Vic Chesnutt : Auf der Kippe

Schmerzensmann: Zum Tod des Musikers Vic Chesnutt

Gerrit Bartels
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Foto: Bernd Thissen/dpadpa

Michael Stipe von R.E.M. muss schon damals, nachdem er ihn erstmals auf der Bühne eines Clubs in Athens, Georgia gesehen hatte, gespürt haben, dass Vic Chesnutt gern mit dem Jenseits flirtete. „Ich möchte eine Platte mit dir machen, bevor du dich umbringst“, soll er zu ihm gesagt haben, um ihn kurz darauf in ein Aufnahmestudio zu zerren. Stipe produzierte 1990 Chesnutts erstes Album „Little“ und half ihm auch ein Jahr später, den Nachfolger „West of Rome“ einzuspielen, beides Lo-Fi-Folk-Alben, die voller Düsternis, Wirrnis und Melancholie sind und vom harten, unschönen Leben des jungen Vic erzählen.

Dieses begann 1964 in Jacksonville, Florida, setzte sich in einer Kleinstadt in Georgia fort, wo Chesnutt bei Adoptiveltern aufwuchs, und es war an- und ausgefüllt mit Drogen aller Art. Seine ultimative tragische Wendung aber nahm dieses Leben, als Chesnutt sich 19-jährig bei einem Autounfall in volltrunkenem Zustand eine Querschnittslähmung zuzog und in der Folge auf einen Rollstuhl angewiesen war.

„What a great day to come out of coma“, hat er später in einem seiner Songs getextet, und diese Art des euphorischen Zynismus ist charakteristisch für viele seiner Songs. Die Behinderung hätte seine Karriere ruiniert, hat Chesnutt in Interviews bisweilen zu Protokoll gegeben. Dabei ignorierte er dann, dass er zwar on stage der Folkrocker im Rollstuhl war, die Behinderung im stillen Kämmerlein jedoch, wenn man eines seiner Alben auflegte, nie zu hören war.

Nach weiteren Alben wie „Drunk“ (eine Ode auf den Suff) oder „Is The Actor Happy?“ (eine Ode auf das Leben und die Kunst) wurde Chesnutt als legitimer Enkel von Bob Dylan betrachtet, als Bruder im Geist von Townes van Zandt. Und als Leidensgefährte von Howe Gelb, nur zielgerichteter, von Victoria Williams, nur weniger zartfühlend, oder von Elliott Smith, nur ohne dessen Popschmelz. Chesnutts Songs sind oft karg und dunkel, pure Americana. Sie stecken voller Kraft, Gospelfolk!, Kirchenfolk!, so sehr Chesnutt knarrte und krächzte, so sehr er dem Alkohol zusprach, der ihm die Leber schließlich völlig ruinierte.

Seine erfolgreichste Zeit hatte Vic Chesnutt in den mittleren neunziger Jahren, als Musiker wie Madonna, die Smashing Pumpkins, Garbage und natürlich R.E.M. Songs von ihm interpretierten und auf einem Tributalbum zu seinen Gunsten veröffentlichten. Und als es gerade auch in Deutschland einen Folk- Boom gab, als legendäre Typen wie er, wie Michael Hall oder Michael Hurley am Fließband ausgegraben, entdeckt und eingeladen wurden. Die nuller Jahre waren schwieriger, der Folkboom flaute ab, Chesnutts Labels wechselten von Album zu Album. Kollegen wie Howe Gelb oder Kurt Wagner von Lambchop aber hielten ihm die Stange. Zuletzt ging er mit eher artfremden Musikern von Hardcore-Bands wie Fugazi oder der kanadischen Postrockband Godspeed You Black Emperor auf Tour, was seine Songs orchestraler, sinfonischer machte.

Allein dieses Jahr nahm Chesnutt zwei Alben auf, „At the cut“ und „Skitter on Take Off“. Doch gegen die ihn wiederholt anfallenden Depressionen konnte diese Überproduktivität nichts mehr ausrichten: Heiligabend hat Vic Chesnutt sich mit einer Medikamentenüberdosis das Leben genommen. Gerrit Bartels

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