Kultur : Popbarock

Daniel Völzke

Manchen Bildern ist mit Sprache nicht beizukommen. Ein Zeitgenosse des holländischen Malers Hieronymus Bosch kapitulierte, als er dessen um 1504 entstandenes Triptychon „Der Garten der Lüste“ sah: „So angenehme und phantastische Dinge, dass man sie denen, die sie nicht gesehen haben, auf keinste Weise beschreiben kann!“

Mit seltsamen Dingen und Kreaturen sind auch die bei Goff + Rosenthal ausgestellten Bilder des Berliner Malerpaars Maike Abetz und Oliver Drescher bevölkert. „Brave New World“ nennen sie etwas einfallslos ihre Ausstellung (bis 12. Mai, Brunnenstraße 3). Die schöne, neue Welt gleicht der angenehm-phantastischen Boschs: zerbrochene, horizontlose Landschaften, rätselhafte Symbolik und Figuren; die Welt ein Gleichnis. Abetz/Drescher entheben sie dem biblischen Zusammenhang – heute spendet Pop die Mythen und Bilder. Blasse, junge Menschen träumen vor sich hin, halten Stromgitarren in der Hand, legen Platten auf, posen. Ihre Lethargie wird kontrastiert durch Knochenmänner, Bomber, Erhängte, umherliegende Waffen oder einem mit der Schlange kämpfenden Laokoon. Pop macht jede Wirklichkeit zum Zeichen und schüttelt alles durcheinander. Abetz und Drescher, 1970 und 1969 geboren, schütteln mit ihren hellen Farben und zarten Pinselstrichen kräftig mit: Tanzen dort befreite Körper oder winden sie sich im Schmerz? Träumt die Rothaarige unter ihren langen Wimpern oder ist sie längst tot? Doch die Lust an den Mehrdeutigkeiten wird bald von allzu kryptischer, raunender Metaphorik zu Fall gebracht. Hier stehen zerschlagene Spiegel auf einer Staffelei und Schachfiguren auf kaltem Stein, dort leuchtet alchemistischer Hokuspokus herüber und allenthalben flattern Raben ums schwermütige Haupt. Sprachlos wird der Betrachter hier nicht, weil er überrascht wird, sondern weil er vieles schon zu oft gesehen hat (Preise zwischen 5 000 und 26 000 Euro).

Einige Schritte entfernt von diesem Popbarock, in der Produzentengalerie Diskus , holt die Künstlerin Susanne Starke das Nirgendwo Boschs buchstäblich in die Gegenwart: Die 33-jährige Dresdnerin baut mit zwei Gipsskulpturen Wesen aus der Mitteltafel des „Gartens der Lüste“ nach, beinahe lebensgroß und lebensecht (bis 12. Mai, Brunnenstraße 196). Eine nackte, behaarte Frau sitzt auf dem Boden und schaut seltsam ausdruckslos oder vielleicht auch erstaunt eine rote Frucht an, die sie aus einem Gefäß zwischen ihren Beinen nimmt („Frau mit Frucht“ 12 000 Euro). Unter einem zeltartigen Baumstamm, aus dem kahle Zweige ragen, stehen zwei Gestalten („Baum“ 15 000 Euro). Man sieht nur ihre Beine und einen Rücken. Kann sein, sie umarmen sich, kann sein, dass sie gefangen sind. Susanne Starke überlässt die Figuren sich selbst und dem leeren Raum. Verbannt aus ihrem Garten, erstarrt wie ein Baum, werden sie – je länger man schweigend bei ihnen steht – größer, abgründiger, anrührender. Alttestamentarische Schwere macht sich breit. Eine Stille vor jedem ersten Wort.

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