Kultur : Popanz und Programm

Rätselkunst für Fortgeschrittene: David Lynch erkundet in „Inland Empire“ die Grenzen des Kinos

Marius Meller

Ein fahles Interieur, eine US-amerikanische Kleinbürgerwohnung. Ehemann und Ehefrau haben Hasenköpfe. Sie tun nichts Besonderes. Ein Hase steht auf, geht zur Tür, lässt einen dritten Hasen herein – und schon hat man eine Geschichte. Nein, weniger eine Geschichte, (denn sie könnte auf tausend Arten weitergehen), eher eine Allegorie. Aber bevor man womöglich auf die Idee kommt, dass hier das amerikanische Menschenbild auf den Punkt gebracht wird (obenrum ein frommes Wesen, untenrum Sex und Gewalt), tönen die Lacher-Konserven von Band, wie in US-Sitcoms üblich. Also gefriert dem Zuschauer das eigene Lachen in der Kehle.

Was passiert noch in den 172 Minuten von „Inland Empire“, die einem wie eine halbe Ewigkeit vorkommen? Das Übliche aus dem Lynch-Kosmos: Personen, die sich ineinander verwandeln, polnische Huren, die dem Bösen begegnen, ein Film im Film mit einer großartigen Sterbeszene, der Satan als Popanz und so weiter und so weiter.

Die Hasenszene: ein typischer LynchTrick, den er sich bei Autoren wie Kafka abgeschaut hat. Lynch liest Kafka, sagt er, wenn er sich „amüsieren“ will. Ein Zyniker? Jeder Künstler hat das Recht, Rätsel zu produzieren, für deren Lösung er nicht zuständig ist. Was nicht heißt, dass das Rätsel nicht lösbar wäre. Die Interpretation ist Sache des Zuschauers, seine Chance zur Erkenntnis – das gehört zum Spiel, bei Kafka wie bei seinem späten filmischen Nachkömmling David Lynch. Der sagte in einem Interview: „Tote Autoren kann man ja auch nicht nach dem Sinn ihrer Kunstwerke fragen.“

David Lynch gibt sich überhaupt bedeckt, wenn Fragen konkret werden – oder privat. Jeder im Filmbusiness kennt die Anekdote, warum Isabella Rossellini ihn verlassen hat: wegen einer toten Maus im Familienkühlschrank, die er für eine Installation brauchte. Eigentlich auch eine typische Lynch-Story; nur wird sie von Frau Rossellini erzählt.

Für die in der Tat geniale Schauspielerin Laura Dern, die schon in Lynch-Klassikern wie „Wild at Heart“ und „ Blue Velvet“ an der Seite von Rossellini brillierte, hat sich der Filmemacher mit einer echten Filmkuh und einem großen Plakat an eine Kreuzung in Los Angeles gestellt. So wollte er auf ihre einzigartige Leistung in „Inland Empire“ hinweisen, weil ihm der Aufwand für die Oscar-Einreichung zu kostspielig schien. Eine nette Geste. Leider – und das hätte wohl auch die Academy nicht anders gesehen – wird auch eine brillante Einzelleistung von einem nicht gelungenen Film bisweilen überdeckt. Und der neue Lynch ist nicht gelungen, auch wenn dies dem überzeugten Lynch-Fan nicht leicht über die Lippen kommt.

In Lynch-Filmen gibt es meistens eine Leitmetapher. In „Lost Highway“ (1997) war das der US-amerikanische Highway selber – er stellte eine Allegorie für die Inbesitznahme und „Zivilisierung“ des Kontinents dar. Diesem Highway kann man folgen – oder ihn verlieren, so wie mitunter die Protagonisten des Films. Ebenso fungierte der „Mulholland Drive“ im gleichnamigen Film von 2001 als Leitmetapher. Er ist die schönste Aussichtsstraße in Hollywood und eine teure Wohngegend. Aber er erinnert auch an den Ingenieur William Mulholland (1855–1935), der durch sein Bewässerungssystem Los Angeles erst urbar machte. „Mulholland Drive“ versuchte, das magische Zentrum von Amerikas Traumfabrik zu dekonstruieren – der Film wies diskret, im Gewand eines Pseudo-Horrorfilms, auf das in der US-Kultur Verdrängte hin.

In „Inland Empire“ nun untersucht Lynch die Wechselwirkung von altem Europa und neuem Amerika. Und verlegte deshalb einen Teil der Handlung, die mit Doppelgängermotiven und Identitätstausch arbeitet, nach Polen. Doch in diesem Film franst seine Bildsprache seltsam aus. Der Regisseur fungiert über weite Strecken selbst als Kameramann mit einer (veralteten) Digital-Handkamera. So faszinieren zwar einige Einstellungen ästhetisch – aber über der Aufkündigung der bewährten Arbeitsteilung zwischen Kamera und Regisseur geraten Form und Rhythmus aus den Fugen.

Zudem wirken die Kunstgriffe, die Lynch erfunden oder weiterentwickelt hat (subfrequenter Soundtrack, Weißblenden, Spiele mit dem Fokus), wie bloße Selbstzitate. „Lost Highway“, „A Straight Story“ (1999) und „Mulholland Drive“ waren kristallklare Montagen, rationale Kalküle, die aufregend irrational sind. „Inland Empire“ aber wirkt wie die Wiederverwendung von weggelassenen und notdürftig zusammengefügten Filmschnipseln.

Laura Dern agiert in einer – in traditioneller Filmtechnik aufgenommenen – Schlüsselszene tatsächlich oscarreif. Aber oft wirkt sie inszenatorisch alleingelassen. Jeremy Irons als fiktiver Filmregisseur und Justin Theroux als fiktiver Hauptdarsteller jenes Films, der im Film namens „Inland Empire“ gedreht werden soll, spielen gut, aber sie alle hängen irgendwie in der Luft.

Müssen wir uns Sorgen um den Lynch’schen Kreativitätsfluss machen? Nein. Schon mit „A Straight Story“ hat Lynch gezeigt, dass er seine Filmsprache auch wechseln kann, wenngleich es auch dort typische Lynch-Szenen gab. Und schließlich hat er einmal „Dune – Der Wüstenplanet“ (1984) mit David Bowie gedreht, der ebenso Experiment wie totaler Reinfall war. „Inland Empire“ wirkt, als wolle hier einer ein Kapitel abschließen. Hoffentlich brütet Lynch längst wieder etwas aus, was uns verzaubern wird – wie seine stärksten, seine unsterblichen Filme.

Ab Donnerstag in den Hackeschen Höfen (OmU), International, Kulturbrauerei, Neues Off, Odeon (OmU)

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