Popgeschichte : Jamaica Social Club

Schön langsam: Ein Dokumentarfilm entdeckt das Pop-Phänomen des „Rocksteady“ neu.

Bodo Mrozek

Wer Musik schreiben will, braucht zwei Dinge: Handwerk und Talent. Um Musikgeschichte zu schreiben, reicht manchmal auch ein kleiner Witz. Als der jamaikanische Musiker Hopeton Lewis 1966 „Take it Easy“ aufnahm, ging ihm alles ein wenig zu schnell. „Macht mal etwas langsamer“, rief er seinen Musikern zu. „Der Junge hier ist ein richtiger Rocksteady“, rief einer der Musiker aus: ein Bremsklotz des Rock. Wenig später war „Take it Easy“ einer der größten Hits in der Geschichte der karibischen Musik – und Rocksteady wurde zum Namen eines Genres, das Popgeschichte schrieb.

Diesen Ursprungsmythos erzählt Lewis in dem Dokumentarfilm „Rocksteady – The Roots of Reggae“ des Schweizer Filmemachers Stascha Bader. Der große alte Mann der jamaikanischen Musik ist an den Ursprungsort Kingston zurück gekehrt, um mit einigen alten Kollegen eine Wiedervereinigung des Rocksteady zu zelebrieren. Das Lied selbst rief nicht nur zur Kontemplation auf: Kingston bewegte sich einfach zu schnell in den Sechzigern, sagt der Musiker Stranger Cole in dem Film. Die Explosion der Stadt zur Metropole führte zu Slumbildung und Kriminalität. In den Shantytown genannten Ghettos bildeten sich Banden, die sogenannten Rude Boys, von denen einige der Rocksteady Songs handelten, allen voran das Stück „Shanty Town (007)“.

Für eine kurze Periode löste der Rocksteady als Tanzmusik den schnelleren Ska ab. Viele Reggae-Musiker begannen ihre Karriere mit Rocksteady-Stücken. „Es war eine warme und liebevolle Musik, die sich auch besser zum Paartanz eignete als der Reggae“, sagt etwa Bob Marleys Frau Rita im Film. Auch die Technik des Rap hat einen Ursprung im Rocksteady, wo man den Sprechgesang „Toasten“ nannte.

Die Dokumentation lässt Legenden wie Ken Booth, Leroy Sibbles, Judy Mowatt oder die Tamlins ihre Geschichte erzählen. Damit stellt sich der Film, der von einem neu eingespielten Musikalbum begleitet wird, in die Tradition von Wim Wenders „Buena Vista Social Club“. Ein ähnlicher Erfolg wäre ihm zu wünschen. Denn ungeachtet seiner stilprägenden Bedeutung blieb der Rocksteady vergleichsweise unbekannt – und das, obwohl er selbst hierzulande in die Hitparade kam. Die Popgruppe Boney M., erfunden vom Produzenten Frank Farian, hatte mit „By the Rivers of Babylon“ 1978 ein lupenreines Rocksteady-Stück für die Tanzflächen der Discobewegung aufpoliert und war damit auf die Fernsehschirme in so ziemlich jedem deutschen Wohnzimmer vorgedrungen.

Der Text beruht auf einem Psalm aus der Bibel. Die Musik aber hatten zwei Künstler geschrieben, die aus einer der musikhistorisch produktivsten Gegenden der Welt kamen: aus den Armenvierteln von Kingston, Jamaica.

Der Film ist am heutigen Montag um 21 Uhr in einer Sneakpreview im BabylonKino zu sehen. Im Anschluss Release-Party für die gleichnamige, bei Moll-Selekta am 28. 8. erscheinende CD im Bohannon, Dircksenstr. 40 (Mitte).

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