Kultur : Popkultur: "Dann lassen wir uns suchen, übers Radio"

Heiko Zwirner

Das urbane Leben ist von paradoxen Erfahrungen geprägt. Ob im Verkehr, bei der Arbeit oder in der Freizeit, stets ist der Großstadtbewohner von Mitmenschen umringt, wird angerempelt oder muss sich hinten in die Schlange stellen. Das kann ihm nicht gefallen. Deshalb neigt er dazu, sich einsam und isoliert zu fühlen. In keiner anderen Stadt ist der Verlust sozialer Kontinuität so virulent wie im Berlin der Nachwendezeit, insbesondere innerhalb einer Generation von 20- bis 30-Jährigen, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben. Nirgendwo gibt es mehr Singles und mehr gescheiterte Beziehungen. Oft ist der Geschmack, über den man sich eine soziale Zugehörigkeit konstruiert, die einzige Konstante im Leben. Um der Einsamkeit und der Isolation aus dem Wege zu gehen, verbringt der spätjugendliche Berliner, der sich mit Teilzeitjobs über Wasser hält, den größten Teil seiner Freizeit in obskuren Bars und Clubs, vorzugsweise in solchen ohne Ausschanklizenz. Zugleich spiegelt die Musik, die an diesen Orten gespielt wird, seinen Lebensalltag und hilft ihm, sich ein diffus-romantisches Wir-Gefühl zu erträumen: Wir sind anders und wir sind stolz darauf, lautet die Botschaft.

Das subkulturelle Geschehen in Berlin hat Ende der 90er Jahre seine Blüte erlebt. Die S-Bahn-Verbindung zwischen dem Alexanderplatz und dem Zoologischen Garten glich einer unsichtbaren Demarkationslinie zwischen der guten und der schlechten Mitte. In der schlechten Mitte zwischen dem Potsdamer Platz und Unter den Linden errichtete man repräsentative Gebäude und bereitete sich auf die große Weltpolitik vor. In der guten Mitte zwischen der Chausseestraße und dem Rosa-Luxemburg-Platz wartete das Abenteuer - man trank billiges Bier in leerstehenden Ladenlokalen und schmutzigen Kellern, lauschte den Sounds von überalterten analogen Synthesizern oder Pop-Maxis aus den 80er Jahren.

Das Typische an der Musik, die man in längst geschlossenen Clubs wie der Galerie Berlintokyo und dem Kunst Technik hören konnte, war ihr Abwechslungsreichtum. Als verbindende Elemente konnten allenfalls eine gewisse Affinität zu altertümlichen Instrumenten gelten, die andere Musiker längst weggeworfen hätten, und ein Hang zum Kleinteiligen, Skizzenhaften, Miniaturesken. Inhaltlich war die Musik der guten Mitte von einem rigorosen Privatismus bestimmt, der die Maßgaben impressionistischer Alltagserfahrungen vor die politischen Zusammenhänge stellte. Indem er Momente des individuellen Glücks besang, versuchte er, sich über Momente depressiver Traurigkeit hinwegzuretten.

Inzwischen sind die Nächte in Berlin längst nicht mehr so abenteuerlich. Der Charme des Provisoriums ist verschwunden. Zugleich hat das öffentliche Interesse an dem, was Berlin jenseits der offiziellen Kultur der staatlich geförderten Bühnen und Museen und jenseits der Technoclubs hervorbringt, massiv zugenommen. Längst leuchten Kameras jeden Winkel dieser Stadt aus. Labels wie Kitty-Yo und Monika haben vom Bedürfnis nach einem authentischen Sound of Berlin profitiert und gezielt darauf hingearbeitet, einen Berlin-Hype zu kreieren, ohne ihre Integrität aufs Spiel zu setzen. Dieser Tage erscheint nun eine CD mit dem Titel "Berlin macht Schule". Diese in Kooperation mit dem Jugendradio Fritz entstandene Zusammenstellung versucht, jenes Wir-Gefühl zu entfachen, das einer in der Neuen Mitte angekommenen Generation eigen sein müsste. Doch der Versuch ist aus einer Reihe von Gründen völlig verunglückt.

Zum einen sind die meisten Bands an den realen subkuturellen Orten bisher kaum oder gar nicht in Erscheinung getreten und können insofern den Geltungsanspruch der CD nicht einlösen. Prägende Musiker wie die Quarks, Milch, Barbara Morgenstern oder Contriva sucht man vergebens. Zum anderen reduziert die Auswahl der Stücke, abgesehen von ein paar erfreulichen Ausnahmen wie dem Jeans Team mit seinem fulminanten Elektrorocker "Keine Melodien" oder Commercial Breakup mit ihrem MTV-Hit "Walking Back Home", die musikalische Vielfalt dieser Stadt auf einen allzu homogenen Sound: gitarrenlastiger Indiepop, der auf der textlichen Ebene kaum poetische Kraft besitzt und lediglich Banalitäten von sich gibt. In seinen besten Momenten flirtet er mit dem Charme später NDW-Produktionen, erschreckend oft jedoch erinnert er an klassischen Deutschrock im Stile eines Wolf Maahn. Zudem assoziiert der Titel so etwas wie eine Berliner Schule, was allein schon aufgrund der auseinandergerissenen Szenen, in denen hier interessante Musik gemacht wird, unsinnig ist.

Den Begriff "Berliner Schule" konnte man in den letzten zwei Jahren immer mal wieder in Clubs wie der Maria am Ostbahnhof fallen hören. Er beschreibt - in Anlehnung an das Etikett der Hamburger Schule - die Tatsache, dass Berlin Hamburg als Musikhauptstadt Deutschlands abgelöst hat. So naheliegend das sein mag, so irreführend ist es. Die Hamburger Schule entstand (wiederum in Anlehnung an die Frankfurter Schule um Horkheimer und Adorno) Anfang der 90er Jahre als Kreis von Bands wie Blumfeld, Kolossale Jugend, Die Sterne und Die Goldenen Zitronen, die in einem ständigen, konstruktiven Austausch miteinander standen. Sie definierte sich als deutliche politische Opposition gegen das Wiederaufkommen eines Nationalgefühls im Zuge der Wiedervereinigung, ihre Musik war an eine verbindliche Vorstellung einer besseren Welt gekoppelt. Von politischem Sendungsbewußstsein ist bei den Berliner Bands der heutigen Zeit - mit Ausnahme von Surrogat, die lautstark nach dem Verhältnis zwischen Ich und Staat unter den Bedingungen der Neuen Mitte fragen - wenig übrig geblieben.

Die Musik, die in dieser Stadt tatsächlich Schule macht, wird von entpolitisierten Bohemiens geschrieben, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Lebensgefühl ihrer Hörer abzubilden und die Welt ein bisschen farbiger aussehen zu lassen. Wer auf der Suche nach Dokumenten dieses Lebensgefühls ist, sollte sich die Produkte von Kitty-Yo, Bungalow oder Monika anhören. Die Platten dieser Labels lösen das ein, was "Berlin macht Schule" nur verspricht: Sie haben das Zeug, Freunde fürs Leben zu werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben