Tipps mit Hörprobe : Auf dem Weg in die Charts

Wer wird der nächste Peter Fox? Wir haben acht Berliner Labelchefs gefragt.

Sebastian Leber
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Super700 waren in L.A.Foto: Label

Welche Solokünstler und Bands kommen diesen Sommer groß raus?  Wir haben acht Berliner Labelchefs um einen Tipp gebeten, wer aus ihrem Hause das Zeug dazu hat. Damit sich jeder selbst ein Urteil bilden kann, gibt es am Ende jedes Textes Links zu kostenlosen Hörproben.

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Kissogram haben schon mit Franz Ferdinand gespielt.Foto: promo

Kissogram (Louisville Records)

 
Seit einem Monat ist „Rubber & Meat“, das neue Album der Band, jetzt draußen. Es ist ein wirklicher Kracher. Ich arbeite mit dieser Band schon seit vier Jahren zusammen und kann sagen, dass sie nun ihren ureigensten Kern gefunden hat – ihren musikalischen G-Punkt. Kissogram sind die Berliner Jonas Poppe und Sebastian Dassé. Durch die Arbeit mit dem Hives-Produzenten Pelle Gunnerfeldt haben sie sich klanglich vom Elektro verabschiedet und fühlen sich endgültig wie eine Rock’n’Roll Band an. In der „Musikerklause“ in der Torstraße haben sie Franz Ferdinand kennengelernt, nach einem gemeinsamen Konzert waren die Schotten so begeistert, dass sie Kissogram gleich auf ihre komplette Europatour mitnehmen wollten. Ich bin mir sehr sicher, dass jetzt der Grundstein gelegt ist, damit Kissogram von Barcelona bis London Aufsehen erregen werden. Das Lied „The Deserter“ hat alleine wegen des gesungenen „Ratatatata“ das Potenzial zum weltweiten Gassenhauer. Es ist ein Glücklichmacher. Ratatatata. Patrick Wagner, Chef des Labels Louisville Records 

Die Band tritt am 19. Mai im Lido in Kreuzberg auf. Das Lied „Rubber & Meat“ gibt es hier kostenlos als MP3 zum Runterladen.  Mehr Songs zum Probehören findet man hier.

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Mariha.Foto: promo

Mariha (Columbia Berlin)


Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal diese zerbrechliche, schöne, zarte und warme Stimme gehört. Sie hat mich sofort gefesselt – und bis heute nicht mehr losgelassen. Ich glaube: Marihas Musik wird der Soundtrack für den Sommer 2009. Mit ihrem Talent, dem Charme, der Natürlichkeit und ihrem Aussehen hat sie zumindest sehr gute Chancen, den ganz großen Durchbruch zu schaffen. „Another Lover“ wird das neue Album der Singer-Songwriterin heißen, am 5. Mai ist sie das nächste Mal live in Berlin zu sehen – im „Privatclub“ in der Pücklerstraße. Wie kann man Marihas Musik beschreiben? Sie zeichnet sich auf jeden Fall durch die ziemlich einzigartige Gänsehaut-Stimme und durch die sehr persönlichen Texte aus. Ihre Songs schreibt die 27-Jährige übrigens alle selbst. Das neue Album hat sie mit ihrer Band und ihrem neuen Produzenten Ralf Christian Mayer eingespielt, der hat in der Vergangenheit schon so große Namen wie Die Fantastischen Vier, Clueso und Xavier Naidoo produziert. Im Herbst vorigen Jahres war Mariha auch bei einigen Clueso-Shows im Vorprogramm zu sehen.  Aber vermutlich kennen die meisten Eva Maria Meyer, so heißt die Sängerin mit bürgerlichem Namen, wegen ihres Songs „It hurts“ – der lief oft im Radio. Oder auch wegen „Absolutely entertaining“, des Titelsongs aus dem Til-Schweiger-Film „Barfuss“ von 2005, den hat Mariha ebenfalls gesungen. Es ist doch so: Singer-Songwriter-Musik ist die Musik der vergangenen drei Jahre, und auch dieses Jahr wird aus diesem Genre wieder ein Stern aufgehen. Mark Löscher, Chef von Columbia Berlin

Den Song "Absolutely entertaining" kann man hier probehören.



