Kultur : Porträt: Das Gesicht des Krieges

Jana Simon

Der Tag, an dem Meik Briest sein Gesicht verlor, war ein schöner Tag. Er selbst würde das aber anders formulieren. Er würde sagen, damals war das Gesicht noch "unbeschädigt", als sei er ein Auto oder ein anderer Gegenstand. Briest erinnert sich sehr genau an jenen Tag, auch deshalb, weil er ihn in einem Tagebuch beschrieben hat. Darin hat er die zwei Monate, die er im Kosovo war, festgehalten - welche Einsätze er hatte, wann er frei bekam. Das Buch liegt bei ihm zu Hause in Glöwen, Brandenburg. Im Tagebuch hören die Eintragungen am 3. Juli 1999 um 13 Uhr auf.

Meik Briest liegt im Krankenhaus der Bundeswehr in Berlin. Die Hitze drückt durchs Fenster, er hat sein rechtes Knie verletzt beim Hochsprung, weil er nach dem Unfall unbedingt das Sportabzeichen machen wollte. Er wollte wieder dabei sein, sich beweisen, dass alles wieder ganz normal mit ihm ist. Außerdem mache sich so etwas gut in der Beurteilung, sagt er. Ehrgeizig ist er noch immer. Nun ist er wieder im Krankenhaus. Krankenhäuser kennt er gut, 15 Mal wurde er in den letzten zwei Jahren operiert.

Meik Briest sitzt auf seinem Bett, die Beine hängen nach unten, das rechte Knie schmerzt ihn. Hinlegen würde er sich nicht fürs Gespräch. Er bewahrt Haltung. Briest ist 36, trägt die Haare sehr kurz wie alle hier, und sein Körper sieht aus, als habe Briest sich sein Leben lang intensiv mit Hanteln beschäftigt. Er wiegt fast 100 Kilo. Ein Soldat wie aus der Werbebroschüre der Armee, wäre da nicht sein Gesicht. Neben ihm liegt ein Handtuch, ab und zu tupft er damit behutsam über seine Stirn und seine Augen. "Nicht mein Wetter, zu heiß", sagt er und lächelt.

Der Schrecken der anderen

Meik Briest lächelt oft, sehr oft. Es ist kein Lächeln, das die Augen erreicht. Es ist ein müdes Lächeln, ein bisschen resigniert. Und er hat sich angewöhnt, die schlimmsten Geschichten mit diesem Lächeln und einem ironischen Unterton zu erzählen. Als hätten sie so weniger mit ihm zu tun, würden dadurch weniger schlimm. Es ist seine Taktik, sich zu schützen. Er zwingt sein Gegenüber zum Grinsen, damit er den Schrecken der anderen nicht sehen muss. Er selbst trägt ihn für immer im Gesicht. Er sagt, er denke selten an den Unfall damals, geträumt habe er noch nie davon. Nur ein Mal hat er laut im Koma den ganzen Vorfall geschildert. Meik Briest kann sich nicht daran erinnern. Die Krankenschwestern haben es ihm im Nachhinein erzählt.

Damals, 1999, schien ihm der Kosovo-Einsatz als logische Folge seiner Ausbildung. Er ist Feuerwerker, er räumt den Dreck weg, den ein Krieg hinterlässt. Er muss Bomben, Minen und andere "gefährliche Ladungen" zuerst aufspüren, wenn nötig entschärfen und dann beseitigen. Außerdem bekam Briest als Ostdeutscher zu jener Zeit nur 67 Prozent des Gehalts eines Westsoldaten. Bei Auslandseinsätzen gibt es 100 Prozent für alle und einen Zuschlag von 180 Mark pro Tag. Auch das war nicht ganz unwichtig bei seiner Entscheidung. Und in Deutschland konnten sie ihre Fähigkeiten immer nur künstlich auf dem Übungsplatz proben. Vielleicht fängt man dann irgendwann an, darauf zu warten, dass es einmal Ernst wird.

Briest hat immer gesagt, er wäre auch bereit, ins Ausland zu gehen. Seiner Frau hat er nur wenig davon erzählt. Er hält es bis heute so, je weniger sie weiß, umso weniger Sorgen kann sie sich machen. Zum Beispiel darüber, dass ihr Mann jetzt jederzeit nach Mazedonien gehen würde, wenn man ihn ließe und wenn dort Feuerwerker gebraucht würden.

