Kultur : Popcorn aus Betonmischern

Sailstorfer, Ondák, das wahre Leben: Was Berlins MUSEEN und KUNSTRÄUME sonst noch zu bieten haben.

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Sprengstoffe. Michael Sailstorfers „Forst“ (oben) und eine Arbeit von Jim Avignon im Bethanien.
Sprengstoffe. Michael Sailstorfers „Forst“ (oben) und eine Arbeit von Jim Avignon im Bethanien.

In der Berlinischen Galerie drehen sich über den Köpfen des Publikums fünf große Bäume, die Michael Sailstorfer noch dazu überkopf installiert hat. Der „Schwarzwald“ wiederum, ein artifizielles Quadrat irgendwo auf einer Lichtung, löst sich vor den Augen der Besucher auf; der Berliner Künstler lässt den Prozess in Echtzeit von einer Kamera beobachten. Tauschgeschäfte der künstlerischen Art: Natur landet im Museum, ein abstraktes Motiv findet sich im Wald. Von Dauer ist beides wohl nicht.

Pünktlich zur Eröffnung der Berlin Biennale und zum Gallery-Weekend präsentieren auch die etablierten Kunstinstitutionen der Stadt besondere Ausstellungen – als sei ess eine große, konzertierte Aktion für das Zeitgenössische. So widmet die Berlinische Galerie Michael Sailstorfer eine Einzelausstellung zur Verleihung des „Vattenfall Contemporary 2012“ am gestrigen Mittwochabend. Der Künstler hat unter anderem bei Olaf Metzel studiert, er nutzt die teils brachialen Methoden seines Lehrers konsequent für die eigene Arbeit, sprengt die räumlichen Beschränkungen mit motorisierten, laut und gefährlich rotierenden Skulpturen, sprengt auch Bäume oder lässt aus lauten Betonmischern zartes Popcorn herausfallen. Wie sehr seine widerständigen Eingriffe geschätzt werden, davon zeugen die zahlreichen Stipendien und Förderpreise des 1979 Geborenen. (Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124 - 128, Mi - Mo 10 - 18 Uhr. An diesem Freitag öffnet das Haus wegen des Gallery Weekends bis 21 Uhr).

Begonnen hat alles im Lovelite, jenem Friedrichshainer Club, der dem jetzigen kunstsinnigen „Autocenter“-Betreiber Maik Schierloh gehörte. Kein Wunder, dass man schon dort Sympathien für ein Kunstprojekt hegte und zur ersten Heimat von Party Arty wurde. Das alte Lovelite ist Geschichte, die aktuell von Jan Kage alias Janeq organisierten Clubnächte gibt es an wechselnden Orten. Grund genug, sich auf ein schräges Jubiläum einzulassen und den 9. Geburtstag von Party Arty mit einer Retrospektive zu feiern. Bis zum 10. warten? Dann wäre man ja wie alle anderen.

Die Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien trägt den Untertitel „Kunst im Leben – Leben in Kunst“. Neben Arbeiten von Jim Avignon, Christian Awe, Marc Bijl, Laura Bruce, Marcus Sendlinger oder Superblast bietet sie Performances und Konzerte. Damit das Motto aber bis ins Detail stimmt, lebt Janeq zusammen mit der Videokünstlerin Anina Brisolla sieben Wochen lang in zwei Ausstellungsräumen, die seiner Wohnung ähneln. Ob Alltag und (Kreativ-)Arbeit auf diese Weise verschmelzen, kann ab Freitagabend jeder selbst herausfinden (Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, Eröffnung am 27. 4., ab 19 Uhr. Bis 17. 6. tgl. 12 -19 Uh

Ein „Künstler des Jahres“ muss viele Erwartungen erfüllen. Für das Deutsche Guggenheim ist die Schau des von der Deutschen Bank ausgezeichneten Künstlers ein Highlight in ihrem letzten Berliner Jahresprogramm. Von Roman Ondák wiederum, der als Preisträger ein aufwendiges Werk realisieren kann, ist man autonome, sperrige Arbeiten gewöhnt. Was nicht unbedingt für einen Publikumsrenner spricht. Typisch für Ondák ist allerdings auch jener subtile Humor, mit dem er komplexe Themen verblüffend simpel aufschlüsselt. Dass viele seiner Werke weniger nach Kunst als nach „einem Fehler im System“ aussehen, ist durchaus beabsichtigt. Ondáks Interessen? Raumfahrt, die Mechanismen der Überwachung und räumliche Grenzen, die der 1966 in der Slowakei Geborene auch in dieser Ausstellung überwindet. „Do not walk outside this area“, so der Titel der Schau, die am Mittwochabend eröffnet wurde und Papierarbeiten wie Installationen zum Thema Reisen versammelt – rund um den originalen Flügel einer Boeing 737-500. (Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13-15, bis 18.6., tgl. 10-20 Uhr).

Auch der Hamburger Bahnhof lässt sich nicht lumpen. Die schwarze Halle mit den aufregenden Lichtskulpturen von Anthony McCall verlangt ein ebenso geduldiges Auge wie die Schau „Weißes Feld“ mit Gemälden des chinesischen Künstlers Qiu Shihua. Mehr dazu auf Seite 27.

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