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Dear Reader spielen "Melodien wie ein Bad im Honig".Foto: Label

Dear Reader (City Slang)

Morgen Abend spielen sie im Lido in Kreuzberg, und ich würde dringend raten, sich das anzuhören. Dear Reader sind ein tolles Beispiel für Globalisierung von Popmusik im positivsten Sinne: Sie stammen aus Johannesburg, doch ihre Lieder klingen so gar nicht nach Afrika. Nahe gelegt wurde mir die Band von einem Musiker aus Portland, Oregon. Und so ist nun auf einem Berliner Label das Album einer Band aus Südafrika erschienen, das ein Amerikaner produziert hat. Sängerin Cherilyn MacNeil hat eine anbetungswürdige Stimme, ihr Mitstreiter Darryl Torr hat für seine Produktionen mit dem Soweto Gospel Choir bereits einen Grammy bekommen. Direkt ins Herz fährt die enorm kunstfertige Musik von Dear Reader, die nur beim ersten oberflächlichen Hören als „zu brav“ kritisiert werden könnte. Die Lieder sind von unglaublicher Schönheit und entwickeln mit der Zeit eine emotionale Tiefe und Wirkung, wie ich sie selten erlebt habe. Songs wie Skulpturen und Melodien wie ein Bad im Honig. Aus einer der grimmigsten Städte dieser Welt. Es ist einfach nur erstaunlich. Christof Ellinghaus, Chef von City Slang

Die Band spielt am Mittwoch, den 15. April, im Lido in Kreuzberg. Das komplette Album der Band gibt es hier zum Probehören.


GASLIGHT ANTHEM
The Gaslight Anthem regen zum Mitsingen an.Foto: Label

The Gaslight Anthem (SideOneDummy-Records)


Nach wie vor gilt: Erfolg ist nicht planbar! Was sollte ich denn sagen über die Bands meines eigenen Labels? Propaghandi? Polit-Punks aus Kanada jenseits der 35, deren Musik man als Mischung aus NoFx, Iron Maiden, Slayer und Faith No More beschreiben könnte. Interessiert doch keinen. Im Herbst kommt eine neue Platte von Escapado. Einer Band, bei der der Sänger so schreit, dass sein Kehlkopf aussieht wie der Panzer eines Urzeit-Octopusses, zu einer Musik, die eine Mischung aus U2, Fleet Foxes und Neurosis ist. Ob die durchbrechen? Höchstens ihre Arme auf der Bühne!
Bei The Gaslight Anthems (bei SideOneDummy-Records) weiß ich sicher, dass sie durchbrechen. Weil sie in wunderbarer Art Musik machen, die das befriedigt, was 90 Prozent der Männer der westlichen Hemisphäre gerne hören. Musik, bei der man auf einem Konzert mit einem Bier in der Hand steht, mit dem Kopf wippt und alle dreieinhalb Minuten den Arm reckt, um etwas laut mitzusingen. Machen sie das erstmal nach! Thees Uhlmann, Chef des Labels Grand Hotel van Cleef

Die Band spielt am 21. Juni beim Hurricane-Festival in Scheßel. Die Songs "Old White Lincoln" und "The '59 Sound" gibt es hier und hier auf Video.

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Phoenix helfen bei Liebeskummer.Foto: Label

Super700 (Motor)


Das nächste große Ding erkennt man daran, dass es nicht über Nacht kommt. Die Zeiten von Popstars aus der Retorte und Blitzmillionären vom Börsenparkett sind vorbei, und niemand ist darüber weniger traurig als wir bei Motor. Uns macht es Spaß, lange und sorgfältig zu arbeiten, bevor wir Gas geben. Super 700 haben vor kurzem ihr zweites Album veröffentlicht. Als der Tagesspiegel uns vor drei Jahren schon einmal nach unserem nächsten großen Ding fragte, haben wir Super 700 genannt. Diesmal tun wir es wieder. Zwischenzeitlich waren die drei aus einer albanischen Familie stammenden Schwestern und ihre Musiker in Amerika, haben im berühmten Club „Viper Room“ die Branchenelite staunen lassen, sich bei einflussreichen Radiosendern auf die Playlist gespielt. All das ist Teil ihrer Entwicklung als Band. Super 700 haben einen eigenen Stil, der im Balkan wurzelt, aber auch Jazz und Brit-Pop mit einschließt. Live lassen sie einen keine Sekunde Luft holen. Diese Band wächst mit jedem Jahr. Solange, bis sie ganz natürlich überlebensgroß wird. Tim Renner, Chef des Labels Motor

Am 25. April tritt die Band im Waschhaus in Potsdam auf, Sechs Songs kann man hier probehören.

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Betty Blitzkrieg (Mitte) will rocken.Fotos: promo

Phoenix (Cooperative Music)


Egal, ob Rave-DJ, Mitte-Hipster oder Oberstudienrat – jeder mag Phoenix. Ende Mai bringen wir das neue Album der Franzosen heraus, es heißt „Wolfgang Amadeus Phoenix“ und reiht neun wunderbar komponierte Popsongs aneinander. Kurz vorher, am 20. Mai, spielt die Band beim Spex-Festival im Berghain. Bevor ich mich jetzt an den vielen tollen Details der neuen Platte aufhänge und in Kleinigkeiten verliere, möchte ich lieber eine Geschichte erzählen: Vor Jahren litt ein Freund von mir unter grauenvollem Trennungsschmerz, er wollte für einige Zeit nach Portugal, um rauszukommen. Kurz vorm Abflug fiel ihm das Phoenix-Album „United“ in die Hände. Am Ziel angekommen, ging es ihm noch genauso mies, seine zerbrochene Beziehung verfolgte ihn. Bis er die CD hörte und sie fortan nicht mehr aus dem Player nahm. Eine Woche „United“ hat ihn geheilt. Seitdem ist er der größte Phoenix-Fan auf Erden, später hatte er Gelegenheit, den Jungs seine Geschichte persönlich zu erzählen. Einer von ihnen hat tatsächlich geweint, so ehrlich berührt war er. God bless Phoenix! Curt Keplin, Chef von Cooperative Music

Am 20. Mai spielt die Band beim "Spex-Festival" im Berghain in Friedrichshain. Den neuen Song "1901" kann man hier kostenlos downloaden.

Betty Blitzkrieg (Universal)


Der Mann hat eine Mission. Das merkt man, sobald man sich mit ihm unterhält: Betty Blitzkrieg sprudelt nur so über vor Ideen und Euphorie, er kann dir stundenlang erzählen, wie er mit Pop die Welt verändern wird. Irgendwann glaubst du es ihm. Betty Blitzkrieg mag klare Melodien, meist sind sie punkig angehaucht. Und er schreibt provokante deutsche Texte, in denen auch das eine oder andere Schimpfwort auftaucht, aber er hat trotzdem Stil. Seinen ganz eigenen. „In Deutschland sind heute alle so nüchtern und harmlos, und genauso klingt auch die Musik“, hat Betty Blitzkrieg mal gesagt. Dagegen tritt er nun an: Demnächst erscheint „Wir feiern anders“, seine erste Single, es ist eine echte Partyhymne geworden – mit der schönen Zeile: „Ich will rocken, weil ich glaub’ yeah ich werd von Rock gebraucht.“ Er nennt sich selbst einen „musikalischen Meisterdieb“, und da hat er Recht: Seine Stimmlage ist leicht falkomäßig, sein Gitarrenspiel erinnert an Prince, manchmal auch an Jimi Hendrix. Die Haltung übrigens auch. Muss man gesehen haben! Jochen Schuster, Labelchef bei Universal Music

Drei Songs von Betty Blitzkrieg, darunter die Debütsingle „Wir feiern anders“, gibt es hier zum Probehören.

Romano (Wellenschlag Schallplatten)
Der Typ ist ein Guerilla-Schlager-Überflieger. Seine Lieder tragen so schnulzige Namen wie „Halt mich“ oder „Blumen für Dich“, als Einflüsse nennt er tatsächlich Roland Kaiser und Nino de Angelo. Vor einigen Monaten hat Romano einen Überraschungsauftritt hingelegt, auf der Party zum 30. Geburtstag von Gernot Bronsert, der einen Hälfte des Berliner DJ- und Produzentenduos Modeselektor. Gernots einziger Kommentar: „Ich habe ja schon eine Menge krankes Zeug gesehen, aber das hier ist das absolut Krankeste.“ Das war natürlich als richtig dickes Kompliment gemeint. Die anderen Gäste auf der Geburtstagsparty waren, sagen wir mal, nur zum Teil begeistert. Aber das dürfte noch zusätzliches Öl für Romanos Feuer gewesen sein. Etwas später trat der langhaarige Blonde dann im ehemaligen Sternradio am Alexanderplatz auf – und schockrockte die versammelten, eigentlich auf Marusha wartenden Technogänger. Ja, Romano ist auf einer brachialen Missionierungstour. Wer also ist dieser Sänger, der von sich selbst sagt, dass er in seiner Ostberliner Neighbourhood bereits in frühen Jahren gezwungen wurde, sich dem Gangsta-Rap zu verschreiben; und was ist der Grund für den späteren bizarren Turn vom Gangsta-Sprech zum Schlagerschmuse-Gesäusel? Will Romano am Ende einfach von uns allen nur geliebt werden? In seinem   Ohrwurm „Worte der Liebe“ reimt sich vielleicht die Antwort darauf: „Du und ich, wir beide sind ein Team. Nur Du und ich, wir beide sind intim.“ Raik Hölzel, Chef des Labels Kitty-Yo

Das Lied "Worte der Liebe" gibt es hier als kostenlosen MP3-Download.



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