Vinyl lebt : Die Welt ist eine Scheibe

Renaissance eines Relikts: Die Musikindustrie entdeckt den Reiz der Langspielplatte. Aber mal ehrlich: War sie je weg? Bekenntnisse eines Vinyl-Junkies.

Jörg Wunder
Vinyl
Black is back: Die Schallplatte feiert nicht nur bei DJs ein Comeback. -Foto: promo

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Vinyl ist zurück! Black is back! Und das nicht ohne Grund: Denn die Langspielplatte ist selbstredend viel großartiger als die CD! Sie wissen schon, des Vinyls warme, natürliche Klangfülle, im Gegensatz zum perfekten, aber aseptischen Digitalsound der Silberlinge. Und erst das auf schwerem Karton gedruckte Plattencover mit seinen stolzen 30 Zentimetern Kantenlänge! Satt in der Hand liegend, eine Zierde für jede Behausung. Nicht zu vergleichen mit den dauerverkratzten, mickrigen Plastikhüllen mit dem euphemistischen Namen „Jewel Case“, bei denen man sich fast die Finger bricht, wenn man das CD-Booklet rausfummeln will …

Aber muss man die LP im Jahr 2008 überhaupt noch gegen die CD in Stellung bringen?

Nach der Markteinführung im Herbst 1982 dauerte es ein paar Jahre, bis sich die CD durchsetzen konnte, auch wenn der musikalisch-industrielle Komplex aus Hardware-Produzenten und den großen Plattenfirmen den Paradigmenwechsel mit beispiellosem Werbeaufwand flankierte. Es ging um einiges: Selbst unter Berücksichtigung der hohen Startinvestitionen vervielfachten sich die Gewinnspannen aufgrund der gegenüber der LP auf ein Fünftel reduzierten Herstellungskosten von CDs. Die Konzerne profitierten zusätzlich, weil sich viele Musikliebhaber einen Großteil ihres Vinylbestands im neuen Medium nochmals zulegten.

Rasant bergab ging es mit der LP in den Neunzigern. Die Konzerne verloren jegliches Interesse an Repertoire- oder Produktpflege im Vinylbereich. Zwischen 1990 und 1999 sank der Anteil der Plattenverkäufe am Tonträgermarkt von knapp 50 Prozent auf weniger als ein Promille. Zum Jahrtausendwechsel schließlich war ein Großteil der Neuerscheinungen gar nicht mehr oder nur noch als horrend teure Importware auf Vinyl erhältlich.

Überlebt hat Vinyl dennoch, in geschützten Nischen: Rührige Independent-Labels veröffentlichten weiterhin LPs in winzigen Stückzahlen, und auf Re-Issues spezialisierte Kleinfirmen wie Sundazed oder 4 Men with Beards ließen sich ihre archäologischen Pop-Ausgrabungen von eingeschworenen Fans gut bezahlen. Techno-Aktivisten ersteigerten Schneidemaschinen aus der Insolvenzmasse eingegangener Plattenfirmen, um ihre vinylfixierte DJ-Klientel mit Weißpressungen zu versorgen.
Aber selbst im Bereich elektronischer Clubmusik leiden die Labelbetreiber mittlerweile unter einer Entwicklung, die seit ein paar Jahren die CD obsolet macht: Durch die permanente und vollständige Verfügbarkeit übers Internet ist Musik zur universellen Manövriermasse geworden, die zudem dank immer größerer Speicherkapazitäten in ungeahntem Maße konservierbar ist. Eine handelsübliche 1-Terabyte-Festplatte kann selbst in hochwertiger Datenkomprimierung ungefähr 100 000 Songs aufnehmen. Musik hat sich vom Trägermedium gelöst, sie ist körperlos geworden.

