Todestag : Der Teufelsgeiger

Die Bevölkerung nahm Abschied wie von einem Regenten: Zum 100. Todestag des Musikers, Brahms-Entdeckers und Berliner Lehrmeisters Joseph Joachim.

Beatrix Borchard
Joachim
Freunde: Joseph Joachim (re.) und Johannes Brahms. -Foto: PA

Brahms-Freunde kennen ihn als Widmungsträger des Violinkonzerts, Musikern ist er als Komponist höllisch schwieriger Violinkonzerte und berühmter Kadenzen in Erinnerung: der Geiger, Komponist, Dirigent, Pädagoge und langjährige Leiter der Berliner Musikhochschule Joseph Joachim. Als er heute vor 100 Jahren in Berlin starb, nahm die Bevölkerung Abschied wie von einem Regenten. Wer war dieser Mann, der auf dem Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Friedhof begraben liegt und dem ein Wilmersdorfer Platz seinen Namen verdankt? Dessen Erinnerung gleichwohl verblasst ist, obwohl er das Berliner Musikleben entscheidend geprägt hat?

Geboren wird Joseph Joachim in Kittsee, einem Flecken bei Bratislava, damals Pressburg, das zum habsburgisch regierten Ungarn gehörte. Er ist das siebte Kind des jüdischen Wollhändlers Julius Joachim; die Familie ist nicht wohlhabend, aber Teil einer weit verzweigten Sippe, zu der auch die reichen Wittgensteins in Wien gehören. Diese stellen ihm sein erstes wertvolles Instrument zur Verfügung, eine Guarneri „del Gesu“, und finanzieren dem Wunderkind die Ausbildung in Budapest und bei Joseph Böhm in Wien.

Bereits mit zwölf Jahren gilt Joseph Joachim als fertiger Musiker. Aber statt nach Paris zu gehen, um sich als „Violinvirtuose“ einen Namen zu machen, bringt seine Cousine Fanny Wittgenstein ihn nach Leipzig. Leipzig war damals ein Synonym für Felix Mendelssohn Bartholdy, und Mendelssohn stand stellvertretend für das aufgeklärte Judentum seiner Zeit. Noch Felix’ Großvater, der Philosoph Moses Mendelsohn, durfte Berlin nur durch ein Seitentor betreten, durch das ansonsten das Vieh getrieben wurde. Felix hingegen, protestantisch getauft, stieg in kürzester Zeit zum spiritus rector des deutschen Musiklebens auf.

Mendelssohn verordnet dem Jungen etliche Eimer kalter Theorie, wie Robert Schumann das formuliert hätte, spielt mit ihm Kammermusik und sorgt für eine gute Allgemeinbildung. Schließlich bringt er ihn nach London, wo der Dreizehnjährige 1844 zum ersten Mal öffentlich Beethovens Violinkonzert spielt. Diese Aufführung macht Joachim mit einem Schlag in der Musikwelt bekannt. Nach Mendelssohns frühem Tod 1847 gerät der 16-Jährige in eine Krise und macht sich auf die Suche nach einer neuen Vaterfigur. So wird Weimar, wird Franz Liszt die dritte Station auf Joachims Weg durch die Kraftfelder der deutschen Musikszene, auch wenn es ihn im Kreis der sogenannten Neudeutschen nicht lange hält. 1853 nimmt er eine Stelle als königlicher Konzertmeister in Hannover an und geht auf Konzertreisen, vor allem nach England.

Joachims Hannoveraner Zeit bis 1868 ist geprägt von großer Zerrissenheit: zwischen Ungarn als erster Heimat und Deutschland als zweiter, zwischen Judentum und Christentum, dem Bedürfnis nach sozialer Sicherheit und dem Verlangen nach künstlerischer Unabhängigkeit, zwischen der Rolle des Interpreten und der Suche nach eigenen Ausdrucksmöglichkeiten, zwischen der ästhetischen Orientierung an Liszt und an Mendelssohn, später dann an Robert Schumann und am gleichaltrigen Johannes Brahms.

Brahms und Joseph Joachim kannten sich seit 1853. Joachim war 22 und ein berühmter Mann, Brahms war 20 und ein Unbekannter. Keine Note von ihm war bislang gedruckt, auch als Pianist hatte er sich keinen Namen gemacht. Dennoch freunden sich die beiden rasch an, tauschen regelmäßig eigene Werke aus und betreiben gemeinsame Kontrapunktstudien.

Nebenbei unterhalten sich die Freunde auch über ihre Lebenskonzepte. Joachims Lebensmotto „frei, aber einsam“ wird, übersetzt in die Tonfolge f-a-e, Grundlage einer ganzen Sonate, der von Schumann, Brahms und Albert Dietrich gemeinsam komponierten sogenannten F-A-E-Sonate. Frei, aber einsam: Das schloss den Verzicht auf eine Festanstellung ebenso ein wie den auf Familiengründung.

