischen Einfluss.

So fliegen die Inspirationen hin und her, vor und zurück, fast zwei Stunden lang. Und man fühlt sich wie auf einer Droge ohne schädliche Nebenwirkungen. Man sollte allen Kriegern Gitarren geben.

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