Doch offenbar existiert eine ausgeprägte Sehnsucht nach dem Dinglichen, denn ausgerechnet vor dem Hintergrund eines kollabierenden Tonträgermarkts mehren sich die Anzeichen für eine Renaissance des Vinyls. Man könnte dies glatt für einen Marketing-Coup der Musikindustrie zum 60. Geburtstag der LP halten, was allerdings eine recht bösartige Ironie der Geschichte wäre. Immerhin geben sich die Branchenriesen Mühe, den Trend nicht zu verschlafen. So hat Universal, das nach Schrumpfungsprozessen immer noch weltgrößte Musikunternehmen, im Juli unter dem naheliegenden Titel „Back to Black“ die erste Folge von Wiederveröffentlichungen bekannter Pop-Alben im klassischen LP-Format herausgebracht. Vergleichbare Produktreihen sind auch von den drei anderen Majors Sony, Emi und Warner angekündigt oder bereits veröffentlicht. Dies ist aber kaum mehr als um Imagekorrektur bemühter Aktionismus. Wer außer den üblichen Klangfetischisten soll schon Standardwerke wie Eric Claptons „461 Ocean Boulevard“ oder Peter Framptons „Comes Alive!“ als teure Vinyl-Remaster-Edition erwerben, wenn man die Originale in jeder Flohmarkt-Wühlkiste findet?

Dabei macht es seit ein paar Jahren tatsächlich wieder Spaß, fabrikneue Platten zu kaufen. Die nackten Zahlen mögen noch nicht beeindrucken: Trotz beträchtlicher Wachstumsraten hat der Vinylanteil am Tonträgermarkt noch nicht wieder die Prozentgrenze erreicht. Doch selbst im Einzelhandel scheint ein Umdenken stattzufinden, was beispielsweise die Wiedereinführung von Plattenabteilungen in ausgewählten Filialen der führenden Elektromärkte bezeugt – die übrigens, Ironie der Geschichte, nicht unwesentlich zum flächendeckenden Plattenladensterben der Neunziger beigetragen hatten. Entscheidender ist indes, dass die überlebenden Indie-Labels durch den Anstieg der durchschnittlichen Auflagenhöhe wieder mehr finanziellen Spielraum für ein breiteres Spektrum an Neuveröffentlichungen haben. Deren Erwerb berechtigt oftmals zum kostenlosen Internet-Download, so dass man das Werk auch im MP3-Player spazieren tragen kann.

Eine junge Generation von Bands hat die LP als Ausdrucksmittel wiederentdeckt, was sich in liebevollen, teilweise extrem aufwendigen Covergestaltungen niederschlägt. So begeistert etwa „Consolers of the Lonely“, das auf dem Beggars-Label erschienene zweite Album der Raconteurs, in der Vinylausgabe durch eine dreifach aufklappbare Plattenhülle mit der hochwertigen Reproduktion eines Fotos, das die Band in einem nostalgischen Wanderzirkus-Szenario zeigt. Allein das Fotoshooting soll ähnlich viel gekostet haben wie die Studioproduktion der Platte.

Selbst der Grundstoff, das aus Rohöl hergestellte Polyvinylchlorid (PVC), kommt wieder vorwiegend in der schweren Pressqualität zum Einsatz, die vor der ersten Ölkrise in den frühen Siebzigern üblich war. Womöglich wäre der Siegeszug der CD weniger dramatisch ausgefallen, hätte die Industrie nicht aus Profitgier begonnen, Schallplatten immer dünner und teilweise aus recyceltem, verunreinigtem Material herzustellen. Wie erbärmlich klang etwa im Herbst 1988 das vierte Album von Talk Talk, das legendäre „Spirit of Eden“, ein episches Pop-Meisterwerk zwischen ozeanischer Klangfülle und zenartiger Stille: Über gut vernehmbarem Grundknistern und einem Brei aus dumpfen Bässen und muffigen Mitten klirrten blecherne Höhen. Ob Montagspressung oder ein erpresserischer Akt der Plattenfirma Emi: Jedenfalls war ein zusätzlicher CD-Kauf nahezu unvermeidbar.

Der Besitz von Langspielplatten scheint auch zunehmend wieder einen Distinktionsgewinn zu versprechen. Junge Leute mit Stilgefühl tragen die quadratischen Tüten mit dem Aufdruck des Plattenladens ihres Vertrauens voll Stolz vor sich her. Und wirklich: Eine Plattentüte steht jedem und jeder. Auch die Lifestyle-Industrie hat die Witterung natürlich längst aufgenommen. So bewirbt ein renommierter deutscher Möbelhersteller in der aktuellen Ausgabe des Gratis-Musikmagazins „Intro“ sein Produkt mit dem Bild eines sorgfältig unaufgeräumten Spätjugendzimmers, in dem der Plattenspieler samt zugehörigen LPs an exponierter Stelle steht und für die Unangepasstheit des Bewohners bürgt. Noch besser: Im Leser-Blog des „Rolling Stone“ wird ein Promo-Foto von Nico Rosberg präsentiert, das den Formel-1-Piloten und Mädchenschwarm auf einem Flokati in Szene setzt, bekränzt mit Kopfhörer, umgeben von LPs. In beiden Fällen sind die Plattenstäpelchen recht übersichtlich – wohl um eine unzeitgemäße Anmutung von Immobilität zu vermeiden.

