Vier Konzerte an einem Abend : Um die Häuser, durch die Hallen

Rock-City Berlin: ein Abend mit Franz Ferdinand, den Wild Beasts, The Sonics und Patrick Watson. Vier Konzertkritiker waren für den Tagesspiegel unterwegs.

Nadine Lange[Kai Müller],Volker Lüke[Kai Müller],Jörg W,er
311682_3_xio-fcmsimage-20091125205319-006001-4b0d8b2f217f7.heprodimagesfotos86120091126davids_franzferdinand11.jpg
Foto: Votos – Roland OwsnitzkiDAVIDS/Huebner

Der kulturelle Segen Berlins ist zuweilen auch sein Fluch. Am Dienstag fanden in Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain gleichzeitig vier Rockkonzerte statt – mit Bands, die als Legenden verehrt oder als Newcomer abwartend beäugt werden. Wir dokumentieren ein Festival des ganz normalen Wahnsinns.

Patrick Watson

Postbahnhof, 20:35 Uhr

Der Typ mit den Strubbelhaaren und der Schiebermütze, das ist Patrick Watson: ein 30-jähriger Kanadier, der mit der Verspieltheit eines jungen Cockerspaniels auf dem Flügel klimpert und eine Stimme hat, deren Spektrum vom Coldplay- Schmelz bis zur Tom-Waits-Kratzigkeit reicht. Aber die drei anderen sind auch Patrick Watson, obwohl sie Robbie Kuster, Mishka Stein und Simon Angell heißen und Schlagzeug, Bass und Gitarre spielen. Die Freunde bemerkten erst nach Jahren, dass sie vergessen hatten, sich einen Bandnamen auszudenken. Diese Art von Unbeschwertheit durchzieht auch ihre Songs, was sich in einer großen Kühnheit äußert. Das Fundament ist ein elegisches Folk-Freaktum.

Doch was bei Arcade Fire zum Korsett wurde, nutzen Patrick Watson als Sprungbrett. Mal walzert es zum Schrumm-Schrumm des bei einigen Stücken assistierenden Streichquartetts wie auf dem Rummelplatz, ehe ein Gitarreninferno die Harmonie zersägt. Dann erweitert Kuster ein Solo flink aufs Xylophon, oder Watson selbst imitiert mit Flüstertüte und Pömpel eine gestopfte Trompete. Später schnallt er sich ein Gestell mit fünf beleuchteten Lautsprechertentakeln um und stapft wie ein Alien durch die Menge. Welch brillanter Stilist er sein kann, beweist das hinreißende „Man Under The Sea“: Ehe der Song im maritimen Doo-Wop-Choral mündet, singt Watson mit der Hingabe und dem Tonfall des späten John Lennon. Das Publikum ist völlig aus dem Häuschen und erklatscht sich drei Zugaben, bevor es den vierfachen Patrick Watson entlässt.

The Cribs

Columbiahalle, 21:00 Uhr

Ist das da, vorne links, wirklich Johnny Marr? Braune Pilzkopffrisur, melancholischer Blick ... Ja, da steht tatsächlich der legendäre Ex-Smith-Gitarrist. Nach seiner Mitwirkung bei Modest Mouse hat er sich nun The Cribs angeschlossen, auf deren neuem vierten Album „Ignore the Ignorant“ er ebenfalls zu hören ist. Auf der Bühne kommt sein Spiel jedoch kaum zur Geltung – im schrundigen Schreddersound der drei Jarman-Brüder kann er sich nicht durchsetzen. Das macht schon traurig, einen der größten britischen Gitarristen der letzten zwanzig Jahre derart glanzlos zu sehen.

The Sonics

SO 36, 21:50 Uhr

Sie sind der Urknall der psychotischen Rockmusik. 1964 kombiniert die Band aus Washington die manische Explosivität von Little Richard mit dem Stampfbeat der Kingsmen. Resultat: ein Teenage-Rebellion-Sound, der noch immer wilder als jede Punkband ist. Nicht nur der junge Hendrix war schwer beeindruckt; von den Stooges über Nirvana bis zu den White Stripes prägten die Sonics Generationen von Garagenbands, die die ungezähmte Wildheit von drei Akkorden jeder technischen Finesse vorziehen. 1967 lösten sie sich auf und verschwanden, bis sie vierzig Jahre später im New Yorker Cavestomp Club ein überraschendes Comeback gaben. Wird die Band um den 65-jährigen Keyboarder Jerry Roslie, der schon eine Herztransplantation hinter sich hat, an ihren Knochensound anknüpfen können?

