Kultur : Poppen und Klicken

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Rudolf Thome ist ein Regisseur, der die Nachteile in der Entwicklung der europäischen Sittengeschichte zu seinem Thema gemacht hat. Der größte Nachteil ist die Monogamie. Andere mögen Filme über Seitensprünge drehen, stellen dabei aber die entmutigende abendländische Konvention Ein Mann - Eine Frau nicht grundsätzlich in Frage. An Filmtiteln mit solch enormen Pathos wie „Untreu“ - es ist, als stünde ein Ausrufezeichen dahinter - erkennen wir das schlechte Gewissen. Thome würde seinen Film nie so nennen. Venus.de heißt er, und sein Vorgänger nannte sich „Paradiso. Sieben Tage mit sieben Frauen.“ Die Zahlen stimmen. In „Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan“ (1997) war ein Mann gezwungen, mit nur zwei Frauen auszukommen. Und nun müssen wir genau sein.

Rudolf Thome plädiert nicht einfach für die Rücknahme des abendländischen Beziehungs-Sonderweges - ihn interessiert die Schicht darunter. Sagen wir, Thome verfilmt das Gemüt des Sexus im spätkulturellen Gehäuse. Alles spricht dafür, dass es sich in den letzten 3000 Jahren nicht wesentlich verändert hat. Thome zeichnet das Porträt eines Gefangenen, der sich ungefähr so befinden muss wie Rilkes Panther hinter den Gittern.

Eine Frau (Sabine Bach), Schriftstellerin, ein Mann (Roger Trebb), Lehrer, und zwei Kinder irgendwo auf einem ablegenen Bauernhof. Ihr Leben, eine Enklave. Sie bekommen Besuch vom Verleger der Schriftstellerin, auch Freunde sind da. Der Panther beginnt sich zu regen. Das Spiel von Anziehung und Abstoßung, einen Abend lang. Aber der Panther springt nicht, noch nicht. Man muß verstehen, dass die hier alle nur so kultiviert aussehen, um die Fallhöhe größer zu machen. Am nächsten Morgen wird Venus vom Bauernhof in die Stadt gehen, nach Berlin. Allein. Sechs Wochen in einem gläsernen Turm über der Spree, und dort schreibt sie ihren neuen Roman. Jeder kann ihr dabei zuschauen. Jeder kann mitlesen - Thome hat auch schon mal so gearbeitet.

Die Erfolgsautorin Venus Siebenberg Tag und Nacht live im Netz, allen Blicken ausgeliefert: Muss man noch sagen, dass das eine hocherotische Konstellation ist? Ungefähr so, wie es Malinowski beschrieb, als er das Geschlechtsleben der Wilden untersuchte: alle Blicke auf das kopulierende Paar in der Mitte der Versammlung gerichtet. Nur dass eine Frau am Schreibtisch vorm Computer, den Finger auf der Maustaste nicht auf den ersten Blick so wirkt wie bei Malinowski. Und darin besteht Thomes Risiko. Seine Bilder halten nicht Schritt. Ihr Risiko geht nicht auf, das Gehäuse durchsichtig werden zu lassen bis auf die Pantherschicht darunter. Wenn Sexualität im Wesen nichts anderes als Rücknahme unserer Vereinzelung ist, dann bleibt „Venus.de“ optisch doch in dieser Vereinzelung stecken. Und unser Blick mit. Die Versuchsanordnung kippt. Wir sehen mit einem gewissen Befremden Venus in Berlin ankommen und noch am allerersten Abend mit einem allerersten fremden Mann ins Bett gehen. Ja, hat eine Frau von vierzig Jahren mit Mann und zwei Kindern zu Hause nicht die Pflicht zu einer gewissen Reife der Wahl? Und: Würden wir eigentlich Bücher einer Autorin lesen wollen, die Venus Siebenhaar heißt? (Astor und Zoo Palast, Foto: moanafilm) kd

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