Das Motto galt nicht lange. Am 13. Dezember 1862 treten die österreichische Altistin Amalie Schneeweiss und Joseph Joachim gemeinsam in Hannover auf, zwei Monate später sind sie verlobt, ein halbes Jahr später verheiratet. Sie ist 24, er 32. Da Joachim darauf besteht, dass seine Frau ihre Bühnenlaufbahn beendet, sorgt er alleine für den Lebensunterhalt der rasch wachsenden Familie. Er muss vernachlässigen, was ihm am meisten am Herzen liegt: das Komponieren.

1866 fällt Hannover an Preußen. Damit erlischt Joachims Arbeitsvertrag, die Familie zieht nach Berlin. Kurz vor der Gründung des deutschen Reiches wird er mit dem Aufbau einer Musikhochschule betraut, der ersten staatlichen auf deutschem Boden überhaupt. Statt sein kompositorisches Werk fortzuführen, legt er nun den Grundstein für ein umfassendes pädagogisches Werk mit einer kulturpolitischen Dimension. Nach des Kaisers Willen soll die Instrumentalmusik zur deutschen Nationalbildung beitragen.

Joseph Joachim unterrichtet fast 40 Jahre Hunderte von Geigern und, nach anfänglicher Ablehnung, auch Geigerinnen. Nicht die Anfänger unterrichtet er, dafür hat er Hilfslehrer. Aber seine Haltung macht Schule in Fragen der Ästhetik und des Repertoires. Der spätere Ruf eines konservativen Dogmatikers wird ihm dabei nicht ganz gerecht; als Hochschulleiter und durch seine legendären Quartettabende erweist er der Streicherliteratur unschätzbare Dienste. Vor allem trägt er wesentlich zur Durchsetzung von Brahms bei, ist Brahms doch der einzige zeitgenössische Komponist, dessen Werke er nicht im Rahmen von sogenannten „Novitätenabenden“ aufführt, sondern gleichsam in bester Gesellschaft von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert dem Berliner Publikum präsentiert. Damit schreibt Joachim seinen Freund in die Traditionslinie der klassischen Meister ein.

Doch die Freundschaft wird 1884 erschüttert: Bei der Scheidung des Ehepaars Joachim stellt Brahms sich nicht auf die Seite des Freundes, sondern auf die von Amalie, die des Ehebruchs angeklagt ist. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet ein unverheirateter Künstler den Mut aufbringt, öffentlich die Opposition zur Autoritätsperson Joachim zu riskieren. Brahms wollte sozial unabhängig sein, Joachim hingegen hatte sich für Ehe, Familie und eine öffentliche Position entschieden. Obwohl sich Brahms in Konflikten mit anderen befreundeten Musikern letztlich stets für die Interessen seines Werks entschied, geht er hier das Wagnis ein, mit Joachim einen seiner wichtigsten Interpreten zu verlieren.

Joachims gesellschaftliche Stellung bleibt unangefochten. Seine Familie, an der er sehr hängt, zerbricht jedoch. Seine Gesundheit lässt mehr und mehr zu wünschen übrig, Rheuma und Gicht lassen seine Finger so verkrüppeln, dass er nicht mehr sauber greifen kann. Schließlich mehren sich die Angriffe auf seine Arbeit an der Hochschule, die den fortschrittlich Gesinnten zunehmend als Hochburg der musikalischen Reaktion gilt. Vor allem die in den achtziger Jahren lauter werdenden antisemitischen Stimmen setzen ihm zu. Joachim hatte sich taufen lassen, war anerkannt als Repräsentant der deutschen Musik wie auch der Gesellschaft, in der er lebte. Aber er spürt, dass er dennoch als Jude wahrgenommen wird.

So bleibt, als Joseph Joachim 1907 mit 76 Jahren stirbt, der zwiespältige Nimbus eines patriarchalischen Revolutionärs, mit dessen Tod eine Ära zu Ende geht: die des Vertrauens in die gemeinschaftsbildende Macht der Musik und der vorbildhaften Bedeutung des Einzelnen. Während Berlin 1932 den 100. Geburtstag Joseph Joachims groß feiert, wird sein Name wenig später von den Nazis aus der deutschen Musikgeschichte gestrichen. Die Berliner Musikhochschule, heute Teil der UdK, brauchte bis 1982, um eine Kopie einer der während der NS-Zeit zerstörten Büsten Joseph Joachims wieder aufzustellen – und bis zu diesem Jahr, um wenigstens einen ihrer Konzertsäle nach ihrem Gründer zu benennen.

Die Autorin lehrt Musikwissenschaft an der Hamburger Musikhochschule. Ihr Buch „Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim – Biographie und Interpretationsgeschichte“ erschien 2005 im Wiener Böhlau Verlag.

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