Im Kreuzberger SO 36 demonstriert Roslie seine unsterbliche Leidenschaft mit einer ins Falsett gejagten Stimme, während Larry Parypa an der Gitarre schmutzige Blues-Riffs raspelt und sich Rob Lind am Saxophon das Hirn rausbläst. Ergänzt werden die drei Bandgründer durch den Schlagzeuger Ricky Lynn Johnson von der Sixties-Legende The Wailers und einen Bassisten, die das Energielevel erfreulich hoch halten. Und das enthusiastisch mitbrüllende Publikum bekommt all die Klopper, auf die es hatte hoffen dürfen: „The Witch“, „Psycho“, „Strychnine“, „Cinderella“, „Have Love Will Travel“. So vielen Menschen bleibt zu sagen, was ihnen entgeht, wenn sie die Sonics nicht gesehen haben. Ist das nicht schön?

Wild Beasts

Bang Bang Club, 22:10 Uhr

Hin und wieder parkt ein weißer Lieferwagen vor der Tür des kleinen, schummrigen Clubs am Hackeschen Markt. Getönte Scheiben, englisches Nummernschild, das Lenkrad auf der falschen Seite. Das Gefährt ist gerade groß genug, um vier jungen Burschen samt ihren E-Gitarren, Verstärkern und ein paar Kisten mit T-Shirts und CDs Platz zu bieten. Mehr als den weißen Sprinter können sich die Wild Beasts aus dem nordenglischen Kendal noch nicht leisten. Trotzdem haben sie es offenbar gut getroffen. Ihre Heimat sei vom Regen überschwemmt, sagt der schmale Sänger Hayden Thorpe mit ärmelloser Jeansjacke, während er mal wieder das Instrument mit seinem Nebenmann Tom Fleming tauscht. Sie wechseln einander an Bass, E-Gitarre und Keyboards ab, um einen quecksilbrigen, schimmernden Sound aus Arpeggio-Akkorden zu erzeugen. Auch singen darf Fleming zuweilen. Und er setzt in Songs wie „Two Dancers“ einen warmen Kontrapunkt zu Thorpes gespreiztem Operetten-Tenor.

Doch ist diese Wärme trügerisch. Denn die von Leadgitarrist Benny Little immer wieder in gleißendes Licht getauchte Plingpling-Oberfläche verdeckt den brutalen Kern dieser „wilden“ Kunstmusik, die von der „Sunday Times“ als „mephistophelisches Melodram“ gefeiert wurde. Nach außen präsentieren sich Wild Beasts minimalistisch gezähmt, als Antithese zur Entfesselungsdramaturgie von Rockmusik. Mit jedem Ton will das Quartett der Verführungskraft seiner kreiselnden Songs widerstehen, um die ziellosen Gewaltexzesse, von denen erzählt wird, nicht auch noch zu bestätigen. Das macht den destruktiven Furor dieser eigentümlich gespannten Musik zur Kopfsache. Gelegentlich bricht er als Klangeruption hervor, wenn Drummer Chris Talbot über seine Trommeln galoppiert, als sollte man Stiefeltritte hören.

Franz Ferdinand

Columbiahalle, 22:10 Uhr

Plötzlich sind Johnny Marr und The Cribs vergessen – und Franz Ferdinand da. Die vier Schotten verwandeln die Halle binnen Sekunden in eine Hüpfburg, agieren mit irrer, aus dem Ärmel geschüttelter Präzision. Beeindruckend souverän wechseln sie die Tempi und schlagen selbst aus weniger starken Songs mittels schlauer Arrangements noch Funken. Sänger Alex Kapranos sieht mit seinem schwarz-roten Karohemd, Bluejeans und Stiefeln aus wie ein Cowboy, der seinen Hut verloren hat. Von seinem leicht blasierten Dandy- Image früherer Tage ist heute Abend nichts zu sehen. Stattdessen gibt er sogar ein paar Rocker-Posen, die ihm erstaunlich gut stehen. Die Band hat sichtlich Spaß, der sich direkt auf die Menge überträgt. „Ulysses“ mit seinem unwiderstehlichen Synthie-Motiv wird zu einem Triumph, genau wie das zu einem kurvenreichen Trip ausgebaute „This Fire“. Ganz zum Schluss beamen sich Franz Ferdinand mit einer fantastischen, sehr langen Version von „Lucid Dreams“ in einen House-Club. Da könnten sie auch mal das Berghain buchen.

Jörg Wunder (Postbahnhof), Nadine Lange (Columbiahalle), Volker Lüke (SO36), Kai Müller (Bang Bang Club)

0 Kommentare

Neuester Kommentar