Diese wiederum stört nicht die gesetzten Herrschaften, die sich, vielleicht sogar zu Repräsentationszwecken, für ihr geschmackvolles Heim neben einer edlen Weinsammlung und der gut sortierten Bibliothek auch eine gediegene Plattenkollektion zulegen möchten. Schade nur, dass sie dabei wieder ganz von vorn anfangen müssen, haben sie doch vor 20 Jahren, dem Zeitgeist folgend, ihre alten Scheiben verhökert, um auf CDs umzusteigen. Zum Glück können sie sich dabei von entsprechender Fachliteratur beraten lassen: Bücher wie „1001 Alben – Musik, die Sie hören sollten, bevor das Leben vorbei ist“ wissen zuverlässig, wie die richtige Plattensammlung beschaffen sein muss.

Dieses Kanondenken zielt natürlich am Wesentlichen weit vorbei. Die nur aus Meisterwerken der Pop-, Rock- und Jazzgeschichte bestehende Vorzeigesammlung ist ebenso vorhersehbar wie langweilig. Eine Sammlung braucht Zeit zum Wachsen. Sie sollte gerade keinen Plan verfolgen, sondern die ureigene Handschrift ihres Besitzers tragen, bei der sich im Idealfall mit jeder Platte eine Geschichte verbindet und die Geschichten sich zu einem Leben mit Musik verflechten. Peinliche Ausfälle und Verirrungen sind dabei gerade das Salz in der Suppe. Weder die Systematik der Sortierung noch der Umfang spielen bei einer lebendigen Plattensammlung die Hauptrolle. 150 liebevoll gehegte LPs können mehr erzählen als eine Wohnzimmerwand voll ungehörter Kapitalanlagen.
Und doch: 1001 Alben! Ein Tropfen im Ozean angesichts einer Welt voll fantastischer, unentdeckter Musik, von der man praktisch nie genug haben kann. Jawohl, es gibt auch eine Art des Plattenbesitzes, die Klasse und Masse verbindet: das leidenschaftliche, exzessive Sammeln. Es trägt gewiss nicht immer zur Daseinserleichterung bei. Die Pracht hat ihren Preis, und der ist nicht nur monetärer Natur. Bei Umzügen hat man plötzlich keine Freunde mehr. Man beäugt misstrauisch die Tragfestigkeit der heimischen Fußbodendielen. Eine eventuelle Auslagerung aus den überfüllten Wohnräumen muss gut durchdacht sein, will man nicht irgendwann schimmelige Kartons aus feuchten Kellern als Sondermüll entsorgen.

Trotz der akkumulierten Masse bleibt jede einzelne Platte eine fragile Kostbarkeit, die kleinste Nachlässigkeiten beim Transport oder Handling mit Knicken im Cover oder Kratzern im Vinyl bestraft. Zudem kitzelt der manische Sammeltrieb Charaktereigenschaften hervor, die friedliebende Menschen nie in sich vermutet hätten: Der Konkurrent, der einem ein begehrtes Objekt vor der Nase wegschnappt, wird mit bohrender Abneigung betrachtet, genau wie der Grobian, der LPs im Laden in garstiger DJ-Manier wie bloße Werkzeuge behandelt. Man lebt im Rhythmus von Plattenbörsen und zu unchristlicher Zeit beginnenden Flohmärkten, bei denen man den unberechenbaren Launen der Dealer ausgesetzt ist. Und doch gibt es fast nichts Erfüllenderes, als plötzlich eine Platte in Händen zu halten, nach der man lange gesucht hat. Oder eine gänzlich unbekannte Scheibe mit dem Kitzel des Risikos zu erwerben und zu Hause gespannt auf den Plattenteller zu legen: ein Gefühl wie Geschenke auspacken am Weihnachtsabend.

Kein Zweck, es noch weiter zu leugnen: Ich rede von mir selbst – der ich seit über 25 Jahren begeisterter und unverbesserlicher Plattensammler bin. Schade, dass es kein Beruf ist. Denn eine Lebensaufgabe, die ist es allemal.

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