Kultur : Popkomm: Musik ist kein Thema

Steffen Irlinger

Eigentlich ist es jedes Jahr dasselbe Spielchen. Tausende von Führungskräften der Musikindustrie pilgern nach Köln am Rhein in der Absicht, dicke Geschäfte anzubahnen, neue Märkte zu erschließen oder strategische Bekanntschaften zu machen. Aufgeregt eilen sie tagsüber durch die Messehallen, halten Ausschau nach Menschen, die aussehen, als könnten Sie irgendwann mal von Nutzen sein, fixieren angestrengt die Ausweise der anderen Messeteilnehmer und sammeln unermüdlich Visitenkarten ein. Am Ende des Tages landen dann alle sturzbetrunken in Diskotheken oder an den zahlreichen Hotelbars, schimpfen über die hektische Messe und betreiben ein bisschen Kulturpessimismus. Wirklich wichtige Abschlüsse werden hier eher nicht getätigt. Dafür ist die Midem in Cannes zuständig. Und trotzdem wird im nächsten Jahr exakt dasselbe Schauspiel erneut aufgeführt.

Die Popkomm ist nicht nur eine Messe, sondern vor allem ein Anlass, sich einmal im Jahr so richtig gehen zu lassen. Trotzdem kann man nirgendwo besser als hier Stimmungen und Eindrücke einfangen, mit denen sich der ungefähre Zustand der Musikindustrie beschreiben lässt. Dieses Jahr standen die Zeichen auf Rezession. Nur einer hatte davon nichts mitbekommen. Jean Marie Messier, Chairman von Vivendi Universal, dem zweitgrößten Medienkonzern der Welt, weigerte sich in seiner Eröffnungsrede beharrlich, dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die deutsche Musikindustrie im vierten Jahr in Folge mit Umsatzeinbußen zu kämpfen hat. "Die Branche schwelgt immer noch in Schönrednerei und ist nicht fähig zur Selbstkritik", meint dazu Manfred Tari vom Onlinedienst Pop 100. Die Zahlen sprechen jedoch für sich. Der Bundesverband der phonographischen Industrie meldet für das Jahr 2000 einen Umsatzrückgang von über zwei Prozent, und für das erste Halbjahr 2001 ist sogar inoffiziell von Einbußen im zweistelligen Prozentbereich die Rede. Durch das illegale Brennen von CDs ist der Industrie laut Jahresbericht eine Milliarde Mark entgangen. Das hinterlässt Spuren: die Firmen Universal, EMI und Edel haben im letzten Jahr Dutzende von Mitarbeitern entlassen, und die diesmal nur noch dreitägige Fachmesse Popkomm muss nach zwölf Jahren stetigen Wachstums erstmals einen Rückgang der Ausstellerzahlen vermelden.

Schon im vergangenen Jahr hatte sich die Krise angedeutet. Damals stand die Messe noch ganz im Zeichen der allgemeinen Internet-Euphorie. Firmen mit lustigen Namen wie www.dotcom leisteten sich größere Stände als die "Big Player" der Musikindustrie. Man konnte den Eindruck gewinnen, die Stars der Internet-Ökonomie, Firmen wie MP 3 oder Napster, würden die traditionelle Old Economy der Musikbranche übermorgen zum Frühstück verspeisen. Es ist bekanntlich ganz anders gekommen. MP3 wird dieser Tage von Vivendi Universal aufgekauft, die Tauschbörse Napster von Bertelsmann zum gebührenpflichtigen Anbieter umgebaut und 98 Prozent der Internetfirmen aus dem letzten Jahr sind verschwunden wie Tränen im Regen. Trotzdem bleibt das Internet eines der beherrschenden Themen dieser Tage. Die Start-Up-Firmen sind verschwunden, aber das Internet ist in all seinen Facetten ein ökonomisches und kulturelles Faktum. Es wird über kurz oder lang den Umgang mit der Ware Musik nachhaltig verändern. Die Branche weiß jedoch bis heute nicht, wie sie mit den Herausforderungen der digitalen Ära umgehen soll. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis namhafte Künstler dem Beispiel des Schriftstellers Stephen King folgen und ihre Musik unter Umgehung einer Plattenfirma direkt im Netz anbieten werden. Von Seiten der Industrie, das hat auch Jean-Marie Messier erkannt, "ist jetzt Kreativität gefragt".

Auch die Popkomm hat diesem Faktum Rechnung getragen. Seit letztem Jahr hat die Messe einen virtuellen Ableger. Die Phonokomm 2001 eröffnete ihre Online-Messe bereits vor zwei Wochen und meldet stolz einen Zuwachs von rund 40 Ausstellern.

Autarke Subsysteme

Kein Zweifel: Die Branche geht schweren Zeiten entgegen. Sie muss sich jedoch nicht nur mit der virtuellen Bedrohung des Internet, einbrechenden Umsatzzahlen und raubkopierenden Schülern herumschlagen, sondern sieht sich auch mit einem immer deutlicher absehbaren musikalischen Innovationsmangel konfrontiert. Two Step, der letzte Trend, der inhaltlich innovativ und kommerziell verwertbar schien, hat sich ohne große Spuren wieder in den Underground verabschiedet. Die wirtschaftliche und ästhetische Dynamik der Technokultur, die zusammen mit der Einführung der CD Mitte der achtziger Jahre den Weg aus der letzten großen Krise der Musikindustrie führte, hat deutlich nachgelassen. Die Vinylverkäufe beim Hoffnungsträger "Deutscher Hip Hop" sind dramatisch eingebrochen und der dringend benötigte musikalische Innovationsschub ist nicht in Sicht. Die wenigen ästhetisch viel versprechenden Neuerungen spielen sich in mittlerweile fast autark zu nennenden Subsystemen ab, die auf die Segnungen der Major-Industrie gerne verzichten und gut ohne Marktforschung und Produktmanagement auskommen.

Musik ist bei den Herren Stein oder Messier jedoch kein ernstzunehmendes Thema. Hier wird weiterhin über Kopierschutz, die Einführung des Euro und kostenpflichtige Tauschbörsen debattiert, und Jean-Marie Messier sieht im Internet nichts weniger als den künftigen Motor der Musikindustrie. Einige ganz kühne Denker glauben sogar, dass die virtuelle Popkomm der physischen bald den Rang ablaufen könnte. Warum auch nicht: Die Tatsache, dass auf den Konzerten auch normale Konsumenten herumstehen, nervt sowieso nur, Geschäfte lassen sich auch prima online abwickeln, und wer sich jemals einem durchschnittlichen Popkomm-Panels ausgesetzt sah, kann auch darauf gut verzichten. Bei der rasanten Weiterentwicklung des Internet ist sicher auch das größte Problem einer virtuellen Popkomm bald gelöst: Man kann sich momentan noch so schlecht online betrinken.

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