Vor dem Einmarsch der Bundeswehr in den Kosovo hat er ausländische Soldaten für ihren Einsatz dort ausgebildet. Nach drei Tagen musste er plötzlich selbst an dem Lehrgang teilnehmen. Im Frühjahr 1999 rückte Meik Briest zusammen mit anderen aus seinem "Kampfmittelbeseitigungszug", wie es in Bundeswehrdeutsch heißt, zunächst nach Mazedonien aus. Sie waren in Tetovo stationiert und probten den Ernstfall. Mitte Juni bekamen sie den Marschbefehl für den Kosovo. Briest weiß noch, wie ihnen die Menschen an der Straße zugejubelt haben. Er erinnert sich gern daran, es ist ein Versuch, den Ereignissen danach wenigstens einen kleinen Sinn zu geben. Bis zum Abend des ersten Tages schien alles ruhig. Briest fuhr ganz vorn im Konvoi mit. Nachts um eins lag vor ihnen auf der Straße plötzlich eine Leiche, und er bekam den Auftrag, sie auf "gefährliche Ladungen" zu untersuchen. Es war dunkel, er stand allein auf der Straße, nur mit einer Taschenlampe in der Hand. Die anderen warteten in sicherer Entfernung, und er hörte Schüsse. Der Krieg war noch nicht ganz vorbei. "Ich habe es allein gemacht", sagt er und meint die Untersuchung der Leiche. Er sagt, es sei keine "schöne Sache" gewesen, so trocken, wie er seine Emotionen immer beschreibt. Es war sein erster Auftrag, und es war plötzlich verdammt Ernst.

Sie rückten dann nach Prizren ein. In der ersten Woche mussten Briest und sein "Trupp" ein Krankenhaus auf versteckte Ladungen untersuchen, das heißt auf Sprengfallen, Minen und Blindgänger. Er leitete eine Gruppe von fünf Mann, alle trugen Splitterschutzanzüge, die allein schon 40 Kilo wogen und tasteten sich vorwärts. "Bei jedem Gegenstand, den ich berührte, hatte ich einen Adrenalinschub", sagt Briest. Alles konnte hier den Tod bedeuten - die Tür, das Bett, der Schrank, das Operationsbesteck. Kein Gegenstand war mehr das, was er schien. Die Welt war irgendwie aus den Fugen geraten. Der "Stern" bestätigte ihm und seinen Leuten später, sie hätten den "gefährlichsten Job auf dem Balkan".

Ein gutes Gefühl

Warum macht er das? Briest sieht aus dem Fenster, lächelt, überlegt, lächelt. Er kann es nicht erklären. "Es ist das, wozu ich ausgebildet bin", sagt er schließlich. Er wirkt, als finde er die Frage absurd. Das Schlimmste für ihn wäre, an einem Schreibtisch zu sitzen und Versicherungen zu verkaufen wie einige seiner alten Kameraden, die nach dem Mauerfall nicht aus der NVA übernommen wurden. Nach einer Woche waren Briest und seine Einheit fertig in Prizren, das Krankenhaus war sauber. Sie hatten ein gutes Gefühl.

Und dann kam er, dieser Tag, der von Anfang an nichts Gutes verhieß. Es war der 3. Juli 1999. In einem kleinen Dorf in der Nähe der albanischen Grenze sollten sie eine 250 Kilo schwere Bombe entfernen und entschärfen, die zwischen zwei Häusern klemmte. Die Bombe zogen sie mit einem Seil heraus. Briest nennt sie nur "das Ding". Sie sprengten die Hülle des Bombenkörpers auf, dadurch sollte im Inneren Druck erzeugt werden, wodurch die Zünder ausgestoßen werden und der Sprengstoff verbrennen sollte. Das hatten sie geübt, sehr oft. Und es war der Idealfall. Zu Beginn sah auch alles gut aus, der Sprengstoff brannte wie vorgesehen. Plötzlich gab es einen Knall. Der Rest des Sprengstoffs war explodiert. Alle Fenster des Hofs waren zerborsten, die Dächer abgedeckt und tiefe Risse hatten sich in die Häuserwände gegraben. Niemand wurde verletzt. Aber zufrieden war keiner.

Um ein Uhr mittags war der Einsatz zu Ende, und Meik Briest machte seine letzte Tagebucheintragung. Sie waren auf dem Rückweg nach Prizren, als Bauern sie an der Straße anhielten. Sie schrien nur: "Mina, Mina". Es gibt eine Regel, nach der immer nur einer aus der Gruppe zum potenziellen Gefahrenort mitgeht. "Ich war am dransten", sagt Briest und es klingt wieder irgendwie witzig. Er sieht in Richtung des Fensters, Briest spricht jetzt langsam wie im Schlaf, als müsse er die Erinnerungen von sehr weit herholen. Aber er hat sich jedes Detail eingeprägt. Briest sah eine Wiese, auf der mehrere Bomblets verteilt lagen, "Bömbchen". Sie werden in einem Behälter aus Flugzeugen abgeworfen, der zerlegt sich in der Luft und verstreut die Kleinbomben über ein bestimmtes Gebiet. Nicht alle von ihnen waren explodiert. Briest wollte gerade zurück zum Auto und Hilfe holen. Als einer der Einheimischen eine der Bomblets aufhebt und betrachtet. Briest weiß noch, dass er rief: "Leg sie wieder hin." Er konnte nicht weiter reden. Der Mann warf sie einige Meter von sich. Nachlässig. Es kostete ihn das Leben. Briest weiß nichts mehr davon. Als er wieder denken konnte, fühlte er, dass etwas mit seinem Gesicht nicht stimmte. Er wurde noch am Unfallort schnell versorgt, in Prizren notoperiert und schließlich nach Koblenz ins Bundeswehrzentralkrankenhaus ausgeflogen.

