Pop : Vater Kalt

Zwergenschule des deutschen Pops: Erdmöbel adaptieren „No. 1 Hits“

Matthias Breust

Unter den zahllosen Motiven von Musikern, Songs von anderen Musikern nachzuspielen, finden sich auch hehre. Nicht immer wird der emotionale Gehalt eines erfolgreichen Titels abgekocht, um die eigene Karriere zu befördern oder ein Bierzelt in Stimmung zu bringen. Auch in der Popmusik gibt es den genuin künstlerischen Antrieb, sich Vorbilder anzueignen, sie für sich oder andere neu zu entdecken oder durch die eigene Interpretation am Leben zu erhalten. Kommerziell erfolgreiche Songs wie etwa Jonny Cashs Version von Depeche Modes „Personal Jesus“ oder Nine Inch Nails’ „Hurt“ hätten auch von den Interpreten selbst stammen können, wenn sie ihnen nur früher eingefallen wären.

Aber warum, um Himmels Willen, übersetzen deutsche Popmusiker so gerne englische Hits in eine Sprache, die total uncool ist – ihre eigene nämlich?

Die Kölner Band Erdmöbel hat es jetzt wieder getan und ein Album namens „No. 1 Hits“ herausgebracht (SonyBMG). Bekannt geworden ist das Quartett mit „Dreierbahn“ und „In den Schuhen von Audrey Hepburn“, luftigen, heiter pulsierenden Elektropop-Nummern, denen die Sehnsucht nach einem knuffigen Früher deutlich anzumerken ist. Auf der neuen CD finden sich nun zwölf Titel, die zwischen 1965 und heute schon mal auf Platz eins einer Hitparade in Europa oder Amerika waren. Allesamt eingedeutscht. Da liegt die Frage nahe, welche Hoffnungen sich mit diesem Projekt verbinden. Denn Nachdichtungen atmen den Ruch der Bildungsveranstaltung, und trotzdem zeigt sich der Dozent nur als beflissener Schüler eines noch größeren Lehrmeisters.

In der Popgeschichte sind die Beispiele für wörtliche Übertragungen – „übersetzen“ lassen sich Reime schlecht – Legion. Ein Großteil des Publikums war noch in den Sechzigern und Siebzigern des Englischen nicht mächtig genug, um selbst simpelste Botschaften zu entschlüsseln. Daher wurden von nahezu allen Hits deutsche Versionen aufgenommen. Wohl weniger aus dem Bedürfnis, die jeweiligen Inhalte von „Walk On By“ oder „She Loves You“ zu vermitteln, als vielmehr, die vermuteten Aversionen gegen diese Kulturimporte abzubauen.

Erdmöbel aber nehmen den Bildungsauftrag ernst. Sie deklinieren die denkbaren Prinzipien des Kulturtransfers durch. Manche Übertragungen sind so exakt, dass sie sogar schräge Reime und falsche Betonungen in Kauf nehmen. Mit „Was geht, Muschikatz?“ beginnt die Scheibe ohne Rücksicht auf Satzmelodien. Tom Jones’ Paukenschlag von 1967 trifft direkt ins subversive Herz dieser liebenswürdigen Band. Auf derselben Linie musizierten bereits Spaßkapellen wie die Original Deutschmacher oder die Fabulösen Thekenschlampen aus Köln. Deren „Vater Kalt“ deckt die Einfältigkeit des Originals schonungslos auf und ist in der Lage, vom Besuch des Musicals abzuhalten.

Die erste Single-Auskopplung „Aus meinem Kopf“ lässt spüren, warum deutscher Pop meist mittelmäßig bleibt. Zeilen wie „Wir sind frei – für immer“ mögen noch vorkommen, aber Strophen ausschließlich aus „lalalala“ wagt hierzulande niemand. Kylie Minogue hatte damit einen Welthit, und bei der deutschen Version verspürt man einen wohligen Schauer angesichts dieser bedingungslosen Liebeserklärung, die eigentümlich unbeschwert ins Hymnische tendiert.

Musikalisch kommen Erdmöbels charmant-chansoneskem Wohnzimmerpop die Titel gelegen, die ursprünglich auch textlich am überzeugendsten sind. Joan Osbornes „(What If God Was) One Of Us?“ war schon immer schön („Zu Hause ruft ihn wieder keiner an. Und wenn, dann ist der Papst dran“). Der Weg nach Mandalay von Robbie Williams ist ebenerdig, und auch „Mmm Mmm Mmm“ von den Crash Test Dummies kommt den Kölnern entgegen. Bei den Stücken hatten wir bereits auf den englischen Text geachtet.

„Fahler als nur fahl“ weicht dagegen vom Original deutlich ab. Während Procul Harums „Whiter Shade of Pale“ sich gegen eine klaren Deutung sperrt, geben die Kölner Musiker den losen Assoziationen eine Liebesaffäre als roten Faden. Der besondere Reiz dieser literarischen Disziplin liegt aber wohl auch für Erdmöbel selbst nicht nur darin, endlich ein paar Lieblingslieder aufzunehmen, wie die aufregendste Entdeckung „Wieder allein, natürlich“ zeigt. Der Text – nach „Naturally“ – beklagt das Alleinsein in diversen Volten und mit einem ironischen Unterton, der perfekt zu der routinierten Komposition Gilbert O’Sullivans passt. Das Sterben des Vaters aber wird bei Songwriter und Sänger Markus Berges in ein Verlassenwerden umgedeutet, hier erzählt er offenbar seine eigene Geschichte.

Aber spätestens jetzt, da es am schönsten ist, tritt umso schmerzlicher die Schwäche des Konzepts hervor. Man wüsste denn doch gern mal, was die Band selbst zu sagen hätte. Doch erlaubt ist nur die indirekte Rede. Und die enthüllt ihr Ungenügen genau da, wo ein Song dem unmittelbaren, rohen Gefühl der Wut verhaftet ist – wie die misslungene Aneignung von „Smells Like Teen Spirit“ demonstriert. Der entscheidende Akkordwechsel hat bei Erdmöbel seine Schroffheit verloren. Der Schmuse- Sound mit Posaune und Klavier zersetzt die Treibkraft des Songs. Und es heißt: „Es ist ein Segen, dass allein / Ich darin schlecht bin, gut zu sein.“

Berges und seine Mitstreiter lieben Popmusik zu sehr und beargwöhnen ihre eigene. So erweist sich die Fallhöhe der für „No.1 Hits“ ausgewählten Stücken zuweilen als zu klein. Wer versucht, einen Burger mit Vollkornbrot zu machen oder ein Curry ohne Chili, riskiert nichts. Das ist einfach fade.

0 Kommentare

Neuester Kommentar