Kultur : Popmusik: Das rollt sich aus: Peter Licht

Knud Kohr

Peter Licht ist nicht auf dem Sonnendeck, als er zum vereinbarten Zeitpunkt anruft. Und auch nicht im Solarium, im Aquarium oder am Radar. Offenbar sitzt er am Fenster. "Wenn ich rausgucke, dann sehe ich eine weiße Hauswand, eine Laterne, zwei Fenster mit Jalousien und Gardinen davor", erzählt er freudig erregt. Dabei schaltet er immer wieder willkürlich einen Stimmverzerrer zu, den er an den Telefonhörer angeschlossen hat. Also man spricht nicht nur mit Peter Licht, sondern auch mit einem mäßig erzogenen Synthesizer, der immer wieder dazwischen plappert. "Jaja, ich hab Fenster hier!", bekräftigt der Interpret des derzeitigen Sommerhits "Sonnendeck" mit einer hauchzart vom Rheinischen gezeichneten Stimme. Mehr mag er über den Ort, an dem er sich befindet, nicht sagen. Und über seine Identität schon gar nicht.

Die dürfte mittlerweile allerdings hinlänglich bekannt sein. Im vergangenen Jahr spielte der 34-jährige Werbetexter Meinrad Jungblut die Single "Sonnendeck" ein, die in einer Auflage von 1500 Stück auf dem Kleinstlabel "Betrug" erschien. Irgendwann war die Auflage verkauft. Doch dann wählte die Leserschaft des "Spex" den Titel auf Platz zwei der Jahrescharts, gleich hinter Madonnas "Music": Die Nachfrage wuchs, ohne befriedigt werden zu können. Bis sich die Plattenfirma BMG erbarmte, den Künstler unter Vertrag nahm und den Titel neu herausbrachte. "Sonnendeck" stieg in die Verkaufscharts ein und wurde ein Jahr später erneut zum Sommerhit. Bei Vertragsunterzeichnung geschah allerdings etwas seltsames mit Jungblut: Sein Name änderte sich in Peter Licht, und sein Körper verwandelte sich in einen Bürostuhl, der Interviews geben und durchs Video rollen kann.

Aber über all das mag Licht kein Wort mehr verlieren. Dass wenig über seine Musik, sondern ständig über das Rätsel seiner Person geschrieben wird, erstaunt ihn mehr, als dass es ihn stört. Zeit also, über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen.

Sind Sie immer noch ein Bürostuhl?

Ich bin ein Bürostuhl. Nach wie vor.

Worauf muss man beim Kauf eines Bürostuhls besonders achten?

Es muss natürlich Qualitätsware sein. Er muss eine ausgewogene Sitzposition für den Rücken gewährleisten. Das leisten ja mittlerweile fast alle Bürostühle, wenn sie nicht alt und aus Holz sind. Vielleicht ist meine Arbeit in erster Linie ein Appell an die Generation der Mittdreißiger, sich mehr um ihre Rücken zu kümmern. Und damit die Welt ein Stück weit besser zu machen.

Auf Ihrem Album "14 Songs" reißen Sie Themen an, mit denen sich kein anderer Popmusiker zu beschäftigen traut. Im "Lied gegen die Schwerkraft" etwa heißt es: "Die Sonne kocht auch nur mit Wasser, die soll sich nicht so aufspielen. Die gelbe Sau!". Auch der Himalaya und der Kölner Dom müssen sich deutliche Worte anhören. Sind Ihre Songs Protestlieder?

Ich habe gar nichts gegen die Sonne. Es ist nur so, dass sie uns ungefragt ihren Rhythmus aufzwingt. Hier der kleine Mensch, dort die große Sonne. So was muss mal thematisiert werden. Mit dem Kölner Dom ist es genauso: Wegen seiner fast schon gottgegebenen Wuchtigkeit versperrt er die Aussicht auf den Kölner Hauptbahnhof.

Die Songs klingen, als wären sie unter höchst unterschiedlichen Produktionsbedingungen entstanden.

Ja. Das "Lied gegen die Schwerkraft" habe ich zu Hause mit meinem Diktiergerät aufgenommen, das ich immer wieder abstoppen musste. Weil ich dauernd gelacht habe. Und manchmal verabrede ich mich natürlich auch mit einigen Leuten im Studio: Keine Spontaneität mehr, sondern die Songs an festen Tagen penibel rausdrücken. Erbsenzählerisch. Nicht mehr nebenbei, aus dem Chaos heraus wie bisher.

Es hat bereits viele Mutmaßungen darüber gegeben, welche anderen Künstler Einfluss auf Sie hatten.

Einflüsse? Ich lese Versuche in diese Richtung immer mit großem Vergnügen. Einen der Leute, die bislang jedes Mal genannt wurden, kannte ich gar nicht. Andere nur dem Namen nach. Aber um die Frage jetzt doch mal abschließend zu klären: Meine Haupteinflüsse sind Chris de Burgh und Rudolf Steiner. Vielleicht ist das einfach zu offensichtlich, als dass schon jemand drauf gekommen wäre.

Irgendwann wird "Sonnendeck" sich aus den Charts verabschieden. Ist damit auch das Projekt Peter Licht beendet?

Nein. Wir suchen schon den Song aus, der als nächstes ausgekoppelt wird. Und dann werden die Leute vom Webfernsehen "Datenstrudel", die das erste Video gemacht haben, sich mit mir wieder etwas ausdenken.

Bleiben Sie ein Bürostuhl?

Das rollt sich auch mal aus auf Dauer. Aber ich habe noch so viele halbfertige Songs, dass ich noch ein weiteres Peter- Licht-Album machen werde. Vielleicht gehe ich auch auf Tournee.

Maskiert? Oder stellen Sie eine Sitzgruppe auf die Bühne, und die Musik kommt vom Band?

Nö. Im Grunde mache ich die ganze Sache mit der Identität ja nur wegen der Interviews. Wenn jeder wüsste, wer ich bin, dann müssten wir jetzt beide zum Treffpunkt durch die Gegend fahren. Und Kaffee bestellen, obwohl wir vielleicht schon ganz nervös sind.

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