Vengaboys im Postbahnhof : "Boom boom boom boom!" - Das Phänomen Neunziger-Party

Warum verhalten sich junge Clubgänger so merkwürdig exzessiv, wenn Trash-Lieder der Neunziger auf Parties gespielt werden? Warum tun sie sich noch immer „Eurodance“ an? Und was haben die Vengaboys damit zu tun? Erklärungsversuch eines sozialen Phänomens.

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Die Vengaboys - hier auf der NDR Welle Nord Sommertour Quickborn
Die Vengaboys - hier auf der NDR Welle Nord Sommertour QuickbornFoto: NDR / Wikipedia

Eine Leopardin im Plastik-Korsett, ein tüllbegürteltes Ballett-Blondie, ein Matrose und ein Cowboy im Glitzeranzug springen nachts um zwei ambitioniert choreographiert und konsequent strahlend über die Bühne. Die Tänzer bewegen nur die Lippen, die Musik kommt aus der Konserve. Die Menge tobt. Man fragt sich: Wo hat der Cowboy seine unfassbaren Buffalo-Plateauschuhe her? Man fragt sich allerdings auch: Wie schaffen es diese vier niederländischen Wunderlinge im Faschingsoutfit trotz Vollplayback, einen ganzen Club voller 20 bis 30jähriger Menschen zum ausrasten zu bringen?

Ganz einfach: Die Musik, mit der man aufgewachsen ist, dringt am tiefsten ins limbische System. Und: Das hier sind die Vengaboys. Sie feierten im Jahre 1997 ihren Durchbruch, waren die Helden der späten Neunziger. Sie verschwanden eine zeitlang in der Versenkung – und erhoben sich nun Donnerstagnacht im Postbahnhof aus den tiefsten Tiefen des Eurodance als Boten der Neunziger-Nostalgie, um eine ganze Generation an ihre zweifelhafte musikalische Prägung zu mahnen.

Jede Generation hat in Sachen Musik ihre eigenen nostalgischen Leitmotive. Unsere Eltern sind am Hippie-Zauber zwar meist knapp vorbeigeschrammt. Dafür haben sie umso pathetischer davon erzählt, wie sie in der Schulpause in der Sonne saßen und „Hotel California“ auf der Gitarre geschrammelt haben. Wir dagegen kommen aus Zeiten, in denen die Entscheidung, ob der Rucksack von "Eastpack" oder von "4You" war, eine ideologische Frage darstellte, an der sich die Zugehörigkeit zur grundschulinternen Peergroup entschied. Aus Zeiten, in denen wir mit unseren Eltern bitter darum kämpfen mussten, Tattoo-Ketten aus dem Kaugummi-Automaten oder Spice Girls-Plateauschuhe von Deichmann tragen zu dürfen. Heute sind wir ihnen dankbar, dass wir es niemals durften (man stelle sich die Fotos vor, die uns erspart geblieben sind).

Aber der Soundtrack zu diesen Kämpfen war die in Dauerschleife laufende „Bravo Hits 1998“ und der unbestrittene "Master of Music" DJ Bobo, der uns den poetischen Satz “Music is what I’m living for” für immer einhauchte. So rieselte der „Eurodance“ tief in die Belohnungszentren unserer Hirne. Simple Harmonien, ein kurzer Männer-Rap, die Frau trällert den Refrain, bumm-bumm, ein lustiger Bass dazu, fertig ist er, der Eurodance. Thematisch drehte sich die ganze Sache um Spaß, Ferien, gute Laune. Tiefgründigkeit? Pustekuchen. Eigentlich unfassbar, aber man munkelt, diese Musik sei damals sogar auch in Clubs gespielt worden. Das können viele von uns aufgrund unseres Alters allerdings nicht sicher bezeugen.

Noch ein Eurodance-Held der 90er-Jahre: DJ Bobo. (Hier 2012 in Oberhausen)
Noch ein Eurodance-Held der 90er-Jahre: DJ Bobo. (Hier 2012 in Oberhausen)Foto: dpa

Jedenfalls fühlen wir uns nun seltsam bewegt, sobald wir die Musik der Neunziger vernehmen. Es handelt sich um ein beachtliches Phänomen: Es gibt keinen Musikstil, welcher in der Altersgruppe von 20 bis 30 mehr Klassen, Schichten, Nationen, Sinus-Milieus, Studiengänge, Musikgeschmäcker, Berufe und Subkulturen zu vereinen vermag, wie die wummernden Spaßgesänge der Vengaboys und der Spice Girls. Kaum macht der Lautsprecherbass „boom boom boom boom“, fangen Maurer wie Germanistikstudentinnen auf Wg-Parties an, wild mit allen Armen und Beinen zu rudern, die sie besitzen. Egozentrische Interessengruppen, die zuvor noch aggressiv um den den Titel des ausführenden Youtube-Party-DJs konkurrierten, werden plötzlich befriedet, wenn nur „I'm a scatman“ erklingt.

Vorausgesetzt, es ist nach ein Uhr und der Bowletopf war groß genug für alle. Denn sonst könnte es sein, dass der wichtige Ironie-Modus noch nicht greift: Um die unvermeidbare unfreiwillige Komik unserer geliebten Nostalgiemusik zu kompensieren, braucht es der Klassifikation dieser als „Trash“. Dieses Abstempeln der Neunziger-Schlager als nicht vollwertige Musik dient in erster Linie der Taktik der Versicherung der eigenen geschmacklichen Integrität und lässt zudem den gewagten logischen Schluss zu, man würde durch die rein ironische Rezeption der Musik auf einer höheren Abstraktionsstufe Spaß haben. Auf tieferer psychologischer Ebene handelt es sich jedoch um einen simplen Verdrängungsmechanismus der Tatsache, dass uns diese ach-so-trashige Musik schlicht und einfach furchtbar gut gefällt.

Der individuelle Grad der Ernsthaftigkeit, mit dem man selbst gerade zu „Rythm is a Dancer“ mit den Gliedmaßen zuckt, ist bei dieser Musik aus diesen Gründen absolute Privatsache. Sollten Fotos mit unvorteilhaften Tanz-Schnuten („Duckfaces“ im Fachjargon) von uns bei Facebook auftauchen, nimmt uns das niemand übel, solange wir darunter anmerken, dass wir auf dem Foto gerade – na klar! - völlig ironisch zu dem Lied von „Snap!“ abgehen. Hey, es ist ja nur Trash! Neunziger-Musik ist die moralische Absolution für unser inneres Kind.

Wir lieben die Musik der Neunziger auch deswegen, weil wir sie immer noch in dem Laute nachahmenden Pseudo-Englisch der Grundschule mitsingen können. „Amababigön“ statt „I’m a barbie girl“ zu grölen ist nun einmal recht betrunkenheitsfreundlich. Und wir lieben sie, weil sie uns interkulturell mit verschiedensten Menschen unserer Generation geistig zu vernetzen vermag: Selbst bei unserem kaum Englisch sprechenden Couchsurfer in Bhodgaya, dem Erleuchtungsort Buddhas in Indien, schuf die geteilte Euphorie für simple Zeilen wie „We like, we like to Party“ eine gemeinsame, ganz besondere Kommunikationsebene.

Die vier gealterten Vengaboys-Popstars werden noch diesen Frühling eine neue Single namens "Nightlife of Ibiza" herausbringen. Auch DJ Bobo wird 2014 wieder auf große Tournee gehen. Die Künstler füllen riesige Säle. Zu Recht: Neunziger-Lieder auf Parties sind ein goldener Nachklang des wohligen Gefühls, auf einem Kindergeburtstag bis 20:30 Uhr bleiben zu dürfen und River Cola mit Koffein trinken zu dürfen. Mein Rat an alle Wg-Party Veranstalter der Welt: Legt Neunziger-Musik auf. Sie allein hat die Kraft, Menschen zusammenzubringen. Ihr werdet eure Gäste in Erinnerungsekstase vereint sehen.

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