Seine rechte Gesichtshälfte war nur noch ein großes Loch. Unterkiefer und Zähne waren völlig zertrümmert. Später haben sie Stücke aus seinem Beckenknochen ins Gesicht gesetzt, weil da nichts mehr war. Wenn er jetzt lächelt, lächelt nur die linke Hälfte seines Mundes. Er kann nicht alles essen, was er möchte und seinen Mund nicht so bewegen, wie er will. Es ist längst noch nicht alles verheilt, weitere Operationen werden folgen. Als er das erste Mal wieder einen Spiegel in der Hand hielt, noch in Koblenz, dachte er, er müsse jetzt aus dem Fenster springen. Inzwischen habe er sich daran gewöhnt, sagt er. Auch wenn ihn manchmal die Menschen in seinem Heimatort anstarren und sagen: "Wie sieht der denn aus." Und seine Frau von Fremden mit Telefonanrufen terrorisiert wurde. Die Stimmen am Telefon nannten sie "alte Soldatenschlampe" und fragten, ob ihr Mann nun genug verdient habe. In einem Gebiet, wo 20 Prozent arbeitslos sind, ist jeder, der Arbeit hat, ein potenzieller Feind, selbst wenn er das Gesicht verloren hat.

Hart zu sich selbst

Andere können ihre Unfälle leichter vergessen, Meik Briest wird täglich daran erinnert. Spiegel sind seine Feinde. Er rasiert sich elektrisch und tastet danach seine Haut ab, ob alle Stoppeln weg sind. Er trat im Fernsehen auf, die Sendung hat er sich danach nie angesehen. Es gibt keine neuen Fotos von ihm, er möchte sich nicht sehen. Von früher, aus der Zeit vor dem Unfall, gebe es zum Glück auch nicht viele, sagt er. Er versucht, alles zu vergessen, indem er sein Gesicht einfach verdrängt. Auch geraucht hat er seitdem nicht mehr. "Erst, wenn ich wieder komplett instand gesetzt bin", sagt er und lächelt wieder dieses merkwürdige Lächeln, obwohl es nichts zu lachen gibt. Er wird nie mehr so aussehen wie früher.

Wenn man ihn fragt, ob er es bereut, Soldat geworden zu sein, in den Kosovo gegangen zu sein, dann sieht er einen verwundert an: "Nein, absolut nicht. Diese Arbeit hat mir eine Menge Erfahrung gegeben." Kann einer so hart sein zu sich selbst? Wieder ein Lächeln, Briest hebt kurz die Arme und lässt sie dann auf seine Oberschenkel fallen.

Nächste Woche entscheidet der Bundestag, ob deutsche Soldaten am Nato-Einsatz in Mazedonien teilnehmen werden. Briest würde sofort wieder mitgehen. Warum? "Ich bin Soldat, ich habe keinen Bock, Kisten zu zählen." Alles soll wieder so sein wie vor dem Unfall. Das ist sein größter Wunsch, seinen Beruf so ausüben zu können wie vorher.

Neben seinem Bett im Krankenhaus liegt ein Buch: "Die Kanonen von Navarone". Es handelt von einer britischen Spezialtruppe im 2. Weltkrieg. "Die machen das, was ich früher gemacht habe", sagt Briest. Er liest es schon zum dritten Mal. Vielleicht ist es ein Versuch, der Gegenwart zu entrinnen, sich in DDR-Zeiten zu träumen, wo alles noch in Ordnung war, auch sein Gesicht.

Schon als Kind war Briest von allem fasziniert, was mit Militär zu tun hatte. Einmal nahm er alte Landserhefte mit in die Schule. Er hatte sie bei seinem Vater gefunden. Es gab großen Ärger. Der Vater verbrannte die Hefte, und Mike Briest bekam Stubenarrest.

Er hatte sich später gleich nach seiner Lehre zum Landmaschinenschlosser für zehn Jahre verpflichtet. Er war Gruppenführer einer Spezialaufklärungstruppe, die bis 250 Kilometer hinter die feindliche Linie eindringen sollte. Er hatte eine Scharfschützenausbildung, hatte gelernt, mit Sprengstoff umzugehen und wie man kleinere Sabotageakte ausführt. In der DDR gab es nur 200 Mann, die das konnten. Ihre Marschrichtung wäre Dänemark oder Norddeutschland gewesen. Nach der Wende bewachte Briest noch die Auflösung seiner Armee. "Ich wusste am Morgen nicht, ob ich am Abend noch Soldat sein würde." Es wirkt, als sei das etwas gewesen, was ihm wirklich Angst gemacht hat, mehr als alles andere in seinem Leben.

Seit einiger Zeit arbeitet Meik Briest wieder. Er bildet die Soldaten aus, die das machen sollen, was er im Kosovo gemacht hat - Bomben wegräumen, Minen entschärfen. "Ich habe die Erfahrung aus erster Hand." Er lächelt wieder. Er meint das ernst.

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