Young Euro Classic : Jugend verzehrt sich

Warum kann der 25-jährige Pianist Michael McHale zwar so federleicht und beseelt spielen wie, sagen wir, Lang Lang, aber kein Mensch kennt ihn? Nordirland beim Festival Young Euro Classic.

Christiane Peitz

Manchmal ist es bei „Young Euro Classic“ wie bei der Eröffnung der Olympischen Spiele, wenn die Länder mit Flagge und Landeseintracht einziehen. Wo sonst in der globalisierten Welt kann man heute noch die Vielfalt der Nationalcharaktere bestaunen? Und wo sonst wie beim Studentenorchester-Festival im Berliner Konzerthaus darf man so unverblümt die eigenen Voreingenommenheiten überprüfen? Die Profi-Orchester sind längst so international besetzt, dass regional geprägte musikalische Eigenheiten per se obsolet sind. Bei den Jugendorchestern dagegen besteht zumindest eine Chance auf unglobalisierte Homogenität.

Also: Haben die Asiaten eine andere Lesart von Beethoven als wir? Warum sind über 80 Prozent der Taiwanesen beim Eröffnungskonzert Frauen? Wieso stylen sie sich weit weniger als die chinesische Jugend? Was werden die Aserbeidschaner mit Mozart anstellen? Und wieso lieben alle russische Spätromantik – weil Jugend sich weltweit gern verzehrt? Weiter: Warum kann der 25-jährige Pianist Michael McHale aus Nordirland zwar so federleicht und beseelt spielen wie, sagen wir, Lang Lang, aber kein Mensch kennt ihn? Und wieso klingt die keltische Pentatonik so köstlich fernöstlich?

Also Nordirland. Ja, es sind Rothaarige darunter, nein, sie sehen nicht rebellisch aus und sie spielen auch nicht so unter Leitung des Japaner Takuo Yuasa. Was man ihnen kaum verdenken kann: Das 1993 gegründete Ulster Youth Orchestra, das am Dienstag mit keltischen Weisen von Howard Ferguson und der jungen Komponistin Deirdre McKay, mit Rachmaninows „Rhapsodie über eine Thema von Paganini“ und Schostakowitschs Fünfter sein „Young Euro Classic“-Debüt gab, ist das einzige Profi-Orchester Nordirlands. Eine junge, kaum ausgereifte Orchesterkultur: kein Wunder, bedenkt man die Jahrzehnte des Bürgerkriegs und der Gewalt, die alle Bereiche der Gesellschaft tangierte. Wer Talent hatte, ging nach Dublin oder gleich nach London.

Die Patzer der Hörner oder die Intonationsprobleme der Flöten lassen sich jedenfalls kaum ignorieren. Das Irrlichternde bei Rachmaninow ist nicht ihre Sache, auch nicht Schostakowitschs bizarres Scherzo-Trio oder die schockgefrorene Trauer des Largos. Dafür entschädigt die Verve, mit der sich das Ensemble in die Tutti hineinschleudert – auch wenn das Laute nun mal einfacher ist als das Zarte. Michael McHale bleibt die Entdeckung des Abends: ein Kobold, der über die Tasten huscht. Jubel für die Jugend aus Ulster. 

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