Wie es ihr gefällt : Aus den Sphären in die Städte

Frickeln und fiepsen: Das Festival "Wie es ihr gefällt" würdigt den Beitrag von Frauen zur elektronischen Musik.

Jenny Zylka
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Aufbruch. Antye Greie (hinten) und Gudrun Gut treten auf dem Festival erstmals mit ihrem neuen Projekt Baustelle auf. -Foto: Promo

Musikalische Kompositionen von Frauen, so tratscht man, unterscheiden sich oft vor allem durch das Ende von denen ihrer männlichen Kollegen: Komponistinnen scheint ein orgiastischer, alle Instrumente noch mal in Hochform fordernder Abschluss nicht allzu wichtig zu sein. Ob daran Wahres ist, oder nur ein um-die-Ecke-gedachtes altes Vorurteil in Sachen Höhepunkt-Vehemenz aufgewärmt wird, ist nicht bekannt.

Der Musikerin, Komponistin, DJ, Labelchefin und Produzentin Gudrun Gut sind solche Gerüchte natürlich schnurz. Frau Gut verteilt seit den späten siebziger Jahren kreativ und kompromisslos ihre Kunst, hat als Mitglied von Mania D, den Einstürzenden Neubauten und Malaria Industrialsounds und Kunst lange vor der größtenteils poppigeren Neuen Deutschen Welle in eigenwillige, glänzend harte Musik integriert. Sie hat das auf Elektromusikerinnen fokussierte Label „Monika Enterprise“ gegründet, mit Myra Davis oder Barbara Morgenstern kooperiert und mit der Radiosendung „Ocean Club“ zusammen mit Thomas Fehlmann ein verlässliches Forum für atmosphärische Clubsounds etabliert. Außerdem versteht sie sich auch noch auf das Visualisieren ihrer Ideen: Hin und wieder kann man ausdrucksstarke Bilder und Installationen von ihr bewundern.

Dass das über die Jahre etwas eingestaubte Musikerinnen-Festival „Wie es ihr gefällt“ nun zwei Wochenenden lang unter der Überschrift „Unter Strom“ endlich einmal elektronische Musik zum Thema macht, freut auch Frau Gut. Obwohl es beim groovy Krachmachen „natürlich um die künstlerische Individualität, und nicht nur ums Geschlecht gehen sollte“, erklärt die Komponistin im Interview. Denn auch in der elektronischen Musik, für deren Liveaufführung – durchaus frauenfreundlich – brummende Verstärkertürme und breitbeiniges Gitarrengegniedel weniger wichtig sind als beim landläufigen Testosteron-Rocken, findet man sehr viel weniger Frauen als Männer. Umso nötiger, mal ein Best of zusammenzustellen.

Am letzten der vier Festivaltage steht ein Konzert des neuen, gemeinsamem Projekts von Gudrun Gut und der in Finnland lebenden deutschen Künstlerin Antye Greie an. Es heißt „Baustelle“, ein Name, der sich allerdings nicht nur „aufs Häuserbauen bezieht, sondern ein Überbegriff dafür ist, dass man ja irgendwo immer ein paar Baustellen hat, sozusagen work in progress.“ Ihre Tracks schickten sie zwischen Berlin und Finnland hin und her und erschufen dabei einen industriellen, harten Sound – „definitiv keine leichte Kost“, sagt Gut.

Die beiden Musikerinnen kennen sich schon aus Antye Greies Zeiten mit dem Duo Laub. Greie, die aus Halle stammt und lange in Berlin lebte, realisiert seit den neunziger Jahren sprachlastige, poetische Soundinstallationen mit Partnern wie dem Filmmusiker Craig Armstrong oder der französischen Komponistin Éliane Radigue. Solo ist sie unter dem Kürzel AGF unterwegs.

Toll ist, wie Baustelle „Wir bauen eine neue Stadt“ von Palais Schaumburg covern. Das Stück war ursprünglich von einem Paul-Hindemith-Kinderspiel inspiriert, es hämmert und scheppert ordentlich, während Palais-Schaumburg- Bläserfetzen als Samples über Greies Neuanfangparolen wehen: „Gibst du mir Wasser, rühr ich den Kalk“. In „Make it work“ klingt der Beat mindestens wie der Motor eines Schaufelradbaggers, dazu raunt eine kühle Frauenstimme „Break it down. Build it up.“. Und die verzerrte Gitarre in „Cutting Trees“ sägt sich schwerelos in die kerligste aller Botanikregionen: Das Bäumefällen.

Das Konzert wird eine Premiere für die beiden Musikerinnen sein, deren gemeinsame Platte gerade von Greie gemixt wurde, als visionärer und genderunabhängiger Frauenbaustellensound.

Auch bei elektronischer Musik geht es um Sichtbarmachen. Obwohl manche der Pionierinnen, deren Werke auf dem Programm des Festivals stehen, eine Fülle an hochinteressanten Kompositionen zurückgelassen haben, wird ihre Kunst meist noch seltener aufgeführt als die der männlichen Kollegen. Die auch in Musikkreisen weitgehend unbekannte, in Leipzig geborene und 1944 in New York verstorbene Avantgarde-Komponistin Johanna Magdalena Beyer schrieb bereits im Jahr 1938 eines der ersten großen Werke der elektronischen Musik: „Music of the Spheres“ wird beim Festival von Laura Gallati auf einem Moog-Synthesizer dargeboten. Es kann mit akustischen oder elektronischen Instrumenten gespielt werden. Ein damals revolutionärer Ansatz, denn der Begriff „Elektronische Musik“ wurde erst in den fünfziger Jahren geprägt, als man in der Erwartung einer vollautomatische Zukunft, in der der Weltraum besiedelt und die Wohnungen mit Haushaltsrobotern ausgestattet sein würden, alles Gute in der Maschinenwelt vermutete.

Von der Rrriot-Girrls-Bewegung beeinflusste Bands wie Mädchenzimmer oder das dezibelstarke, rotweinaffine Berliner Hardcore-Noise-Duo Cobra Killer stehen für die lebendige, unvoreingenommene Präsenz der Szene. Dass der Berliner Produzent und Künstler Jan Jelinek vor ein paar Wochen in einer Kreuzberger Galerie eine Installation mit verschollenen Werken einer angeblichen Elektronik-Komponistin namens Ursula Bogner gezeigt hat, deren brachial-fiepsiges Audio-Oeuvre er entweder tatsächlich entdeckt oder sich nur wohlmeinend ersonnen hat, ist eine Faust-aufs-Auge-passende Randanekdote: Frauen werden in der elektronischen Musik so sehnlichst erwünscht, dass man sich auch schon mal eine ausdenken darf.

„Wie es ihr gefällt“: Fr/Sa 13./14.3., Pfefferwerk und Fr/Sa 19./20.3, Maria am Ostbahnhof. Konzert von Baustelle: Sa 20.3., 20.30 Uhr. Infos: www.wieesihrgefaellt.de

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